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Elbphilharmonie

Die vollendete Kunst des Bauens

Stadien, Museen, Konzerthäuser: Die Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron erfinden auf der ganzen Welt einmalige Gebäude.

11.01.2017
  • JÜRGEN KANOLD

Hamburg. Eine Lagerhalle könnte das sein. Oder eine Scheune? In Berlin tobt gerade eine heftige Debatte über den preisgekrönten Entwurf für das neue „Museum des 20. Jahrhunderts“, das die Schweizer Jacques Herzog und Pierre de Meuron endlich am Kulturforum bauen sollen. Die Stararchitekten in der Hauptstadt – aber dann das: nichts Spektakuläres. Die Hamburger Elbphilharmonie dagegen, die heute eröffnet wird, feiern die Kritiker schon jetzt als ein Jahrhundertbauwerk, vergleichbar dem Opernhaus von Sydney. Ja, die „Elphi“ ist gewiss ein Geniestreich des Büros Herzog & de Meuron.

Keine Kunstsparte ist sichtbarer als die Architektur: gemauert, in Beton gegossen, im günstigen Falle unverrückbar auf Jahrhunderte. Weshalb man sich wundert, dass oft so uninspiriert funktional, verwechselbar bis hässlich gebaut wird, eine gelungene Architektur aber immer mehr sein kann als ein Gebäude: zum Beispiel das Wahrzeichen einer Stadt – wie jetzt die Elbphilharmonie.

Opus 230

Aufsehenerregende Bauten aber haben Jacques Herzog und Pierre de Meuron, beide 1950 in Basel geboren, schon viele realisiert: die schlauchbootartige Münchner Allianz Arena zum Beispiel, die in Heimspielen von Bayern München rot leuchtet. Oder das „Vogelnest“ in Peking, das Nationalstadion für die Olympischen Spiele 2008. Natürlich die Tate Modern in London (2000), der Umbau eines ehemaligen Kraftwerks zu einem Museum, mit einer Turbinenhalle als Plaza. Das Gesamtwerk von Herzog & de Meuron mit Hauptsitz in Basel und weltweit rund 400 Mitarbeitern ist freilich immens. Das jüngste Projekt trägt die Opuszahl 457 (Brauchli Ziegelei im Thurgau), die von 2007 bis 2016 gebaute Elbphilharmonie hat die Nummer 230. Die Basler Architekten aber suchen nach immer neuen Formen, pflegen keinen wiedererkennbaren Stil wie Kollege Frank Gehry mit seinem Dekonstruktivismus, ja sie erfinden jedes Gebäude neu.

Wobei man sagen kann: Stets von großer Bedeutung ist den Architekten das Umfeld, oft setzen sie städtebauliche Akzente; auch entwickeln sie Entwürfe oft auf der Basis historischen Bestands. Die Elbphilharmonie gehört so zu ihren typischen Projekten. Sie ragt auf einem ehemaligen Kaispeicher, wo man in den 1960er Jahren noch Kaffee und Tabak lagerte, 110 Meter hoch in den Himmel wie ein Segelschiff im Wind. Die Elbphilharmonie ist eben nicht nur ein Konzertsaal, sondern das Flaggschiff der Hamburger Hafen-City.

Die Elbphilharmonie markiert, so Herzog & de Meuron, einen Ort, den viele Menschen kannten, aber nicht bewusst wahrnahmen und der jetzt „ein neues Zentrum des sozialen, kulturellen und täglichen Lebens“ wird sowie gleichermaßen Besucher aus aller Welt anzieht. Die „Plaza“ im 8. Stock ist den Architekten sehr wichtig: mit 4000 Quadratmetern so groß wie der Hamburger Rathausmarkt, eine öffentliche Aussichtsplattform zwischen Kaispeicher und Neubau.

Auch an einen Wellenkamm erinnert das zackenförmige Dach der Elbphilharmonie, die als eine Skulptur fasziniert. Die Fassade aus Glas gibt zu allen Wetterlagen, zu jedem Licht, einen farbenvollen Kommentar ab. Und nachts leuchtet sie von innen heraus: Am besten lässt sich dieses Kunstwerk von der Elbe aus bestaunen, etwa auf der Überfahrt mit einer Barkasse von den Landungsbrücken hinüber nach Steinwerder zum „König der Löwen“.

Oder zum „Wunder von Bern“: Für die Uraufführung dieses Musicals stellte Stage Entertainment vor drei Jahren ein neues Theater für 1850 Zuschauer hin; 50 Millionen Euro teuer, privat finanziert. Das ist natürlich eine andere Liga. Für die Elbphilharmonie muss der Steuerzahler mit fast 800 Millionen Euro aufkommen, und zwar nicht nur wegen skandalöser Planungen und Chaos auf der Baustelle. Sondern auch deshalb, weil das Gebäude nicht nur als Konzerthaus dient, sondern noch ein 5-Sterne-Hotel und 45 Luxuswohnungen umfasst und kein Zuhörer bei der Aufführung einer Mahler-Sinfonie auch nur den Geräuschhauch davon mitbekommen soll, wenn Hotelgäste nebenan durch den Pool pflügen.

Deshalb mussten eine innere und eine äußere Schale den Konzertraum doppelt umschließen, 362 Stahlfederpakete dazwischen garantieren Schallschutz und koppeln den Saal vom restlichen Gebäude ab. Dass dann eine „weiße Haut“ aus 10 000 individuell zugeschnittenen Gipsfaserplatten den großen Saal auskleidet für die ideale Akustik, hängt damit zusammen, dass in Hamburg in Gebäuden ab dem 10. Obergeschoss aus Feuerschutzgründen das übliche Baumaterial Holz nicht erlaubt ist. Ein Superlativ nach dem anderen – das kostet und kostet.

Neue Lösungen

Immer wieder völlig neue Lösungen, nicht zuletzt neue Materialien – damit überraschen Herzog & de Meuron. Aber dann bauen sie auch immer wieder das Ur-Haus mit dem Giebeldach. Das Vitra-Schaudepot in Weil am Rhein ist so eine Riesenscheune aus gebrochenen roten Ziegeln. In Colmar erweiterten die Pritzkerpreisträger 2015 mit einem Giebelbau das Museum Unterlinden und vereinten Alt und Neu zu einem urbanen Kulturzentrum.

In Berlin also bauen die Schweizer bald das „Museum des 20. Jahrhunderts“ tatsächlich als „einen Ort des Lagerns“, aber auch als einen „Tempel“, als einen „Ort der Stille und des Nachdenkens, der Wahrnehmung von Kunst“. Jeder Bau ist ein Unikat, ihre Elbphilharmonie einmalig.

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11.01.2017, 06:00 Uhr

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