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Sich aus dem Internet verabschieden

Digitale Nachlassverwalter bearbeiten Profile und Kundenkontakte von Verstorbenen

Wir leben, wir surfen, wir sterben. Für Millionen gehört das Netz zum Alltag. Aber was passiert mit den Daten nach dem Tod? Eine Aufgabe für Experten, für die die ewige Ruhe im Netz zum Beruf wird.

05.11.2015
  • DPA

Berlin Im digitalen Zeitalter geistern immer häufiger verwaiste Facebook-Profile oder Kundenkonten durch die Netzlandschaft. Wenn im realen Leben meist Angehörige den Nachlass regeln wollen, stoßen sie in der virtuellen Welt vielfach an ihre Grenzen. Doch nicht nur Verwandte brauchen Hilfe: Der Tod im Netz stellt auch Firmen vor Herausforderungen - und öffnet Unternehmer neue Türen.

Marktplatz, Videodienst, Partnerbörse - für jede Plattform ein Account, für jede Mitgliedschaft ein Passwort. Neun von zehn Internetnutzern haben laut einer Studie des IT-Verbands Bitkom allerdings nicht festgelegt, was im Todesfall mit ihren Daten passieren soll. Diese aufzuspüren und zu löschen, hat sich das Berliner Start-up Columba zur Aufgabe gemacht. Die digitalen Nachlassverwalter prüfen mit Hilfe eines patentierten Prozesses die Datenbanken diverser Online-Firmen. Knapp 250 Partnerschaften gebe es bislang, sagt Sprecherin Anne Mahncke - darunter Ebay, Spotify und Amazon. Anschließend erhalten die Erben eine Liste mit Seiten, auf denen der Verstorbene aktiv war.

Bindeglied zwischen Endkunde und der Berliner Firma sind die Bestattungsunternehmen, die den Dienst zum Pauschalpreis buchen. Seit dem Markteintritt 2013 hat Columba bereits über 1000 Bestatter ins Boot geholt. Die Online-Anbieter profitieren davon, den Status der Kunden überprüfen zu lassen - denn wer will schon Newsletter an Verstorbene schicken oder mit verwaisten Datensätzen arbeiten?

Auch Birgit Aurelia Janetzky arbeitet täglich an der Schnittstelle zwischen Leben und Tod. Vor fünf Jahren gründete die studierte Theologin die Firma Semno. "Ich berate Unternehmen, die digitalen Nachlass in ihre Produktpalette integrieren wollen", erklärt die Expertin aus Denzlingen bei Freiburg. Denn auch Bestattungsunternehmen suchen im Netz den Kundenkontakt.

Gerade in dieser Branche brauche es besondere Kommunikationsansätze, sagt Janetzky. "Menschen sind in dieser Situation sehr verletzlich. Der lockere Umgangston auf Facebook ist oft irritierend." In Vorträgen und Seminaren will sie die Betroffenen in puncto Social Media fit machen und Richtlinien im Umgang mit Twitter & Co. entwickeln.

Zu ihren Kunden zählen auch freie Hospizdienste oder Angestellte aus dem Palliativbereich: "Immer mehr junge Menschen machen ihren Sterbeprozess im Internet öffentlich." Der Trend kommt vor allem aus den USA: Viele Betroffene nutzen in Sozialen Medien etwa den Hashtag "fuckcancer", um von ihrer Erkrankung zu berichten - mit Selfies vom Krankenbett oder mit Make-up-Tipps.

Die beiden Start-ups könnten mit ihren Geschäftsideen am Anfang einer Erfolgsgeschichte stehen. Aus Sicht von Experten wächst die deutsche Digital-Branche dynamisch. "Der Markt für Dienstleistungen rund um die persönliche Präsenz im Internet entwickelt sich kontinuierlich", sagt Achim Himmelreich, Vizepräsident des Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW). Auch der Bereich Digitaler Nachlass werde künftig zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Laut der ARD/ZDF-Onlinestudie waren 79 Prozent der Deutschen im vergangenen Jahr online - 1,4 Mio. mehr als 2013. Der Großteil shoppt regelmäßig im Netz, fast die Hälfte nutzt Online-Communities. Voraussetzung dafür? In der Regel ein Account.

Digitale Nachlassverwalter bearbeiten Profile und Kundenkontakte von Verstorbenen
Damit freudige Geburtstagserinnerungen nach dem Tod ausbleiben, gibt es digitale Nachlassverwalter. Foto: Lars Schwerdtfeger

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05.11.2015, 12:00 Uhr

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