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Trägt mit am Familienleid

Doris Jones leitet das Ronald McDonald Haus, das kranke Kinder mit den Eltern aufnimmt

Appartements im Klinikumsbereich, wo gibt‘s die? Zum Beispiel im Ronald McDonald Haus. 30 sind es insgesamt und alle immer belegt. Hier wohnen Familien, die ein schwerkrankes Kind haben. Ein trauriges Haus also? Nicht nur, so arbeitet auch seine Leiterin Doris Jones daran, dass der Aufenthalt für die Familien möglichst angenehm ist.

05.07.2014
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. Mancher betritt das Ronald McDonald Haus auf dem Schnarrenberg und sagt: „Wow, was für eine Architektur!“ Alles so luftig, offen, transparent. Der Hamburger Stararchitekt Hadi Teherani hat das Gebäude entworfen, für ihn ein Charity-Prestigeobjekt. Doch ist das Haus damit vielleicht eine Spur zu großartig? Man könnte an ein Fünf-Sterne-Hotel denken. Doch solche Vergleiche erscheinen Doris Jones daneben. Das Haus vermittle Offen- und zugleich Geborgenheit und „viel Raum zur Ablenkung vom stressigen Klinikalltag“. Das Haus ist ein Zuhause auf Zeit und kein Hotel mit dem entsprechenden Service. Und vor allem, dies betont Jones: „Niemand kommt hier freiwillig her.“ Denn der Grund, warum die Familien im Haus wohnen, ist ein äußerst schmerzhafter: ein schwerkrankes Kind. Und so wird auch verständlich, dass sich selbst die bitterarme Familie aus Georgien kein Leben in dieser vergleichsweisen Luxussituation wünscht, sondern Deutschland möglichst schnell wieder verlassen will. „Ein paar deutsche Wörter lernen alle,“ sagt Jones, „zum Beispiel das Wort ,Heimweh‘.“

Rund ein Drittel der Familien, die das Haus beherbergt, haben eine lange Reise hinter sich und mit viel Mühe und Sponsoren den Aufenthalt in Tübingen erkämpft. Sie hoffen auf die Fähigkeiten der Ärzte und Spezialisten im Uniklinikum. Oft geht es um Leben und Tod. Wie bei der kleinen krebskranken Marya aus Weißrussland, die mit ihren Eltern seit drei Jahren im Haus lebt und über die das TAGBLATT schon berichtete. Die Familie kam kurz nach der Eröffnung des Hauses nach Tübingen.

Es sind nicht nur kleine Krebspatienten, die hier Therapien erhalten, die Kliniken in ihren Heimatländern so nicht bieten können. „Die meisten der schwerkranken Kinder leiden an seltenen Erkrankungen“, so Jones. Sie warten auf ein Spenderorgan oder sie sind noch so klein, dass sie schon deshalb eine Spezialbehandlung benötigen. Der Ruf und die Kunst der Tübinger Neonatologie zieht auch Eltern aus der Schweiz und Österreich an.

Die meisten Gäste des Hauses kommen jedoch aus Deutschland, aus Regionen, die den Eltern das Pendeln unmöglich machen. Mitunter bringen die Eltern auch die Geschwisterkinder mit. Keiner der Gäste des Hauses ist in einer beneidenswerten Lage. Doch gerade in einer solchen Notlage ist ein Alltagsgerüst wichtig. „Die Familien versorgen sich selbst“, sagt Jones. Diese Normalität verleihe ihnen Stabilität. Andererseits tut das Haus auch einiges fürs Wohlgefühl seiner Gäste: „Dienstags wird zum Verwöhnfrühstück und donnerstags zum Verwöhnabendessen eingeladen.“

Außer den 3,5 Arbeitskräften plus einem FSJ-Helfer sind nämlich noch 45 Ehrenamtliche an allen Ecken und Enden aktiv. Sie bieten Basteln an, schmücken das Haus, sind handwerklich im Einsatz, helfen die Appartements beim Belegungswechsel zu richten oder gehören dem Kochteam an. „Jeder bringt sein Talent ein“, sagt Jones.

