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Das Depot des Stadtmuseums im Haeringhaus birgt ein erstaunliches Sammelsurium an Geschichte

Dinozahn, Neptun, Boxeraufstand

Er ist halb Schatz-, halb Rumpelkammer, und auf jeden Fall ein Kuriositätenkabinett. Hier im Haeringhaus ist das Depot des Stadtmuseums.

22.10.2011
  • Peter ertle

Dinozahn, Neptun, Boxeraufstand
So liebevoll, sachdienlich und ästhetisch, wenn auch lagertechnisch schwierig kam vor Jahren der Nachlass der Majerschen Fabrik an.

Für den Betrachter ist es ja schade: Dass man im Depot des Stadtmuseums im Haeringhaus so mit dem Inventarisieren und Katalogisieren voran kommt. Denn eine Folge davon ist: Man sieht immer mehr Schachteln. Und immer weniger frei stehende Exponate.

Aber noch gibt es genug zu sehen. Und Evamarie Blattner vom Stadtmuseum wird am Sonntag auch manche Schachtel nochmal öffnen, manche Schublade aufziehen. So wird der Besucher denn doch einen Einblick in diese Welt bekommen. Im Haeringhaus wird alles aufbewahrt, was im Stadtmuseum keinen Platz hat und keine aktuelle Präsentation erfährt. Objekte, die Tübinger Geschichte dokumentieren und die vielleicht morgen für irgendeine Ausstellung hervorgeholt, in neuen Zusammenhang gestellt werden.

Zum Beispiel, aus dem Nachlass der Majerschen Fabrik, jene „Zahnpasta mit Radioaktivität“ – das steht da wirklich drauf, keiner weiß, ob’s auch drin ist. Da bekommt der Ausdruck „Für strahlend weiße Zähne“ nochmal eine andere Bedeutung. Bei allem Bemühen, die Objekte genau zu erforschen, man darf vom Stadtmuseum nicht erwarten, dass sie alles über ihre Dinge in Erfahrung bringen können.

Dinozahn, Neptun, Boxeraufstand
Schrank mit „Flachware“ wie Handschriften, Zeichnungen. Hier lagern Schätze – daher immer abgesperrt.

Apropos Zähne: Schon steht Evamarie Blattner an einer anderen Schachtel und wickelt etwas aus, was man nie für das hielte, was es tatsächlich ist: Der Zahn eines Dinosauriers, beim Bau der Mühlstraße 1867 gefunden, groß wie eine Hand, gerillt, das war fürs Mahlen des Grünzeugs wichtig, denn der Riese, so viel glaubt man zu wissen,war ein Pflanzenfresser.

Im Raum weiter hinten: Flachware. So nennt man das hier im Fachjargon, gemeint sind Blätter, also Zeichnungen, Grafiken, Handschriften, alles was in die flachen Schubladen der metallenen Schränke passt. Manches aus dem Bloch-Nachlass. Nachlässe gibt es einige, Fritz Springer etwa, Dyckerhoff. Und bis auf eines sind alle Künstlerbund- Blätter des Monats da. Auch die meisten Bilder werden ohne Rahmen aufgehoben, das ist Platz-sparender.

Dinozahn, Neptun, Boxeraufstand
Das Modell für den Kaiser-Wilhelm Turm.

Bilder mit festen Holzrahmen werden wieder woanders aufbewahrt. Evamarie Blattner wird gleich einen Original-Schüz in die Höhe heben, auch das eine Domäne des Stadtmuseums-Depots. Aber hier, in den Schränken für Flachware finden sich auch etliche Originale von Kirchner und Heckel.

Auf dem Tisch drüben ist bereits eine ebenfalls „flache“ Neuanschaffung ausgebreitet, ein Originalbrief Gustav Schwabs aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, erstaunlich gut erhalten. Neben dem, was dem Stadtmuseum beim Ausmisten oder aus Erbstücken oder Nachlässen so angeboten wird, hat das Museum immer ein Auge auf die entsprechenden Umschlagplätze für Objekte mit Tübinger Historienbezug. Relevante Stadtansichten, die das Stadtmuseum noch nicht hätte? Gibt's zum Beispiel kaum noch.

Also, in diesen Schubladen sind einige Schätze drin, die Schubladen sind daher abgesperrt. Sogar einen Tresor gibt es, „der bleibt bei der Führung zu“ sagt die Interims-Museumsleiterin. Aber wir werfen einen Blick hinein und werden nun wahrscheinlich innerhalb der nächsten Wochen vom Fluch des Pharaos niedergestreckt, was nicht so schlimm ist, da wir eh schon von der radioaktiven Zahnpasta verstrahlt sind.

Dinozahn, Neptun, Boxeraufstand
Modell des Neptun vom Marktplatzbrunnen, Aschenbecher aus Granatenteilen, Pokale: Harrt alles seiner bevorstehenden Verschachtelung.

