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„Liebe Liesel, liebe Eltern“: Briefe des Belseners Ernst Wagner aus Krieg und Gefangenschaft

Dieser Krieg will kein Ende nehmen

BELSEN. „Etwas verwunschen liegst du,/ Kleine Kapelle,/ Auf einem keltischen Grabhügel/ Im Windschatten der Alb./ Tausendjähriges Kleinod der Romantik,/ Erzähle deine geheimsten Steingedanken / Du nimmst dein Geheimnis mit/ Auch ins nächste Jahrtausend . . .“ „Kapelle in Belsen“: Verse von Erhard Wagner, der aus Belsen stammt, Gymnasiallehrer in Markgröningen. Vom Fuße dieses Hügels, auf dem die Kapelle steht („ein unendlich friedlicher Anblick“, so Gustav Schwab), sind wie überall junge Menschen ausgezogen, sei es im Dreißigjährigen Krieg, im Ersten oder Zweiten Weltkrieg.

03.05.2011
  • Günter Randecker

104 zwischen 1939 und 1945 gefallene Belsener Bürger verzeichnet das Kriegerdenkmal auf dem nahe gelegenen Friedhof, darunter neben seinen Schulkameraden Wilhelm Boll, Lothar Buck und Erich König auch Wilhelm Wagner, Jahrgang 1923, vermisst seit der Schlacht bei Stalingrad, 1943.

Dessen Vater, Ezechiel Wagner (1898 bis 1993), Arbeiterbauer, engagierte sich 1945/46 in Belsen beim kommunalpolitischen Wiederaufbau. Seine Lebenserfahrungen sind auch nachzulesen in dem Buch über den Mössinger Generalstreik „Da ist nirgends nichts gewesen außer hier“.

„Liebe Liesel“, schrieb der Bruder „im Felde“ an seine sieben Jahre jüngere Schwester Anfang Februar 1944: „Du weißt gar nicht, wie schön es ist zu Hause, sei nur froh, dass Du ein Mädchen bist.“ Mit einer Feldpostkarte („Stürmende Infanterie“) bedankte er sich bei der „lieben Schwester Luise“ für den lieben Brief und die Päckle („Habe kaum Zeit, die Briefe zu lesen“).

Den letzten Brief aus dem Felde, „aus weiter Ferne“, schickte Ernst Wagner Anfang Mai 1944 an seine Schwester zu ihrem Geburtstag: „Ich meine es wäre erst gestern gewesen, als Dich unser Wilhelm immer auf dem Buckel herumtrug, und jetzt sollst Du schon zwölf Jahre alt sein, die Zeit eilt ja nur so dahin, nur dieser elende Krieg will kein Ende nehmen . . . Daheim werden . . . die Bäume schon blühen und bald auch die Maiglöckle. Als wir beide so alt waren wie Du jetzt, sind wir im Mai fast jeden Tag in den Wald und holten immer so schöne Sträuße mit Maiblumen. Doch diese schöne Zeiten sind für uns vorüber, und wer weiß, wo unser Bruder Wilhelm sein Leben fristen muss.“

Erst über zwei Jahre später, im August 1946, empfingen die Eltern in Belsen eine Nachricht von ihrem Sohn: „Nach langer Zeit habe ich heute Gelegenheit, ein Lebenszeichen von mir zu geben. Ich bin seit 9. Juli 1944 in Gefangenschaft . . . liebe Eltern, ich habe nur den einzigen heißen Wunsch, Euch recht bald wiederzusehen. Es grüßt Euch tausendmal Euer Ernst! . . . Sind von meinen Kameraden schon welche zu Hause?!“ Im April 1947 verzierte Ernst Wagner seinen nächsten Brief mit einem Palmkätzlezweig. Er war im Gefangenenlager bei Saratov an der Wolga, von wo aus er Anfang Januar 1948 nach Belsen schrieb: „Liebe Eltern und Schwester Luise . . . Das Jahr der Heimkehr hat begonnen, denn ich hoffe, dass im Spätjahr auch wir an der Reihe sein werden, oh, das wird das größte Fest meines Lebens sein.“

Ernst Wagner war inzwischen 22 Jahre alt und „nach all den Entbehrungsjahren“ um eine bittere Erkenntnis reifer: „Freunde in der Not gehen Hunderte auf ein Lot. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was es in Gefangenschaft heißt, einen Kameraden zu haben, der einen unterstützt und sogar das letzte Stück Brot mit einem teilt.“ Der Schwester Liesel schrieb er: „Ich muss Dein Bildchen immer wieder bewundern, wie groß Du bist . . ., aber mich werdet Ihr auch nicht mehr wiederer-kennen.“ Hocherfreut bedankte er sich im letzten Brief aus der Gefangenschaft für die Tatsache, dass Pakete bis zu acht Kilogramm aus der Heimat geschickt werden durften. „Wieviel Vieh habt Ihr, und müsst Ihr viel abliefern. Wer macht die Arbeit alle zu Hause? . . . In der Hoffnung auf ein frohes Wiedersehen in der teuren alten Heimat . . .“

Ernst Wagners Sohn ist 50 Jahre später unter die Dichter gegangen, die Landschaft seiner Ahnen besingend: „Jurameerkind . . . Heide der Alb . . . irreal schön.“ Und über den Mössinger Bergsturz: „Vergänglich ist alles/ Und in Bewegung./ Neues Leben entsteht/ Aus dem Tod./ Die Spechte trommeln/ Die Botschaft/ Noch einmal/ Stellvertretend/ Waldeinwärts.“

So beginnt Erhard Wagners Aufruf zur deutsch-russischen Begegnung: „Als sie sich frühsommers . . ./ Trafen,/ Die ehemaligen Kriegsgegner,/ Rotarmisten und Panzergrenadiere/ Der 25. Wehrmachtsdivision,/ Und sich in weiser Erhabenheit/ Hände zur Versöhnung/ Reichten . . .“ (aus: „Boten der Begegnung — Gedichte“, darin sind auch diese Worte zu finden: „Botschaften neuer Begegnung. Inseln verdichten sich zum gelobten Festland“).

Kam nicht vor rund 150 Jahren eine spätere württembergische Königin aus Russland? Olga Nikolajewna. Und mag es da nicht tröstlich sein, wenn am Ende dieses Jahrtausends der Kriege, des Leids, der zerstörten Hoffnungen von der Olga-Höhe bei Mössingen über die Olga-Höhle bei Honau bis zum Olga-Felsen bei Dettingen/Erms Dokumente (zugleich Monumente) schwäbisch-russischer Allianz den Wanderer entlang der Neckarseite der Schwäbischen Alb an die Idee eines friedlichen Völkerbundes, nicht eines ewigen Völkerkrieges erinnern?

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03.05.2011, 12:00 Uhr

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