Die Verwöhnessen kämen sehr gut an. Einmal die Woche kochen die Ehrenamtlichen oder Mitarbeiter regionaler Unternehmen abends für die Familien ein kleines Drei-Gänge-Menü. „Wenn ein Kind schwer krank ist, gönnen sich die Familien gar nichts“, stellt Jones immer wieder fest. Außerdem sind sie nachmittags mit Klinikterminen stark eingespannt. Weil aber jeder Mensch essen muss, boten sich die besonderen gemeinsamen Essensrunden an. Alle Häuser der McDonald’s Stiftung haben das im Programm.

19 Häuser gibt es allein in Deutschland. Weltweit sind es um die 350. Die McDonald’s Kinderhilfe ist in Deutschland seit 1987 aktiv. Sie ist Teil der amerikanischen Ronald McDonald House Charities, die der McDonald’s Firmengründer Ray Kroc ins Leben rief. Die Häuser werden durch Spenden von McDonald’s Deutschland, seinen Franchise-Nehmern und Lieferanten, den Kunden, die Münzen in die Spendenhäuschen auf den Theken werfen, und vielen Unternehmen finanziert. Die Franchise-Nehmer sind sogenannte Promillespender. Das heißt, ein Tausendstel jedes Pommes frites oder jedes verkauften Hamburgers geht an die Stiftung. Damit sitzen die Hausmitarbeiter aber noch lange nicht im ein für alle Mal gemachten Nest, denn die Betriebskosten müssen die jeweiligen Hausleitungen selber durch Spenden aus der Region einwerben. Und so kommt es, dass Doris Jones nicht etwa ausgebildete Psychologin oder Sozialpädagogin ist, sondern Journalistin. Die psychologische Betreuung der Hausbewohner übernimmt die Klinik, so betont sie, und nicht ihr Team.

Der Hauptteil ihrer eigenen Arbeit besteht aus Fundraising und PR. Jedes Jahr müssen 150 000 Euro eingeworben werden: „Das ist eine große Herausforderung.“ Kontakte zu Firmen müssen geknüpft oder erhalten werden, Appartement-Patenschaften werden vergeben (2000 Euro für ein Jahr). Die Übernachtungskosten in Höhe von 20 Euro pro Tag und Appartement übernehmen in der Regel die Krankenkassen.

Die Trauer um ein Kind, das trotz aller medizinischer Kunst nicht gerettet werden kann und stirbt, bringt auch die Mitarbeiter an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Zwar betont Jones: „Wir selbst stehen nicht im Zentrum, sondern die Eltern.“ Doch auch sie verspürt diese Leere, die eintritt, wenn ein Kind plötzlich nicht mehr da ist. „Die schwerste Situation ist immer, wenn die Familie dann abreist.“ Der Schmerz, die zerbrochene Hoffnung, vielleicht auch der Aufbruch in eine ungewisse ökonomische Zukunft, der Abschied ist oft von Ohnmachtsgefühlen begleitet.

Andererseits fühlen sich Jones und ihr Team durch die schönen Erlebnisse im Haus getragen. Durch „kleine Wunder“, wie zum Beispiel die Gesundung eines Kindes, und auch durch die Dankbarkeit der Eltern.

Und wie entspannt sich Jones in ihrer Freizeit? Gerne im Wald, überhaupt ist sie viel in der Natur, geht spazieren und schöpft dabei neue Kraft für die Arbeit. Die Erfahrung lehrt sie aber auch, dass sie die Gedanken an die Familien im Haus nicht einfach abends mit dem Schließen der Haustür hinter sich lassen kann.

Doris Jones leitet das Ronald McDonald Haus, das kranke Kinder mit den Eltern aufnimmt
Doris Jones sattelte vom Journalismus auf Fundraising und PR umBild: Bachmann

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05.07.2014, 12:00 Uhr

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