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In den tristen Vorstädten Frankreichs wuchsen auch die Attentäter auf - Ausgrenzung statt Integration

Die verlorene Generation

Die Attentäter von Paris kamen fast alle aus Vorstädten wie Saint-Denis. Obwohl diese 100 000-Seelen-Gemeinde und die Seine-Metropole nur fünf Kilometer trennen, liegen Welten zwischen ihnen.

27.11.2015
  • PETER HEUSCH

Nadim hat sich eine der zwei Tagezeitungen gegriffen, die im "Comptoire du Marché", einem kleinen Bistro im Zentrum der Pariser Vorstadt Saint-Denis, auf dem Tresen liegen. Deren fette Schlagzeilen gelten den letzten Entwicklungen bei den Ermittlungen über die blutigen Anschläge vom 13. November. Am Abend zuvor hatte Generalstaatsanwalt François Molins bestätigt, dass die Terroristen am 18. oder 19. November im Pariser Geschäftsviertel La Defense erneut zuschlagen wollten. Zwei Selbstmordattentäter sollten sich dort in die Luft sprengen.

Dass es nicht dazu kam, ist einem dramatischen Anti-Terror-Einsatz zu verdanken, der am frühen Morgen des 18. Novembers stattfand. Die Polizei-Eliteeinheit RAID stürmte in Saint-Denis eine Wohnung, in der sich drei Islamisten verschanzt hatten. Sieben Stunden dauerte der Zugriff, bei dem Abdelhamid Abaaoud, der mutmaßliche Drahtzieher der Anschläge, dessen Cousine Hasna Aitboulahcen und ein bis heute nicht identifizierter weiterer Dschihadist getötet wurden.

Von dem Haus in der Rue Corbillon, wo sich die Terroristen versteckt hatten, liegt das "Comptoire du Marché" keine 300 Meter entfernt. Die meisten Kunden wohnen in der Nachbarschaft und sind an jenem Mittwoch von den wilden, minutenlangen Feuergefechten aus dem Schlaf gescheucht worden. Nadim nicht. Der 29-Jährige arbeitet in Paris als Taxifahrer und hatte Nachtschicht. Dafür kennt er Jawad Bendaoud, "vom Sehen". Jetzt kann er in seiner Zeitung lesen, dass Bendaoud, der den Islamisten ihren Unterschlupf in Saint-Denis besorgt hatte, der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung angeklagt wurde.

Nadim schüttelt den Kopf: "Der und ein Terrorist? Das war ein Schmalspurganove. Und in die Moschee ging der noch seltener als ich." Sich selbst bezeichnet Nadim, ein Sohn algerischer Einwanderer, als nicht praktizierenden Moslem. Nur ab und an nehme er mit seiner Lebensgefährtin am Freitagsgebet teil. Wie die meisten Moslems, die er kenne, meint er dann und fügt bestimmt hinzu: "Saint-Denis ist keine Islamistenhochburg!"

Nein, in diesem Ruf steht Saint-Denis nicht, selbst wenn rund 36 Prozent der 100 000 Einwohner von Immigranten aus Nord- und Schwarzafrika abstammen. Aber die nur fünf Kilometer nördlich der Seine-Metropole angesiedelte Vorstadt gilt als ein brandheißes Pflaster. Im Schatten ihrer berühmten Basilika, der Grabstätte der französischen Könige, verzeichnet sie die höchste Kriminalitätsrate des Landes und mit 22 Prozent eine Arbeitslosenquote, die doppelt so hoch ist wie der Landesdurchschnitt. Und obwohl Saint-Denis im Gegensatz zu vielen verwahrlosten Vorstadtghettos im Einzugsbereich französischer Großstädte über Polizeikommissariate, Arbeitsämter und Metroanschluss, ja sogar über eine Universität verfügt, zählt die Gemeinde zu jenen "Problemvierteln", die die Behörden besonders scharf im Auge haben.

Keine sechs Minuten sind es zu Fuß vom Bistro "Comptoir du Marché" bis zur Metrostation Basilique de Saint-Denis. Von dort aus befördert die Linie 13 ihre Passagiere in 22 Minuten zu den Champs-Elysées. Es ist beinahe wie eine Reise in eine andere Welt, so groß ist der Kontrast zwischen der Pariser Prachtavenue und der tristen Vorstadt. Ebenso groß dürfte auch die Kluft zwischen den Lebenswelten gutsituierter Pariser Bürger und der Stammkundschaft eines Bistros in Saint-Denis sein.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - im Mutterland der Menschenrechte sind Standesdünkel offiziell verpönt. Aber auch wenn sie so gar nicht in das Bild eines gerne idealisierten Frankreichs passen, es gibt sie. Hinter vorgehaltener Hand machen viel zu viele alteingesessene Franzosen keinen Hehl aus ihrer Geringschätzung für die "minorités visibles", die "sichtbaren Minderheiten". Gemeint sind die braun- und schwarzhäutigen Nachfahren der afrikanischen Einwanderer, die sich oft schon allein wegen dieses Begriffs als Bürger zweiter Klasse diskriminiert fühlen.

