Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Dramatische Zustände

Diskussionsabend im Kloster über aktuelle Flüchtlingspolitik

Die Roten hatten mit ihrem Thema genau ins Schwarze getroffen: Es wurde sehr eng im Klostersaal am Freitagabend, als die SPD-Bundestagsabgeordnete Saskia Esken ihren Fraktionskollegen Stefan Rebmann zu einem Informations- und Diskussionsabend über die Herausforderungen aktueller Flüchtlingspolitik eingeladen hatte.

02.11.2015
  • hans-michael greiss

Horb. Landrat Klaus-Michael Rückert, die Bürgermeister aus Empfingen, Albert Schindler, Freudenstadt, Gerhard Link und Horb, Jan Zeitler, Gemeinderäte aller politischen Gruppierungen und Mitglieder von Asyl-Arbeitskreisen zeugten von dem hochkarätigen Niveau des Erfahrungsaustausches.

„Wir schaffen das“, begrüßte Esken, SPD-Bundestagsabgeordnete für die Landkreise Freudenstadt und Calw, ihre Besucher. Doch was und wie geschaffen werde, bewege die Gemüter und sei noch gar nicht zu erfassen. Niemand könne derzeit bestimmen, wie viele Flüchtlinge nach Deutschland kämen, welche Unterstützung die ehrenamtlichen Helfer benötigten, und wie den chaotischen Zuständen zu begegnen sei.

Stefan Rebmann (SPD-Bundestagsabgeordneter für Mannheim) wies sich als Mitglied im Bundestagsausschuss für Entwicklung als Kenner der Materie, aber auch aus eigener Anschauung in jordanischen Flüchtlingslagern mit den dramatischen Zuständen vor Ort vertraut aus. In der Metropolregion seiner Heimat Mannheim hielten sich derzeit bereits 25 000 Flüchtlinge auf, von etwa 900 freiwilligen Helfern betreut. Dies könne keine Dauerlösung bedeuten, irgendwann komme jeder an seine Grenzen und könne einfach nicht mehr. Die soziale Infrastruktur könne man nicht aus dem Boden stampfen, Therapeuten und Pädagogen seinen zur Zeit noch gar nicht in ausreichender Menge ausgebildet, bei der Hilfsorganisationen wie DRK, Maltesern oder Johannitern fehle es überall an Nachwuchs. Rebmann stieß als bedenkenswerten Vorschlag an, wieder ein verpflichtendes soziales Jahr einzurichten.

Flüchtlingslager in Jordanien besucht

Seit fünfzig Jahren kamen Gastarbeiter nach Deutschland“, führte Rebmann vor Augen, „die haben das Land verändert, und die, welche jetzt kommen, werden es auch tun.“ Damals wie heute gelte die Aufgabe, Veränderungen miteinander zu formen. Von anderen Kulturen zu lernen sei von gleicher Bedeutung wie allen Neuankömmlingen unsere Werte zu vermitteln. Ängste in der Bevölkerung resultierten meist aus dem Unbekannten und seien für jeden mit Einfühlungsgefühl verständlich, Begegnungen und aufeinander eingehen sei jedoch die beste Möglichkeit der Überwindung und führe in den meisten Fällen zu bereichernden Freundschaften.

Auf seinen Reisen in die Krisenländer hat Rebmann die Fluchtursachen erkundet. Die öffentliche Aufmerksamkeit gilt im Augenblick den Flüchtlingen aus Syrien und Irak, aber Zwangsarbeit und Folter der Diktatur in Eritrea sowie der Terror der Boko Haram oder die Ebola-Epidemie in Westafrika treibe Überlebenswillige aus ihrer Heimat.

Das Phänomen der fast ausschließlich männlichen Flüchtlinge erklärte Rebmann so: Von den extremen Notlagen bereits geschwächt, schafften Mädchen höchstens drei Dörfer, während die jungen Männer den Belastungen besser standhielten. Er stellte die Frage in den Raum, was diese jungen Männer in den drei Jahren ihrer Flucht erlebt hätten, bis sie hier ankamen, welche Werte sie auf dem Weg verloren hätten, wie sie sich ihr Vorankommen erkämpft hätten, wenn sich nun in den Unterkünften Rangeleien bei der Essensausgabe entzündeten.

Drei Mal war Stefan Rebmann in Jordanien und besuchte dort ein riesiges Flüchtlingslager mit 125 000 Einwohnern. Deren Toiletten gefährdeten die darunter liegenden Trinkwasserreservoire im notorisch wasserarmen Jordanien. Hätten die Flüchtlinge bei seinem ersten Besuch noch einen starken Rückkehrwillen nach Syrien geäußert, obwohl der Einschlag der Fassbomben täglich zu hören war, so sei dies einer Perspektivlosigkeit und Lethargie gewichen. „Wer soll Syrien aufbauen, wenn allen Guten weg sind?“ fragte Rebmann.

