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Zwischen Raum und Zeit

Diskussion über jugendliches Engagement in der Gesellschaft

Muss Engagement immer Spaß machen oder soll es vor allem Sinn stiften? Hat Ehrenamt in einer Leistungsgesellschaft überhaupt noch Platz? Diese und viele anderen Fragen standen am Donnerstagabend anlässlich der 50-Jahr-Feier des Eugen-Bolz-Gymnasiums in der Rottenburger Zehntscheuer zur Diskussion.

14.07.2012
  • Marike Schneck

Rottenburg. Unter dem Titel „Jugend in der Gesellschaft zwischen Distanz und Engagement“ hatten die spannendes Thema gewählt. Kein Wunder also, dass die Veranstaltung in der Zehntscheuer mit etwa 100 Gästen gut besucht war. Vor allem gegen Ende, als der moderierende SWR-Redakteur Markus Beschorner eigentlich schon die letzte Runde eingeläutet hatte, kam nochmal Schwung in die Diskussion, als sich Gäste aus dem Publikum mit einklinkten.

Auf dem Podium saßen die Leiterin der Grundsatzabteilung im Staatsministerium, Prof. Birgit Locher-Finke, Piraten-Vize-Bundesvorsitzender Sebastian Nerz, Landesschülerpfarrer Wolfgang Ilg, Friedenspädagogin Anne Romund von der Berghof Foundation Tübingen, der Junge-Aktive-Stadtrat David Prakash, Felix Glaunsinger vom Jugendgemeinderat Tübingen und die ehemaligen EBG-Schüler Eli Kis und Jens Huang.

Viel Applaus, vor allem aus Reihen der Schüler und Eltern, wurde Landeschülerpfarrer Ilg gezollt, der für mehr Freiräume plädierte. „In Gesellschaft und Schule wird oft vermittelt, dass der Mensch an seiner Leistung gemessen wird. Leistung aber macht einen Menschen nicht aus.“ Nur durch den Kontakt mit dem echten Leben könnten (junge) Menschen erkennen, wo sie sich mit ihren Stärken einbringen können. „Wir müssen mehr Mut haben, Bildung im Leben zu sehen“, sagte Ilg. „So lernen wir sehr viel mehr, als wenn wir versuchen, das echte Leben künstlich in die Schule zu transportieren.“

In die gleiche Kerbe schlug auch Sebastian Nerz, der mehr Unterstützung von den Schulen forderte. „Für Sportveranstaltungen haben wir in der Schule immer sofort frei gekriegt“, erzählte er. „Für soziales Engagement wäre es undenkbar gewesen, auch nur einmal die Hausaufgaben wegzulassen.“ Zudem müsse Schule aufhören, den Lebenslauf zu bedrohen, der durchaus auch mal eine Pause oder einen Bruch vertrage.

Das gefiel auch Stadtrat Albert Bodenmiller (BfH/Die Linke), der ebenfalls den Leistungsdruck kritisierte, der es Jugendlichen und jungen Erwachsenen fast unmöglich mache, sich in der Freizeit noch zu engagieren. „Und sei es nur in der Feuerwehr oder im Sportverein.“ Widerspruch kam vor allem von den jungen Leuten auf dem Podium. „Wer seine Zeit gut durchplant und effizient arbeitet, findet trotz G8 noch die Zeit, sich zu engagieren“, sagte Felix Glaunsinger, Mitglied des Jugendgemeinderats Tübingen.

„Es muss sich auch nicht jeder engagieren“, reagierte Eli Kis unter anderem auf den Einwurf von Lehrerin Andrea Bilek, die vor allem in der Distanz vieler Schüler das Problem sieht. Diese würden sich allzu oft mit „naja“, „vielleicht“, „mal sehen“ aus der Affäre ziehen. „Als Lehrer“, sagte Kis unter Beifall, „kann man es doch so machen: Wer Lust hat, den nimmt man mit. Und die die keine Lust haben – die haben eben keine Lust.“

Zudem dürfe man nicht vergessen, betonte Birgit Locher-Finke vom Staatsministerium, dass sich gerade Schülerinnen und Schüler überproportional engagierten. „Wichtig ist, dass die Schule Kontaktflächen schafft und Erleben möglich macht.“ Kinder und Jugendliche sollten so früh wie möglich an ehrenamtliches Engagement herangeführt werden. „Wer sich einmal für etwas engagiert hat, engagiert sich in der Regel auch weiter.“ Unverzichtbar sei jedoch, dass Ehrenamt Anerkennung finde. „Auch kann das Ehrenamt nicht das Professionelle ersetzen, aber sehr gut ergänzen“, sagte Locher-Finke.

Jens Huang, neben dem Studium im Ausschuss des TV Rottenburg engagiert, und Stadtrat David Prakash plädierten für mehr Verantwortung. „Die Schule, in der Jugendliche viel Zeit verbringen, sind undemokratisch“, sagte auch die Friedenspädagogin Anne Romund. „Wenn man der Schulkonferenz nur angehört, um dort jedes Mal aus Neue überstimmt zu werden, sorgt das für Resignation.“

Unterstützung kam auch von der ehemaligen EBG-Schülerin Nehle Betz, die im Publikum saß. Gemeinsam mit anderen arbeitet sie derzeit an der Reaktvierung des Rottenburger Jugendforums. Das sei nicht, wie Ursula Eisele vom Stadtseniorenrat zuvor unterstellte, wegen mangelnden Interesses der Jugendlichen eingeschlafen, sondern weil es an Verantwortung und Verbindlichkeit gefehlt habe. „Eine Plattform“, sagte Betz, „macht nur dann Sinn, wenn man das Gefühl hat, dass man dort auch wirklich gehört wird.“

Diskussion über jugendliches Engagement in der Gesellschaft
Vor der Diskussion machten Schüler der Theater-AG und des Kurses „Theater und Literatur“ am Donnerstagabend in der Zehntscheuer Lust aufs Thema „Jugend in der Gesellschaft zwischen Distanz und Engagement“. Hinten auf dem Podium sitzen, zum Teil verdeckt, (von links) Jens Huang, Eli Kis, Felix Glaunsinger, David Prakash, Moderator Markus Beschorner, Sebastian Nerz, Anne Romund, Prof. Birgit Locher-Finke und Wolfgang Ilg. Bild: Sommer

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14.07.2012, 12:00 Uhr

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