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Gedenkstätten-Initiator Volker Mall über seine neue Publikation

Dokumentieren, was geschah

Ohne die Vorarbeiten von Volker Mall und Harald Roth gäbe es heute noch keine Gedenkstätte für die Opfer der KZ-Außenstelle Hailfingen-Tailfingen. In ihrer neuesten Publikation berichten die beiden Historiker von ihren Recherchen und Begegnungen mit Überlebenden.

07.03.2012
  • Martin zimmermann

TAGBLATT: Herr Mall, Ihre jüngste Veröffentlichung „La Promesse est tenue – nach 65 Jahren des Schweigens“ fasst Ihre Recherchen zu den Schicksalen vieler jüdischer Zwangsarbeiter zusammen. Wo haben Sie Hinweise auf den Verbleib der Überlebenden gefunden?

Volker Mall: Anfangs waren uns nur die etwa 20 Namen jener Häftlinge bekannt, die Zeugenaussagen bei den Rastätter Prozessen, bei den Vorermittlungen der deutschen Justiz oder bei Wiedergutmachungsanträgen gemacht hatten. Im Staatsarchiv Ludwigsburg fanden wir das Natzweiler Nummernbuch mit der Namensliste der 600 jüdischen Häftlinge. Weitere wichtige Quellen waren die Totenmeldungen und das Einäscherungsverzeichnis der 99 im Krematorium in Reutlingen eingeäscherten Opfer und Häftlingspersonalkarten aus dem Archiv des KZ Stutthof. Wir haben dann über 50 Archive angeschrieben und viele selber besucht. Von der Gedenkstätte in Yad Vashem in Israel bekamen wir ein mehrstündiges hebräisches Interview mit Mordechai Ciechanower, in dem er Hailfingen erwähnte. In diesem Interview wurde auch Ciechanowers Adresse in Israel genannt. Als Harald Roth ihn anrief, sagte er auf Deutsch: „Sie brauchen kein Englisch mit mir zu reden.“ Und er erklärte sich bereit, nach Tailfingen zu kommen.

Auf der Titelseite ihres neuen Hefts ist eine Zeichnung von Ciechanower . Welche Rolle spielte er beim Bau des Mahnmals?

Der damalige Oberbürgermeister Klaus Tappeser lud ihn nach Rottenburg ein. Nach Ciechanowers Empfang beim Gemeinderat kam von Rottenburger Seite Bewegung in das Projekt Gedenkstätte. Der Gemeinderat und der Hailfinger Ortschaftsrat beschlossen schließlich, auf Hailfinger Gemarkung ein Mahnmal zu errichten. Nach Tappesers Beförderung zum Ministerialdirektor ist das Interesse der Rottenburger an der Gedenkstätten wieder etwas abgeflacht. Weil der Gemeinderat Gäufelden nicht vorpreschen wollte, hat sich dann die Eröffnung der Gedenkstätte etwas verzögert.

Dennoch hatten Sie und ihre Mitstreiter immer wieder unter Anfeindungen von Einwohnern zu leiden, die eine Stigmatisierung befürchten.

Manche sahen uns lange Zeit als Nestbeschmutzer. Teile der Bevölkerung versuchten mit dem Leid, das ihnen widerfahren ist, das Leid der Juden zu relativieren. Die Strafaktion der Franzosen im Sommer 1945 gegen Bewohner der Nachbarorte war da nicht gerade hilfreich.

Waren die Widerstände in den Ortschaften Hailfingen und Tailfingen unterschiedlich groß?

Die männliche Bevölkerung von Bondorf, Oberndorf, Hailfingen, alle aus Tailfingen und auch einige Tübinger mussten damals zum Flugplatz und dort Leichen ausgraben. Die Tailfinger Männer mussten das Massengrab aufdecken, die Frauen ein Grab auf dem Friedhof ausheben, in das die Leichen überführt wurden. Der Hailfinger Pfarrer konnte erreichen, dass seine Schäfchen von den Franzosen etwas besser behandelt wurden. Ob das heute noch nachwirkt, weiß ich nicht.

Sie schildern in ihrem Heft auch die Begegnungen mit Opfern und ihren Angehörigen. Haben Sie die Gedenkstätte für die Deutschen oder für die jüdischen Opfer eingerichtet?

Gedacht und konzipiert war sie ursprünglich wohl eher für die Deutschen, gerade der Dokumentationsraum, mit der Zielgruppe Jugendliche. Aber wir haben dann erlebt, wie wichtig es für Angehörige ist, den Namen ihrer Väter auf dem Mahnmal zu sehen, am Grab im Tailfinger Friedhof einen Ort zum Trauern zu haben. Die oft sehr bewegenden Begegnungen mit Überlebenden und Angehörigen waren für uns die beste Bestätigung unserer Arbeit und haben uns über manchen Frust hinweggeholfen.