Den Bundesregierungen warf er Entscheidungsschwäche vor, seit Jahren war die Katastrophe absehbar, und sie werde uns noch auf Jahre beschäftigen. Er riet, die eigene Einstellung und Urteilsfähigkeit zu prüfen. Vor nicht einmal zweihundert Jahren seien tausende Armutsflüchtlinge aus dem Mannheimer Raum nach New York ausgewandert. Sicher hätten sich einige davon schlecht benommen, aber eben nicht alle Mannheimer seien schlecht gewesen, und um diese Unterscheidung bei den eingetroffenen Zuwanderern bat Rebmann seine gespannt zuhörenden Besucher.

Nach diesem packenden Bericht über die Weltlage bat Saskia Esken den Freudenstädter Landrat Klaus-Michael Rückert, die Lage im Kreis zu schildern. Mit persönlicher Anteilnahme referierte Rückert, (die SÜDWEST PRESSE wird darüber separat berichten). Esken begrüßte unter den Anwesenden eigene Familienmitglieder, die Verreibungsschicksale aus dem Egerland noch in persönlicher Erinnerung hatten.

Von ihren eigenen Erfahrungen berichteten der aus dem Irak stammende Patrus Lazar, die Ehrenamtlerin Waltraud Hoffmann aus Freudenstadt, die beiden Landtagskandidatinnen Uta Schumacher und Viviana Weschenmoser, die sich beide aktiv in der Flüchtlingsbetreuung engagieren und Stefan Rebmann.

Rebmann fordert Einwanderungsgesetz

Lazar wird heute wegen seiner arabischen Sprachkenntnisse zur Verständigung in Ergenzingen und Horb dankbar eingesetzt, und berichtete, wie er selber vor 39 Jahren selber Kontakte gesucht habe und mit sportlichen Aktivitäten schnell Anschluss fand. In Ergenzingen habe er schon viele Gespräche mit Akademikern geführt, deren Wissen schnellstens mit gezielten Sprach- und Fachinformationen nutzbar gemacht werden solle.

Stefan Rebmann, der selber tausende Schicksale erlebt hatte, forderte, schleunigst ein Einwanderungsgesetz zu verabschieden, das klare Regeln und gleichzeitig faire Chancen aufstellen müsse. Es könne nicht im europäischen Interesse liege, den Nahen Osten zu entvölkern. Zwar bemängelte er die Haltung der Türkei, die zwischen Peschmerga und PKK pendele, zollte ihr aber Hochachtung für die Aufnahme von zwei Millionen Flüchtlingen.

Den hilflosen Vorschlägen einer süddeutschen Regionalpartei erteilte Rebmann eine klare Absage. „Wer von Afghanistan bis hierher gelaufen ist, lässt sich von einem Zaun um Wildbad Kreuth nicht aufhalten“ war seine Überzeugung. „Und wenn der nach Deutschland kommt und nach Portugal verschoben wird, kommt er wieder.“

Waltraud Hoffmann berichtet von Anfangsschwierigkeiten, aber auch von einem bewegenden Besuch bei einer Flüchtlingsfamilie zur Weihnachtszeit. „Die hatten keine Möbel, saßen mit einem Neugeborenen auf dem Boden. Es war wie in einer Weihnachtskrippe.“ Ein Lehrer, der gerade in den Ruhestand ging, wurde sofort für Sprachkurse vereinnahmt. „Einer hat mir erzählt, wie sein Freund in der Wüste krepiert ist. Der braucht psychologische Hilfe, das zu verarbeiten.“

Viviana Weschenmoser beschrieb ihre Erfahrung: „Wie man in den Wald ruft, kommt es heraus.“ Die jungen Syrer reagierten auf die besuchenden Frauen unterschiedlich, älteren Damen werde mit größter Hochachtung, ja Verehrung Respekt entgegengebracht, sie als junge Frau müsse „auch mal Ellenbogen zeigen – ganz genau wie bei den Deutschen auch“.

Sozialarbeiten lassen sich nicht klonen

Uta Schumacher stellte fest, dass „Sozialarbeiter sich nicht klonen lassen“. Dringend müssten Informationen zusammengetragen, Hilfsangebote koordiniert und Rückmeldungen aus den Unterkünften an das Landratsamt weiter geleitet werden.

Saskia Esken verteilte als süße Dankbarkeitsgabe Päckchen an alle sich Asylhelfer zu erkennen gebende Besucher. In ihrer Bundestagsfraktion wird sie für die finanzielle Förderung der ehrenamtlichen Helfer eintreten und Stellen nach dem Bundesfreiwilligengesetz einfordern. Zum Schluss regte sie an, die Angebote der politischen Stiftungen und des Goethe-Instituts zu durchforsten, um benötige Unterstützung dort anfordern zu können.

Diskussionsabend im Kloster über aktuelle Flüchtlingspolitik
Von ihren persönlichen Erfahrungen in der Flüchtlingsbetreuung berichteten im Kloster (von links) Patrus Lazar, Waltraut Hoffmann, Uta Schumacher, Viviana Weschenmoser und Stefan Rebmann. Bilder: hmg

Diskussionsabend im Kloster über aktuelle Flüchtlingspolitik

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

02.11.2015, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball