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Im Sturzflug schneller als ein ICE

Dietmar Nill hat sich einen Jugendtraum erfüllt und einen Film über Wanderfalken gedreht

Der Mössinger Naturfilmer und Fotograf Dietmar Nill hat am Freitag und am Samstag in der Martin-Luther-Kirche vor großem Publikum seinen neuen Film präsentiert. „Die Rückkehr der Wanderfalken“ wartet mit spektakulären Bildern auf.

16.11.2014
  • Jürgen Jonas

Vor 40 Jahren waren sie fast ausgestorben, die Wanderfalken. Jetzt kann der Mössinger Naturfilmer Dietmar Nill eine Dokumentation mit dem Titel „Die Rückkehr der Wanderfalken“ präsentieren, mit herrlichen Aufnahmen und seltenen Einblicken ins Leben der Vögel.

Die Vorführung war, wie Pfarrer Uwe Braun-Dietz sagte, ein Bestandteil im Gesamtprogramm zum Jubiläumsjahr der Martin-Luther-Kirche, mit besonderem Akzent, dem Thema „Bewahrung der Schöpfung.“ Vor zwei Jahren wurde Nills Fledermausfilm gezeigt. Die Empore der Kirche musste damals wegen Überfüllung geschlossen werden. Auch diesmal war alles, was an Stühlen aufgeboten werden konnte, besetzt.

Gerade mal 30 Brutpaare wurden Anfang der 1970er Jahre bundesweit noch gezählt, Gifte wie das längst verbotene DDT waren Schuld an der starken Reduzierung. Von den 30 Paaren lebten damals 22 auf der Schwäbischen Alb. Dort in den Felsspalten fanden die Wanderfalken, die kein Nest bauen, gute Brutmöglichkeiten. Die Bestände stiegen und breiteten sich wieder aus. Dietmar Nills Reise begann denn auch über den Burgen und Ruinen der Staufer und Hohenzollern auf der Alb.

Hochhäuser eignen sich gut als Vogelfelsen

Der Film zeigt Flugspiele in großer Höhe, wo sich die Falken als Artisten der Luft präsentieren, die Beuteübergabe sich perfekt vollzieht, vom Männchen zum Weibchen. Das kleinere Männchen muss sich erst einmal als geeignet und zuverlässig beweisen, vor allem mit erbeuteten Brautgeschenken, die er demütig zu Füßen legt. Die Vögel teilen sich das Terrain mit anderen Vögeln wie dem Uhu, dem Kolkraben und dem Mäusebussard. Da gibt es auch Reibereien: Wanderfalken stürzen sich mit Höchstgeschwindigkeit auf ihre Gegner.

Nill zeigt in seinem Film die Paarung der Falken und die schwierigen Umstände der Brut. Nach 32 Tagen schlüpft das erste von vier Küken, die von Anfang an als bettelnde Knäuel auftreten und dringlichst gefüttert werden wollen. Kirchen wie in Esslingen, wo die Falken von Stadttauben leben, oder Hochhäuser eignen sich gut als Vogelfelsen – etwa das Domizil der Deutschen Bank in Frankfurt. Nill hat sich auch im Pfälzer Wald umgetan und im Braunkohletagebau in Nordrhein-Westfalen, wo die Tiere auf Riesenbaggern Unterschlupf finden. Auch im Wattenmeer haben sie sich angesiedelt, machen dort Jagd auf Zugvögel und Stare, die in Massen auftreten. Auch in Hamburg gibt es sie wieder, insgesamt leben dort elf Wanderfalkenpaare. Etwa 1000 Tiere sind es mittlerweile in ganz Deutschland. „Eine Erfolgsgeschichte“, heißt es im Filmkommentar.

Nills Dokumentation zeigt grandiose Aufnahmen vor wechselnden Kulissen, Bruchlandungen, erste Rundflüge, dann die hohe Kunst des Schwebens, die Thermik der Felsen ausnützend und den sagenhaften Sturzflug mit ICE-Tempo. Höchst bemerkenswert sind die intensiven Blicke aus Wanderfalkenaugen, die Nill eingefangen hat. Man fühlt sich förmlich durchschaut. Bescheiden trat der Filmer nach der Vorführung vor das große Publikum in der Martin-Luther-Kirche, das noch ganz in den gewaltigen Bildern befangen war. Er gab Auskunft, nachdem der dankbare Applaus abgeklungen war. Einen Jugendtraum habe er sich mit dem Wanderfalken-Film erfüllt, sagte Nill.

Seine Filme nehmen zwei bis drei Jahre in Anspruch. Allein um die Übergabe von Beute in der Luft zu treffen, habe er viele Tage aufwenden müssen. „Hirnschmalz und Zeit muss man investieren.“ Und er musste viele Leute vor Ort kennen oder kennenlernen, die sich um die Wanderfalken kümmern. Etwa um in einen Braunkohlenbezirk eingelassen zu werden, der als Hochsicherheitstrakt behandelt wird. Oder um eine Genehmigung der Deutschen Bank zu bekommen, um auf einem Balkon hoch droben an ihrem Frankfurter Hochhaus ein Verschlag gebaut werden durfte, um das großstädtische Wanderfalken-Leben aufzuzeichnen.

Nill war für den Film auch mit professionellen Fliegern unterwegs. Viele der Aufnahmen sind nur mit einem sogenannten Nurflügler möglich geworden, der die Kamera bewegte.

„Die Rückkehr der Wanderfalken“ sei ein Film, „der viel Emotion auslöst“, sagte Gastgeber Braun-Dietz abschließend, weil er geradezu dazu zwinge, dem zerstörerischen Umgang des Menschen mit Natur und Kreatur bewahrend und schützend entgegenzutreten.

Dietmar Nill hat sich einen Jugendtraum erfüllt und einen Film über Wanderfalken gedreht
Man fühlt sich durchschaut: Dietmar Nill hat in seinem Film „Die Rückkehr der Wanderfalken“ auch die stechenden Blicke der Greifvögel eingefangen. Bild: Dietmar Nill

Dietmar Nill hat sich einen Jugendtraum erfüllt und einen Film über Wanderfalken gedreht

Seit 1996 arbeitet Dietmar Nill hauptberuflich als Fotograf. Davor konnte er seinen Beruf als Krankenpfleger schrittweise aufgeben. Seit Jahren zählt Nill zu den besten seines Fachs in Deutschland. Fünfmal hat ihn die Gesellschaft deutscher Tierfotografen (GDT) zum Naturfotografen des Jahres gekürt. Nill wird vor allem für seine besondere Beobachtungsgabe und sein Verständnis für das Verhalten der Tiere gelobt. Seitdem Nill hauptberuflich als Fotograf unterwegs ist, hat er viele Kalender und Bildbände publiziert. Seine Bilder erscheinen in deutschsprachigen und internationalen Magazinen. 2008 entdeckte Nill das bewegte Bild für sich. Sein erster Film widmet sich Nills Spezialgebiet Fledermäuse. Im Jahr 2011 ist „Fledermäuse – Warte, bis es dunkel wird“ erschienen. Der Film wurde mit dem renommierten Heinz-Sielmann-Preis ausgezeichnet und avancierte zum erfolgreichsten Film des „Greenscreen-Naturfilmfestivals 2012“. Regie und Kamera führte Nill zusammen mit seinem Gomaringer Kollegen Karlheinz Baumann. Der Einstieg in den High- Speed-Film ermöglichte es Nill, die Verhaltensweisen von Tieren für jeden erkennbar zu machen.
Archivbild: Albers

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16.11.2014, 12:00 Uhr

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