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Roman

Die weibliche Sicht auf die Welt

In seinem neuen Buch erzählt Feridun Zaimoglu sprach- und bildgewaltig „Die Geschichte der Frau“.

15.03.2019

Von Sebastian Fischer

Berlin. Die Frau scheint ein Fluch zu sein, ein von Dichtern ersonnener. Von Anfang an wird die Frau von den Männern geführt. Schon am Beginn der Literatur, in Homers „Ilias“, steht zentral die Helena, derentwegen sich Griechen und Trojaner die Köpfe einschlagen. So eigenständig Frauen damals und später als literarische Figuren auch auftreten, so fremdbestimmt sind sie meist durch die Hand des Dichters.

Auch Feridun Zaimoglu ist ein Mann, „Die Geschichte der Frau“ heißt sein sprach- und bildgewaltiges neues Buch, das für den Leipziger Buchpreis nominiert ist. Doch ist der Roman – ein loser Rahmen für zehn Erzählungen über berühmte Frauen aus Mythos, Religion und Zeitgeschichte – genauso (vielleicht noch viel mehr) eine Geschichte über den Mann und das traditionelle Verständnis von Männlichkeit. Seine Texte durchdringen das Gefüge von Macht und Joch.

Am Anfang steht die Ägypterin Zippora, schwarzhäutige Gefährtin des Moses. Die Israeliten verhöhnen sie als „hündisch lauernde Buhle“, die „den Wüstenführer verlockt“; sie selbst sieht sich als sein Pfeiler: „Ich festige ihn.“ Zehn Geschichten später lässt Zaimoglu die Radikal-Feministin Valerie Solanas ihre Waffe auf Andy Warhol richten und sagen: „Du bist wertlos.“

In einem Bogen von dreieinhalb Jahrtausenden – vom antiken Mythos bis zur Frauenbewegung des 20. Jahrhunderts – zeigt Zaimoglu die weibliche Sicht auf den Mann. Wie diese sich wandelt, während die Machtstrukturen erhalten bleiben. Der 54-Jährige stößt damit mitten hinein in die Debatte, bei der derzeit allerorten männliche Einfluss- und Gewaltgefüge hinterfragt werden.

Derb und körperlich

Das ist für Zaimoglu nicht neu: Auch in seinen anderen Texten näherte sich der preisgekrönte Erfinder der „Kanak Sprak“, der in München, Berlin und Bonn aufwuchs und seit mehr als 30 Jahren in Kiel lebt, immer wieder gesellschaftlichen Themen.

Zaimoglus Sprache strotzt vor Körperlichkeit und wenig zimperlicher Derbheit. Zu erwiderter Zuneigung ist keine der Figuren fähig. Die bedauernswerte weibliche Leerstelle in der offiziellen Geschichtsschreibung wird dieses Buch nicht füllen. Doch zeigen sich zumindest Umrisse. Oder wie Antigone sagt: „Die Männer, sie haben ihre Hymnen, wir haben unsere Gesänge.“

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Erstellt:
15. März 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
15. März 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 15. März 2019, 06:00 Uhr

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