Neu sind diese sozialen Spannungen keineswegs, doch sie haben sich seit den späten 1980er Jahren kontinuierlich verschärft. Waren die Zuwanderer aus den ehemaligen Kolonien ursprünglich als in einer brummenden Industrienation dringend benötigte Arbeitskräfte durchaus willkommen, änderte sich das mit dem Ende des Aufschwungs. Aus den Arbeitern wurden allzu häufig Arbeitslose und auf einmal fehlte es auch an dem nötigen Geld, die eigens für die Unterbringung der Immigranten hochgezogenen Trabantenstädte vernünftig zu unterhalten. Sie verkamen langsam aber sicher zu den heute so verrufenen Vorstadtghettos.

Franzose ist laut Staatsdoktrin, wer auf französischem Boden geboren wurde und dem schon deswegen in den Schulen der Republik die französische Kultur vermittelt werden konnte. Dieses nationale Selbstverständnis mag eine klare Absage an jede Form von Multikulti sein, aber sie soll eben auch die Integration aller Einwandererkinder unabhängig von ihrer Abstammung garantieren. In der Theorie jedenfalls. In der Praxis nämlich ist die Integration eines erheblichen Teils der in den Vorstädten aufwachsenden Jugendlichen gescheitert. Selbst französische Soziologen sprechen in diesem Zusammenhang von einer verlorenen Generation, die sich von der Gesellschaft ausgegrenzt fühle.

Nur im Sommer 1998 sah es einen Moment lang so aus, als ließen sich Standesdünkel und soziale Spannungen zwischen Franzosen erster und zweiter Klasse tatsächlich überwinden. Damals eroberte die französische Fußballnationalmannschaft im funkelnagelneuen Stade de France von Saint-Denis ihre bislang einzige Weltmeisterschaftskrone. Der Freudentaumel, der das ganze Land erfasste, wollte gar nicht mehr enden. Die Begeisterung war so groß, dass die Franzosen sogar ihre Nationalfarben Blau-Weiß-Rot aussortierten und stattdessen Hymnen auf die "Equipe Blanc-Black-Beur" sangen - ein Verweis auf die drei Hautfarben der Nationalkicker.

Außerhalb des Fußballfelds freilich hat die Realität dem schönen Bild von der Harmonie zwischen Blanc (Weiß), Black (Schwarz) und Beur (Maghrebinisch) nie entsprochen. Sie war immer eine Illusion, bestenfalls ein Wechsel auf eine andere, bessere Zukunft. Und selbst diese Illusion platze spätestens, als unterschwelliger Fremdenhass den Rechtsextremen Jean-Marie Le Pen 2002 in die Stichrunde der Präsidentschaftswahlen spülte. Drei Jahre später dann zettelte die vernachlässigte Ghettojugend einen regelrechten Aufstand in 300 Vorstädten an, dem die Regierung nur mit der Verhängung des Ausnahmezustands Herr werden konnte.

Die Metrolinie 13 von Saint-Denis ins Zentrum von Paris führt direkt am Stade de France vorbei, wo sich am 13. November drei Islamisten in die Luft sprengten. Um hingegen in das bei jungen Hauptstadtbewohnern beliebte Pariser Ausgehviertel im elften Bezirk zu gelangen, muss man auf die Linie 9 umsteigen und elf Haltestellen weiter bis zur Station Saint-Ambroise fahren. In deren unmittelbarer Nähe liegt nicht nur die Konzerthalle Bataclan, wo die Terroristen 89 Menschen töteten, sondern auch alle vier Restaurant- und Caféterassen, deren Besuchern die übrigen mörderischen Angriffe galten.

Nach den bisherigen Erkenntnissen wurde die Attentatsserie in Syrien geplant und angeordnet. Doch die meisten der Dschihadisten, die sie ausführten, waren ebenso Franzosen wie die drei Terroristen, die im Januar in Paris die Anschläge auf das Satiremagazin Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt verübten. Franzosen, die Franzosen töteten und die sich höchstwahrscheinlich nicht als Franzosen fühlten. Ausnahmslos wuchsen sie in französischen Vorstädten auf, ausnahmslos gehören sie jener von den Soziologen als verloren bezeichneten Generation von Einwandererkindern an.

Dass das ein Zufall sein könnte, mag in Frankreich kaum jemand glauben. Einige Kommentatoren sprechen sogar von einer schnurgeraden Linie, der die Terroristen aus den Vorstädten in das Herz der Seine-Metropole folgten, um zu zerstören, was ihnen unerreichbar schien. Für Nadim jedoch, den Taxifahrer aus Saint-Denis, ist das "dummes Intellektuellengeschwätz". In seinen Augen sind die Attentäter nichts anderes als "durchgeknallte Asoziale", die auch ohne die Hasspropaganda des IS eines Tages zu Killern geworden wären.

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27.11.2015, 08:30 Uhr

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