Also schnell weiter durchs Museumsdepot und fragen: Schon mal eingebrochen worden? Details über Sicherheitsfragen, Alarmanlagen und desgleichen werden natürlich nicht kommuniziert, aber „ich bin schon öfters nachts rausgeholt worden“, seufzt Blattner. Dann käme sie hier an, sei ganz erleichtert, dass es nur eine Spinne oder Fledermaus vor dem Bewegungsmelder war. Die Polizei sei ebenso erleichtert, wie sie schon mal an einem „Die Frau isch do. Mia kennat geah“ deutlich hören konnte.

Ja aber wie ist das hier alles geordnet, nach Alphabet? „Nach Eingangsnummer“, sagt Blattner – und eben nach Art der Objekte, Dreidimensionales steht zum Beispiel woanders als Flachware. So kommt es, dass Objekte aus ein und dem selben Nachlass eben über das Depot verstreut sind. „Aber in 95 Prozent der Fälle finden wir ein nachgefragtes Stück innerhalb weniger Minuten“, fügt Depot-Mitarbeiter Michael Strauch hinzu.

Strauch hat unten sein Büro, er ist die Seele des Hauses und der Fachmann im digitalen Archivieren. Trotzdem bekommt jedes Objekt immer noch seinen Eingangszettel wie in der Vor-Computerzeit. Beim Archivieren tun Strauch manche Objekte fast leid, zum Beispiel Briefe von weniger prominenten Bürgern, weil er das daran haftende Stück Leben fühlt und doch ahnt: Dafür wird sich nie jemand interessieren. Und dass man Disziplin braucht bei dieser Arbeit, um nicht irgendwo hängen zu bleiben und sich zu verlieren, das weiß er auch. Sonst geht es einem so wie unserem Fotografen, der in einem Kästchen ein Dia mit Tübinger Kinowerbung entdeckt, es herausnimmt, dann das nächste und das nächste. . .

Dinozahn, Neptun, Boxeraufstand
Trachten und Berufskleidung, Schaufensterfiguren in der Dachkammer, das Stadtmuseumsdepot als große Puppenstube.Bilder: Metz

So, wo muss es jetzt wieder rein?“ Frau Blattner hat uns genau auf die Finger geguckt. Rausnehmen und nicht mehr wissen, wo's drin war – das geht gar nicht. Auch deswegen darf bei der Führung niemand einfach irgendwo hinfassen.

Und weiter geht’s, vorbei an einer ganzen Riege gerollter Fahnen, darunter auch die Fahne vom Boxeraufstand, die über einen europäischen Söldner irgendwie hier landete, vorbei an einer Reihe von Gewehren die wohl bei den Napoleonischen Kriegen noch taten, vorbei an einem Folianten-großen Spielzeug-LkW der deutschen Wehrmacht, die Aufschrift erzählt von der „Kriegsweihnacht 1939“.

Da kommt so eine Stimmung auf als würde man auf einem Dachboden oder in jahrzehntelang nicht mehr betretenen Kellern stöbern. Dass dies alles in einem wunderbaren alten, großbürgerlichen Haus lagert, mit herrlichem Balkon Richtung Neckar und Laub-umrankten Fenstern macht die Stimmung perfekt. Man könnte einen Thriller oder Spukfilm hier drehen. Und käme dann im Obergeschoss nicht an dem Regal mit den Totenmasken und Büsten vorbei, ein Muss wäre auch der Raum mit den Puppen und Gliedmaßen auf dem Boden.

Dinozahn, Neptun, Boxeraufstand
Wie gehören wir denn zusammen? Diese Gliedmaßen warten auf eine Rekonstruktion. ..

Sogar die Museumsleiterin findet das „gruselig“, schaut lieber nicht hin und erzählt stattdessen hier oben unterm Dach vom Raum ganz unten, wo wir vorher waren und wo zur Freude des Depots wie zu unserem Leidwesen hinter zugezogenen Jalousien alles schon mustergültig verpackt ist: Lotte Reiniger.

Lotte Reiniger boomt gerade, wöchentlich kommen Anfragen, bis aus China, Ausstellungen in aller Welt leihen sich Reiniger-Objekte aus. Das wäre vor wenigen Jahren noch nicht möglich gewesen, als der Nachlass noch nicht sortiert und noch kein Bestandskatalog zugänglich war.

Dinozahn, Neptun, Boxeraufstand

Die Zukunft des Haeringhauses wiederum steht auf einem ganz anderen Blatt. Aber die Arbeit, die hier in den letzten Jahren geleistet wurde, ist von ganz unschätzbarem Wert, für Tübingen, und, wie wir hier mit Blick auf Lotte Reiniger pathetisch hinzufügen: Für die Welt.

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22.10.2011, 12:00 Uhr

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