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Leitartikel IT-Sicherheit

Digitaler Warnschuss

Man könnte es einen Warnschuss nennen: Als Ende November auf einen Schlag rund 900 000 Telekom-Kunden von Telefon und Internet abgeschnitten waren, wurde sichtbar, welche Wucht Hacker-Angriffe entfalten können. Die Aufregung war groß, die Urheber waren unbekannt, und die Bundesregierung glaubte, Deutschland sei Ziel einer staatlichen Attacke. Die wahren Hintergründe waren weit profaner – und zeigen doch, dass da etwas aus den Fugen geraten ist. Denn der massenhafte Netz-Ausfall bei der Telekom war nicht einmal beabsichtigt, sondern nur ein „Kollateralschaden“ einer viel größeren Offensive im Netz.

02.01.2017
  • ROLAND MÜLLER

Ulm. Die streikenden Router waren die Spitze des digitalen Eisbergs – beziehungsweise Symptom einer Infektion namens „Mirai“, die sich still im Internet ausbreitet. Millionen Geräte weltweit werden unbemerkt von Hackern gekapert und in eine Art Zombie-Armee für den Cyberkrieg verwandelt. Sicherheitsexperten warnen eindringlich vor den Gefahren dieser „Bot-Netze“, die auch schon mal das Internet eines ganzen Landes (Liberia) lahmlegten. Auch Branchengrößen wie Twitter, Paypal, Netflix und Spotify gehören zu den Opfern. Selbst Großkonzerne sind gegen solche Angriffe nicht gerüstet – und keiner weiß, wer die Urheber sind.

Dabei machen sich die Cyberkriminellen zunutze, dass das Internet in immer mehr Alltagsgeräte vordringt. Neben Computern und Handys hängen heute auch Videorekorder, Kaffeemaschinen und sogar Glühbirnen im Wlan; Thermostate, Ampeln, Überwachungskameras und Babyfone sind im Internet präsent – viele davon nur unzureichend geschützt und damit leichte Beute für Hacker. Die Risiken des so genannten „Internet der Dinge“ sind eine neue Qualität. Und sie lassen sich nicht mehr einfach auf den Verbraucher abwälzen, der doch bitte ein paar simple Sicherheitsregeln einhalten möge. Denn viele der billig auf den Markt geworfenen Geräte bieten schon ab Werk ein Einfallstor, erhalten nie Software-Updates, und die Besitzer merken oft nicht einmal, dass sie für Hacker-Attacken missbraucht werden – die Leidtragenden sind eh andere.

Die Politik ahnt, dass da etwas auf sie zukommt, das belegen nicht nur die nervösen Reaktionen auf die Telekom-Attacke. Es gibt Überlegungen für eine „Freiwillige IT-Feuerwehr“, bei der Unternehmen dem Staat im Krisenfall Experten ausleihen. Telekom-Chef Timotheus Höttges forderte gar eine „Nato fürs Internet“ und gesetzliche Sicherheitsvorgaben für Hersteller. So wie elektrische Geräte Prüfsiegel gegen Brandgefahr tragen, sollten auch Produzenten von Netz-Geräten zu Mindeststandards verpflichtet werden. Solche staatlichen Regulierungen wider den Wildwuchs sind weder populär noch besonders sexy. Und sie allein lösen sicher nicht das Problem. Doch in dem Maße, wie das Internet für Volkswirtschaften zur vitalen Infrastruktur wird, sind auch Sicherheits-Vorgaben vonnöten. Alles andere wäre ähnlich fahrlässig, wie als Passwort für alle Konten „123456“ zu wählen – und zu hoffen, dass schon nichts passiert.

leitartikel@swp.de

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02.01.2017, 06:00 Uhr

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