Hatten Sie in Ihren Gesprächen mit Überlebenden das Gefühl, diese Menschen könnten nun ihren Frieden mit Hailfingen machen?

Mordechai Ciechanower hat ja deutlich gesagt, dass er die Deutschen trotz allem nicht hasse. Und Israel Arbeiter verwies auf die Hilfe, die er in Reusten bekommen hat. Es gibt aber auch Überlebende, die sich weigerten, mit uns zu sprechen und die nie mehr nach Deutschland oder hierher kommen wollen. Meine Generation kann nicht um Verzeihung bitten. Und das Unrecht, das geschehen ist, können wir nicht ungeschehen machen. Wir dokumentieren, was geschehen ist, und wir haben versucht, den Opfern einen Namen zu geben, etwas von ihrer Geschichte zu erzählen und zu verhindern, dass man sie vergisst.

Israel Arbeiter wird im Frühjahr ein weiteres Mal nach Hailfingen kommen. Warum?

Über Israel Arbeiter wird gerade ein Dokumentarfilm gedreht, für den er die Stationen seines Leidenswegs noch einmal abgeht. Dafür kommt er auch noch einmal nach Hailfingen.

Im letzten Jahr haben Sie das Projekt der Jugend-Guides begonnen, die Führungen für Schulklassen anbieten. Was wurde daraus?

In der zweiten Hälfte des letzten Schuljahres sind etwa 40 Schulklassen gekommen. Das Projekt scheint zum Vorbild für andere Gedenkstätten zu werden, die bislang nicht so häufig Besuche von Schulklassen bekamen. Wir haben ja außer unseren Jugend-Guides sowie einer modernen Ausstellungskonzeption den Vorteil, im Tailfinger Rathaus einen Seminarraum anbieten zu können. In einem Pilotprojekt wollen wir dieses Jahr mit Kreisarchivar Wolfgang Sannwald neue Guides ausbilden.

In Ihrer jüngsten Veröffentlichung haben sie das Schicksal der jüdischen Zwangsarbeiter sehr gut dokumentiert. Gab es noch andere Opfergruppen?

Im KZ-Außenlager waren ausschließlich Juden. Zuvor wurde der Flugplatz von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern gebaut, über die wenig bekannt ist. Darunter waren Franzosen, Russen, Griechen und sogar Inder. Einer der Griechen lebt heute in Leonberg, kann aber wenig über den Verbleib seiner Landsleute sagen.

Info Erhältlich ist die 68-seitige Veröffentlichung „La Promesse est tenue..“ im Dokumentationszentrum im Rathaus Tailfingen. Bestellt werden kann sie per E-Mail bei birgit.kipfer@kz-gedenkstaette-hailfingen-tailfingen.de. Das Heft kostet 4 Euro (plus 2 Euro Versand).

Dokumentieren, was geschah
Traf mit seinem Recherchepartner Harald Roth viele Überlebende des KZ Hailfingen/Tailfingen: Volker Mall Bild: Mozer

Dokumentieren, was geschah
Eine Porträtzeichnung Mordechai Ciechanowers, dessen Besuch im Gäu den Durchbruch für die Gedenkstätte brachte, ist auf der Titelseite der neuester Publikation abgebildet.

Der „Verein Gegen Vergessen – Für Demokratie“ zeigt am kommenden Sonntag, 11. März, um 17 Uhr im Tailfinger Rathaus den Dokumentarfilm „Premier Convoi“ (Der erste Transport) des französischen Regisseurs und Drehbuchautors Pierre Oscar Lévy. Der 1992 gedrehte Film handelt vom ersten Transport von Juden aus Frankreich ins Vernichtungslager Auschwitz am 27. März 1942. Von den 1112 Menschen dieses Transports überlebten nur etwa 20 den Holocaust. Fünfzig Jahre später legten zwölf Überlebende am Ort des grauenhaften Geschehens Zeugnis ab. Unter ihnen waren auch Simon Gutman und Emanuel Mink, die von Auschwitz über Stutthof ins KZ-Außenlager Hailfingen/Tailfingen kamen. Nach dem Film gibt es Informationen, über das Schicksal von Gutman und Mink; vorab wird um 16 Uhr eine Führung angeboten. Der Eintritt ist frei.

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07.03.2012, 12:00 Uhr

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