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Fischerstechen

Donauwasser im Blut

Als Vorsitzende des erlesenen Schiffervereins pflegt Susanne Grimmeiß eine 500-jährige Ulmer Tradition mit modernem Anspruch. Sie ist die erste Frau in diesem Amt, aber schon von Kindesbeinen an dabei.

05.04.2017
  • CHIRIN KOLB

Ulm. Der Ulmer Schifferverein ist ein ganz besonderer Verein. Längst nicht jeder kann Mitglied werden, im Grunde: nur ganz wenige. Der Schifferverein führt ein Dasein im Verborgenen und tritt nur alle vier Jahre ins Bewusstsein. Dann aber umso publikumswirksamer, richtet er doch das Fischerstechen auf der Donau aus, das an zwei Sonntagen hintereinander tausende Zuschauer verfolgen. In seiner fast 100-jährigen Geschichte steht zum ersten Mal eine Frau an der Spitze: Susanne Grimmeiß, eine echte Räse.

Räs bedeutet im Schwäbischen herb, streng, dickköpfig auch. Auf die offene Susanne Grimmeiß trifft diese Beschreibung nicht zu. Für sie gilt des Wortes zweite Bedeutung: Räse sind die Nachfahren der Fischer und Schiffleute, sozusagen die Ur-Ulmer. Nur sie können Mitglied des Schiffervereins werden. Einzige Ausnahme: Eingeheiratete werden auch aufgenommen. Susanne Grimmeiß aber ist eine Räse durch Geburt, ihre Mutter ist eine geborene Hailbronner. Die Familiennamen deuten schon auf die Herkunft hin, die Molfenters, Kässbohrers, Scheuffeles, Hailbronners mit a und mit e stehen allesamt in der jahrhundertelangen Tradition der Ulmer Fischer- und Schifferfamilien.

Grimmeiß ist mit diesem Erbe aufgewachsen. Die Familie pflegte die 500 Jahre alte Tradition, machte beim Fischerstechen mit, spazierte in historischer Tracht beim Festumzug mit. „Ich bin zuerst an der Hand vom Opa mitgelaufen, habe im Menuett getanzt, saß auf dem Festwagen“, erzählt Grimmeiß. Von klein auf war das eine große Sache.

Meistens jedenfalls. Denn in der Schule verlor sie kein Wort darüber. Susanne Grimmeiß, 1963 geboren, wuchs in einer Zeit auf, in der Trachten und Traditionen von Gleichaltrigen verschmäht wurden. Heute ist das anders, „die Jungen finden Traditionen wieder gut“. Die Vorsitzende des 1922 gegründeten Schiffervereins freut sich darüber und sieht mit Stolz die Mitgliederzahl des Schiffervereins, die derzeit bei 350 liegt, steigen. Bis zum Alter von 27 gilt die Familienmitgliedschaft, dann muss sich ein Nachkomme der Fischer und Schiffer selbst entscheiden, ob er dabeibleibt.

Für Susanne Grimmeiß war das keine Frage. Wie verbunden sie sich dem Verein und der Familientradition fühlt, sieht man auf den ersten Blick. Um den Hals trägt sie an einer feingliedrigen Kette Symbole der Fischer und Schiffer, einen Fisch und eine Zille. Ihre Handtasche ist ebenfalls eine Zille in den Stadtfarben Schwarz und Weiß. „Selbstgenäht“, sagt sie. Geht auf ihrem Handy ein Anruf ein, erklingt eine den Ulmern wohlbekannte Melodie: der Fischermarsch. Susanne Grimmeiß ist Apothekerin. In ihrer Freizeit dreht sich aber vieles um den Schifferverein.

18 Jahre war sie für den Trachtenfundus mitverantwortlich. Die Kleidung der Stecher, der Kinder und der Zillenfahrer wird im Fundus verwahrt, ausgebessert und gepflegt, bis sie zum nächsten Stechen vier Jahre später wieder herausgeholt und anprobiert wird. Nur die Frauen besitzen ihre eigene Tracht.

An diesen Sonntagen war Susanne Grimmeiß immer für alle Eventualitäten gerüstet. Klebstoff, Nähzeug, Sicherheitsnadeln – alles dabei. Einmal, erinnert sie sich, hat sie schnell die Naht einer aufgeplatzten Hose zwischen zwei Auftritten geflickt.

Vor zwei Jahren erhielt sie ein überraschendes Angebot. Fritz Eckhardt, der den Schifferverein seit 1999 führte, fragte Susanne Grimmeiß, ob sie seine Nachfolgerin werden wolle. „Ich dachte damals eher: Ich höre langsam auf“, erzählt sie lachend. Doch wie kann sich jemand zurückziehen, der Donauwasser im Blut hat? So stürzte sich die neue Vorsitzende in die neue Verantwortung.

Ihr größtes Ziel umreißt sie so: „Ich möchte die wunderschöne Tradition lebendig halten, mit der Moderne verbinden und alle einbeziehen.“ Denn obwohl Festumzug, Tänze und Fischerstechen eigentlich ein Familienfest der Nachkommen der Fischer und Schiffer sind, sollen alle daran teilhaben. Die Vorsitzende hofft deshalb, dass am 16. und 23. Juli nicht nur die Donauufer beim Fischerstechen rappelvoll gesäumt sind, sondern Zuschauer auch vormittags den Festumzug verfolgen (siehe Info-Kasten).

Grimmeiß wird selbstverständlich dabei sein. Ob sie schon einmal ein Fischerstechen versäumt hat? Undenkbar!

In den Monaten vor dem Stechen nimmt die Arbeit für die Verantwortlichen zu. Zunächst trifft sich das zwölfköpfige Organisationsteam alle vier Wochen, dann alle zwei, schließlich wöchentlich, „und jedes Mal tauchen neue Fragen auf“.

Das Stechen ist Männersache

Gestochen hat Susanne Grimmeiß noch nie, das ist Männersache. Das Stechen ist technisch komplex, weil sich die Boote selbst bei unterschiedlicher Strömung exakt begegnen müssen, und „richtig, richtig anstrengend“. Auch für die Fahrer. Da weiß Susanne Grimmeiß, von was sie spricht, denn das Zillenfahren lernt sie gerade.

Wie gut, dass ihr Ehemann der Donau und der Tradition ebenso verbunden ist wie sie selbst. Der Rechtsanwalt Martin Grimmeiß, ein eingeheirateter Räser, ist Vorstand der Gesellschaft der Donaufreunde, die über die Schachtelfahrten den Kontakt zu Kommunen entlang der Donau pflegt.

Als Vorsitzende des Schiffervereins wird Grimmeiß den Festzug vor den Fischerstechen anführen. Sie wird es auch sein, die vor dem ersten Stechen mit einer Abordnung der Zunft beim Ulmer Oberbürgermeister um Erlaubnis für das Stechen bittet, die Verwilligung. Rathauschef Gunter Czisch wird gar nicht anders können, als seine Zustimmung zu geben, werden die Fischer und Schiffer doch versuchen, ihn mit einer Platte voller Fische gnädig zu stimmen. Die stammen zwar nicht mehr aus der Donau, dafür aber aus dem Hause Heilbronner, einer der letzten „aktiven“ Ulmer Fischerfamilien.

Auch die Verwilligung gehöre zur schönen Tradition. Susanne Grimmeiß freut sich, dass auch daran junge Nachfahren der Fischer- und Schifferfamilien Freude haben. „Ich kann nur die Glut weitergeben“, sagt sie. „Wenn die Jungen dann dafür brennen, ist das wunderbar.“

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05.04.2017, 06:00 Uhr

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