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Weihnachtsgeschichte der Jugendredaktion (1)

Donaldino, der traurige Horror-Clown

Erste Folge des sechsteiligen FLUGPLATZ-Fortsetzungsromans zu den Feiertagen. Heute: Donaldino und die Einsamkeit an Heiligabend.

24.12.2016
  • Sophia Juraschitz

Donaldino ist mittelgroß. Er hat dunkelbraune Haare. Und zu große Füße. Seine Lieblingsspeise ist Raclette und seine Lieblingsfarbe blau. Politik interessiert Donaldino wenig: „Ein Haufen angeblich wichtiger Leute, die reden und reden – und am Ende doch nichts sagen“, brummelt er immer. Daher schlägt Donaldino im TAGBLATT auch immer nur den Kulturteil auf, wo er dann nach Buchtipps sucht.

Donaldino isst jeden Morgen, seit er denken kann, ein leckeres Müsli mit Cornflakes und angewärmter Milch und trinkt einen Schokoccino – einen Cappuccino mit heißer Schokolade. Doch neben all diesen gewöhnlichen hat Donaldino eine eher unpopuläre Eigenschaft: Donaldino ist ein Horror-Clown – und er leidet schon sein ganzes Leben darunter.

Besonders schlimm war es, als er noch ein kleiner Junge war: Damals wollten die anderen Kinder nie mit ihm spielen, sondern rannten immer vor ihm weg. Selbst die Lehrer in der Schule mieden ihn. Es kam aber noch schlimmer: Denn irgendwann erkannten die Kinder, dass Donaldino ihnen nichts tun würde – und sie begannen, ihn zu hänseln und auszulachen. „Diese Hänseleien waren mit Abstand das Schlimmste“, erinnert sich Donaldino mit Grausen.

Nur zuhause entkam er den Hänseleien: indem er sich mit seinen Büchern in andere Welten begab und so lange wie möglich dort blieb. Nach seinem Schulabschluss (Dreier-Abi) begann Donaldino ein Fernstudium, und als Studienfach wählte er aufgrund seiner Leidenschaft Germanistik. Schade nur, dass er heute, mit 28 Jahren und obwohl er nach seinem Studium promovierte, keine Arbeit findet. Immerhin: So kriegt er zum Trost von der Stadt eine Kreis-Bonus-Card, mit der er gratis mit dem Bus zum Friedhof fahren kann.

Heute ist Heiligabend. Donaldino kann diese Feiertage nicht ausstehen, denn zu dieser Zeit wird ihm immer bewusst, wie allein er auf der Welt ist. Die meiste Zeit des Jahres kann er diese Tatsache ganz gut verdrängen – doch wenn er an Weihnachten Familien auf den Straßen sieht, die Kinder lachen hört, dann wünscht er sich jedes Mal aufs Neue eine Familie zu besitzen oder Freunde zu haben.

Heiligabend, 12 Uhr. Donaldino beendet sein Mittagessen: Es gab Nudeln von gestern, mit Tomatensoße aus der Dose von vor einiger Zeit. „Hätte ich noch Eltern“, grübelt Donaldino in den Nudelteller hinein, „wäre das jetzt wohl die Zeit für ihren Anruf mit der Frage, wann ich denn zur Bescherung kommen würde“. Da er aber keine Eltern mehr hat, bleibt das Telefon still. Es ist überhaupt ganz still in seiner Wohnung. Nur der Kühlschrank (in dem seine Tomatensoße nicht lag, weshalb sie, wenn er recht überlegt, etwas seltsam schmeckt) brummt leise.

Bei dem Gedanken an den Kühlschrank fällt Donaldino ein, dass er einkaufen gehen muss: Nochmal sollte er diese Tomatensoße wirklich nicht essen. Nachdem der Horror-Clown weitere fünf Minuten in seinen Nudeln herumgestochert hat, beschließt er, den Rest wegzuschmeißen. Und das, obwohl seine Mutter ihn früher jedes Mal ausschimpfte, wenn er Essen nicht aufaß. Mit schlechtem Gewissen schabt er die letzten Nudeln in den Restmüll.

Donaldino macht sich müde auf den Weg zum Supermarkt. Er weiß schon lange, welche Wege er gehen muss, um niemandem zu begegnen – besonders an solchen Tagen wie heute, an denen alle Leute ihre allerletzten oder sogar noch alle Geschenke einkaufen wollen und sich eine gehetzte Menge von Laden zu Laden schiebt.

In Gedanken versunken geht Donaldino durch die Gassen – doch da hört er plötzlich laute Rufe! Er schaut auf und sieht, wie in einer Unterführung drei Jugendliche in Springerstiefeln und Lederjacken auf einen älteren Mann in einem Schlafsack eintreten. Donaldino hadert mit sich, ob er eingreifen soll oder nicht – schließlich sind sie zu dritt und er wäre alleine. Doch dann erinnert er sich, dass er selbst oft genug gehänselt wurde und sich damals auch Hilfe gewünscht hätte.

Nun ja, viel tun muss Donaldino nicht. Denn sobald die drei Springerstiefel-Typen bemerken, wer da auf sie zukommt, rufen sie: „Es ist ein Horror-Clown! Es gibt sie wirklich!“ – und verschwinden um die nächste Ecke. Donaldino hilft dem älteren Mann aus seinem Schlafsack und auf die Beine. „Vielen, vielen Dank, Herr Clown!“, bedankt sich der Senior überschwänglich bei Donaldino, und klopft sich den Dreck von den Hosen: „Mir geht es zum Glück gut, weil ich in meinem dicken Schlafsack lag, als die drei über mich herfielen!“

Der Horror-Clown winkt höflich ab, verabschiedet sich von dem Herrn – und trottet melancholisch weiter. Erst jetzt wird ihm bewusst, dass ihn gerade ein Mensch zum ersten Mal ohne Vorurteile gesehen hat. Donaldino wünscht sich, jeder könnte ihn so sehen – und beschließt, alles daran zu setzen, das Bild, das Menschen von ihm haben, aufzubessern. „Bis Silvester“, nimmt sich Donaldino vor, „habe ich genug Freunde, um eine schöne Party zu feiern!“

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24.12.2016, 01:00 Uhr

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