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Der weiße Kenianer

Dieter Baumann hat jetzt Kabarett am Laufen – und wie!

Kolumnen hat er ja schon geschrieben, der Dieter Baumann. Und ein Buch. Viele Prominente schreiben ein Buch. Und aus manchem Sportler wird nach der aktiven Laufbahn ein Sportmoderator. Aber ein Sportler, der zum Comedian wird?

16.09.2010
  • Peter Ertle

Tübingen. Nicht bekannt. Und, ehrlich, wenn Sepp Maier Karl Valentin beerbt hätte oder Mario Basler ein zweiter Mario Barth geworden wäre, es hätte weniger erstaunt als die wundersame Wandlung Dieter Baumanns: Vom Läufer zum Kabarettisten. Mit dem Läufer Baumann konnten sich nur wenige messen. Der Bühnenperformer Baumann wiederum kann sich mit vielen durch die Lande tourenden Comedians und Kabarettisten messen. Das ist mehr als ganz nett plus Promibonus. Am Dienstag trat er zeitnah vor dem Stadtlauf im d.a.i. auf.

Dieter Baumann hat jetzt Kabarett am Laufen – und wie!
„Körner, Currywurst und Kenia“: Dieter Baumann im Deutsch-Amerikanischen Institut.Bild: Metz

Im Prinzip sind es lauter Anekdoten aus seinem Läuferleben. Zum Beispiel dieses Trainingslager in Kenia. Wie der Tankwart einer an Baumanns Trainingsstrecke gelegenen Tankstelle jeden Tag um 17 Uhr mit dem Sportler mitlief, von der Arbeit nachhause, irgendwann in sein Dorf abbiegend. Oder: Wie sich Baumann in Kenia vor einer Art Stadtlauf nach dem Streckenverlauf erkundigte und erfuhr: „You only follow the others.“ Wie er dann tatsächlich nur 84. wurde. Wie ihn der Militärkoch beim Festbankett danach grinsend fragte, wie sein Lauf denn so war und ganz nebenbei mitteilte, er sei auch gelaufen. Und? 79. geworden.

Ich bin der Zahnpastamann

Aufgeschrieben, rein von der story her, wären diese Geschichten je nachdem irgendwo zwischen schmunzelamüsant und so na ja. Hier auf der Bühne aber werden sie augenblicklich komisch. Denn Baumann erzählt sie nicht nur, er spielt sie, gestikuliert, wiederholt die Worte, setzt Pausen, Betonungen, Pointen, wechselt die Lautstärke, und zwar so gekonnt, dass es sich hier nur um eine Kombination aus Training und Veranlagung handeln kann. Also ähnlich wie beim Laufen. So wird schon die Schilderung der Tankstelle oder die Art und Weise, wie der Wettkampfrichter mit der Schuhsohle die Startlinie in den Lehmboden zieht zu einer kleinen Sensation.

Auch Tübingen kommt nicht zu kurz: Steigt Baumann in einen Aufzug oder ein Taxi, muss er sich regelmäßig die Frage gefallen lassen, warum er denn nicht laufe. Einmal blieb die Frage aus, in einem Taxi, nachts, am Tübinger Bahnhof. An der Endstation Neckarhalde sagte der Fahrer „Ach, hier ist das“, zeigte nach oben und sprach: „Da wohnt doch auch unser Zahnpastamann.“ Baumann: „Ich bin der Zahnpastamann.“ Der Fahrer erbleichte.

Dieter Baumann kann übrigens etliche damalige Läuferkollegen, manchen Reporter, die Hyäne und den Urwaldaffen nachmachen, nur beim kenianischen Baumfrosch muss er passen: „Den krieg ich noch nicht so hin.“ Was er im d.a.i auch nicht hinkriegte, war ein Aufwärmtraining mit dem Publikum samt anschließendem Pulsmessen. Das heißt, das Aufwärmtraining klappte noch gut. Aber danach hatte Weltklasseläufer und Spezialgast Arne Gabius annähernd so viel Puls wie der 50-jährige Nicht-Läufer Wolfgang. Baumann geriet sichtlich aus dem Takt – obwohl er sich sonst auch auf dem Feld der Improvisation locker und witzig zeigte, geistesgegenwärtig reagierte.

Wolfgangs 13 tolle Jahre

Besagtem Wolfgang rechnete er geschwind mal vor, wie die Punkte Alkohol, Scheidung, kein Sport die durchschnittliche Lebenserwartung eines deutschen Mannes (76) in seinem, Wolfgangs spezifischen Fall um 13 Jahre auf 63 senken („Du hast immerhin noch 13 tolle Jahre“), gleich darauf („So will ich dich jetzt auch nicht gehen lassen“) schnellte sie durch den günstigen Wohnort Tübingen und die von Dieter für Wolfgang vorgeschlagenen, künftigen Laufeinheiten um 40 Jahre auf: 103. Kolossal!

Dauermarathonläufer Rainer aus dem Publikum durfte Baumanns selbstgeschroteten Weizenbrei kosten und die Wirkung eines spinnenartigen, asiatischen Kopfmassagengeräts testen. Es zählt zu einem ganzen Arsenal von Tempo und Ausdauer steigernden Wundermitteln, die der „weiße Kenianer“ auf einer Läufermesse erworben hat und samt und sonders vorführte.

Am Ende, nach einem fast-Strip steht er mit Nasenpflaster, Stützstrümpfen, Massagespinne auf dem Kopf und zwei zwischen Oberlippe und Zahn geklemmten Marshmallow-ähnlichen Powerballs (beim Stadtlauf bei Kilometer 6 zu empfehlen) da, völlig entstellt. Ein Bild für Götter und das johlende Publikum.

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16.09.2010, 12:00 Uhr

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