Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Streit um das Alte Recht

Dieter Langewiesche: Verfassungsfragen sind Machtfragen

Geschichtsdeutung als Gestaltungsmacht: Dieter Langewiesche sprach im Café in der Kunsthalle über den Verfassungs-Streit der Württemberger im 19. Jahrhundert.

26.07.2014
  • Miri Watson

Tübingen. Ob eine Rückkehr zum „alten, guten Recht“ oder eine neue, modernere Verfassung besser sei: Darüber gab es zwischen 1815 und 1819 in Württemberg große Unstimmigkeiten. Der Tübinger Historiker Prof. Dieter Langewiesche stellte bei seinem Vortrag „Magna Charta der Württemberger – altwürttembergischer Unfug – Verrat“ am Donnerstagabend im Café der Kunsthalle die Hintergründe jenes Streits um den Tübinger Vertrag vor.

„Verfassungsfragen sind Machtfragen“, sagte Langewiesche, der von 1985 bis zu seinem Ruhestand 2008 an der Uni Tübingen lehrte. Um Macht ging es auch, als die Württembergischen Landstände 1815 gegen den Verfassungs-Entwurf von König Friedrich mobilisierten und stattdessen eine Modernisierung der auf dem Tübinger Vertrag basierenden Verfassung forderten. Nachdem zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Herzogtum Württemberg zu einem Königreich geworden war und sich das Staatsgebiet annähernd verdoppelt hatte, war es für König Friedrich ein dringendes Anliegen, die alten und die neuen Württemberger unter dem Dach einer gemeinsamen Verfassung zu einen.

Während die Landstände hierfür eine Überarbeitung und Modernisierung des alten Rechts anstrebten, das sinnbildlich durch den Tübinger Vertrag repräsentiert wurde, wollte König Friedrich eine komplett neue Verfassung beschließen. Um ihre jeweiligen politischen Positionen durchzusetzen, zogen beide Seiten ihre Deutungen des Tübinger Vertrages heran.

Es sei ein Streit um die Deutung der Geschichte gewesen, so Lange wiesche: „Wer die Deutungshoheit über die Geschichte hat, der kann die Zukunft gestalten.“ Die Landstände, für deren Seite auch Ludwig Uhland kämpfte, sahen im Tübinger Vertrag ein Dokument, das bereits drei Jahrhunderte zuvor den Staat als freies Bündnis von Bürgern anerkannte. König Friedrich und die Befürworter einer neuen Verfassung, unter denen auch der Philosoph Friedrich Hegel vertreten war, warfen ihnen „Geschichtssucht“ vor und wünschten sich einen modernen Staat, der den Anforderungen des neuen Europa gewachsen war.

Die Kampagne der ständischen Opposition für eine Erneuerung der alten Verfassung bediente sich multimedialer Elemente: Lieder, Trinksprüche und Bilder wurden herangezogen, um die Bevölkerung von ihrem Anliegen zu überzeugen. „Nicht wir brechen das Recht, sondern der König ist der Rechtsbrecher“, war etwa eines der geflügelten Worte zur Bewahrung des alten Rechts. Die Kampagne war so erfolgreich, dass die von König Friedrich vorgelegte Verfassung nicht verabschiedet wurde. Erst 1819 beschloss sein Nachfolger König Wilhelm I. eine vollkommen überarbeitete Verfassung.

„Für jede Art der Geschichtsschreibung gilt: Wir schauen mit einer bestimmten Perspektive darauf.“, sagte Dieter Langewiesche. Diese Perspektive bestimme das jeweilige Geschichtsbild. Auch in den Jahren von 1815 bis 1819 gab es verschiedene Perspektiven auf den Tübinger Vertrag, die damals nicht nur das Geschichtsbild, sondern auch die Forderungen für die Zukunft bestimmten.

Dieter Langewiesche: Verfassungsfragen sind Machtfragen
D. Langewiesche

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

26.07.2014, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball