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Damit die Hilfe wirklich hilft

Diskussion über die Haiti-Spendenkampagne

Weihnachtszeit ist Spendenzeit. Ob Hilfe für Afrika oder für syrische Flüchtlinge in Deutschland – die globale Not ist so groß wie die Zahl der Hilfsorganisationen. Doch nicht jede Hilfe hilft. Das TAGBLATT fragte Katja Maurer von Medico International: Richtig spenden, wie geht das?

26.12.2014
  • Volker Rekittke

Tübingen. „Die ersten, die helfen, sind meist die Nachbarn“, sagt Katja Maurer. So war es auch in Haiti am 12. Januar 2010. Die Menschen schrien und rannten ins Freie. Häuser und Hütten stürzten ein, Straßen wurden unter Gerölllawinen begraben. 45 Sekunden dauerte das Beben, danach war die Hauptstadt Port-au-Prince ein Trümmerfeld. Mehr als 200 000 Menschen starben, 1,5 Millionen wurden obdachlos. All das zeigt der Film „Haitianische Erschütterungen“, den Maurer bei einer Veranstaltung in der Alten Aula in Tübingen vorführte.

So schlimm das Erdbeben, so beispiellos war die internationale Hilfsbereitschaft. Überall auf der Welt, vor allem in den USA, spendeten Menschen für die Hinterbliebenen, Verletzten, den Wiederaufbau. Zwei Milliarden Dollar kamen so zusammen. Ex-US-Präsident Bill Clinton und der Coca-Cola-Chef versprachen, dass Haiti neu aufgebaut würde, dass alles besser würde als zuvor.

Die Elite hat sich an den Spenden bereichert

Und heute, fünf Jahre nach dem großen Beben? „Nichts ist besser geworden“, zieht Maurer Bilanz. Schlimmer noch: Das viele Spendergeld zementierte bestehende Unrechtsstrukturen. Bereichert habe sich die haitianische Elite, ein Großteil des Geldes sei ohnehin in die Spenderländer, allen voran die USA, zurückgeflossen: an Firmen, an Wiederaufbau- und Gesundheitsspezialisten. Immer noch ist Haiti – in dem die Sklaven sich selbst befreiten und 1804 den ersten unabhängigen Staat Lateinamerikas ausriefen – das ärmste Land der westlichen Hemisphäre. Drei Viertel der Einwohner sind arbeitslos, jeder Zweite muss von weniger als zwei Dollar am Tag leben. Auch Jahre nach dem Beben leben Zehntausende in „Übergangslagern“ wie Camp Corail, in dem Trinkwasser mit Tankwagen herangekarrt werden muss und viel Geld kostet, in dem es keine Jobs, keine Perspektiven gibt.

Auch Medico International unterstützte als Teil des deutschen Bündnisses „Entwicklung hilft“ den haitianischen Wiederaufbau. „Wir hatten Druck, sehr schnell Projekte vor Ort zu finden“, sagt Maurer im Rückblick. Vier Millionen Euro an Spendengeldern hatte allein Medico zur Verfügung. Das Problem bei solchen Spenden: Sie müssen für den vom Spender angegebenen Zweck verwendet werden – auch wenn sie vielleicht an anderer Stelle dringender gebraucht werden oder im Katastrophenland so schnell gar nicht genug Hilfsprojekte zu finden sind.

Entscheidend sind für Medico die Partner vor Ort. „Ohne die geht es nicht“, sagt Maurer und verweist auf die Erfahrungen, die viele westliche Organisationen in Haiti und anderswo machen mussten: Sind die ausländischen Helfer fort, fließt kein Geld mehr, dann dümpeln Projekte vor sich hin oder gehen kaputt.

Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel der von Medico unterstützten Basisgesundheitsbewegung SOE, die mit ihren „Mobilen Kliniken“ Impfkampagnen auch in entlegenen Gegenden Haitis durchführt. Oder der Bauernbewegung Tet Kolé, die von der Hilfsorganisation wie auch von Brigaden der brasilianischen Landlosenbewegung MST bei der Errichtung eines Schulungszentrums unterstützt wird.

Obschon für eine internationale Organisation tätig, rät Katja Maurer schließlich: „Nicht nur in die Ferne schauen.“ Denn nicht nur in Haiti, auch in Deutschland werde die Gesundheitsversorgung zunehmend privatisiert. „Ein steuerfinanziertes Gesundheitssystem bei uns durchzusetzen – das wäre ein Beispiel für die ganze Welt.“ Auch für Haiti.

Den Film „Haitianische Erschütterungen“ gibt es auf www.medico.de

Diskussion über die Haiti-Spendenkampagne
Registrierung bei einer „Mobilen Klinik“ des haitianischen Medico-Partners SOE, der die Gesundheitsversorgung auch in ländliche Gebiete bringt.Bild: Medico International

„Der Impuls, bei Katastrophen zu spenden, ist völlig ok“, sagt Katja Maurer von Medico International. Mindestens ebenso wichtig für Hilfsorganisationen sind regelmäßige Einnahmen per Dauerauftrag – wie auch nicht× zweckgebundene Spenden. Denn geholfen werden muss nicht nur nach Erdbeben und Tsunamis oder in der Vorweihnachtszeit, wo die Geldbeutel hierzulande besonders offen sind.

Wichtig sei auch zu prüfen: Wie arbeitet eine Hilfsorganisation? Hat sie Partner vor Ort, informiert sie über Ursachen und Strukturen von Armut und Unterentwicklung? Letztlich, so Maurer, gehe es „um eine Repolitisierung der Hilfe“. Um die Frage: „Was kann ich tun, damit Hilfe nicht immer wieder notwendig wird?“ Damit Strukturen geändert werden, es langfristige Lösungen für die Menschen gibt.

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26.12.2014, 12:00 Uhr

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