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Nachtleben im Zentrum Zoo - ein Rückblick

Dort waren sie alle – und zwar am selben Abend

Platz für Neues im Westen: Mit dem Abriss des Zentrum Zoo verschwindet nun endgültig eines der wichtigsten Relikte der Tübinger Jugend- und Disco-Kultur. Ein Rückblick auf bewegte Jahre.

08.10.2016
  • Wilhelm Triebold & Lorenzo Zimmer

Hat’s die Mädle noch bei euch?“ Das fragte hoffnungsfroh mancher Anrufer in den Anfangsjahren des Zentrum Zoo. Vor 35 Jahren zogen in einem verrauchten und verruchten Rotlicht-Etablissement namens „Kleiner Zoo“ ein angehender Radiologe, eine ehemalige Stewardess, ein Studentenwerksvertreter und ein TAGBLATT-Kinokritiker praktisch das erste Sozio- und Subkulturzentrum Tübingens auf. Das Gesellschafter-Kleeblatt Winfried Kast, Brigitte Heilemann, Peter Müller und Michael „Vigo“ Friederici bildete, ein paar entscheidende Jahre vor den Sudhaus-Aktivitäten, den alternativen Kultur- und Gaststättenbetrieb namens Zentrum Zoo.

Doch zuerst einmal galt es die Folgen zu beseitigen, die ein automatenknackender Einbrecher und Brandstifter verursacht hatte. Ein rußgeschwärzter Anfang, „die schwarz ausgebrannte Höhle der Zoo-Löwen“, wie Friederici später so unnachahmlich dichtete: Sie rissen „die verkohlte Plüschpuffkultur ab, krochen noch angeregter in der stinkig versumpften Müllhalde namens Keller herum und freuten uns immer wieder über überraschende, gut versteckte Arbeitsproben in den ehemaligen Kunden-Stunden-Räumen im ersten Stock... Kurz: Es war eklig und grauenhaft – die Eröffnung dagegen verlief rauschend und glänzend.“

Jene Eröffnung war am Freitag, 27. November 1981. Kondome und Kredite – schnell verdrängt. Doch schon bald begehrten genervte Weststadt-Anwohner auf, denen der Lärmpegel und die Sperrzeitverkürzung gegen den Strich gingen. Es gab zwar Unterschriftenaktionen und Solidaritätskonzerte zugunsten des Zentrum Zoo. Doch als Nachbarn vor Gericht zogen, drohte dem Projekt nach anderthalb Jahren schon wieder das Aus. Bewachte Schranken sorgten für Entlastung.

Sorgen bereiteten den Zoo-Betreibern in diesen ersten Jahren allerdings auch Auseinandersetzungen zwischen Disco-Besuchern aller Couleur. Der winkelförmige Bau im westlichen Industriegebiet, Zuschauerkapazität 400 Leute, zog allerlei Volk an, Feierabendausflügler von der Alb ebenso wie Rocker oder Punks, Studis und Asylsuchende. Da krachte es beizeiten auf der Tanzfläche oder vor der Tür. „Das war auch ein Auffangbecken für soziale und ethnische Gruppen“, erinnert sich Dieter Eckert, ein Zoo-Mitarbeiter der ersten Stunde, der oft genug klärend zwischen die Fronten geriet. Es gab dann auch Anmache und Rassismusvorwürfe, feministische Boykott-Aufrufe und Hausverbote für Asylbewerber. Und sogar ein Jazzkonzert unter Polizeischutz, weil Gangs angekündigt hatten, den Zoo zu Kleinholz zu verarbeiten.

Besonders die legendären „Black Nights“ an den Mittwochabenden sorgten positiv gesehen für Trubel, negativ gesehen für Trouble. „Da ist vieles“, so Eckert, „manchmal hemmungslos aufeinander geprallt. Der Zoo galt als Soziokultur, und die Leute gingen dahin, wo was los war. Bei uns war alles – und zwar am selben Abend.“

Als das Sudhaus noch hinzu kam „und für sich beanspruchte, die Soziokultur zu sein“ (so Dieter Eckert etwas gallig), geriet das betriebswirtschaftlich geführte Zentrum Zoo nun endgültig in Verruf, zum „kommerziellen Laden“ verkommen zu sein. Dabei sicherte das Konzept dem Zoo erst das Überleben. Eine eigene „Zett-Kultur- und Gaststättenbetriebsgesellschaft GmbH“ stellte die Räume einem ebenso eigenen Zoo-Kulturverein kostenlos zur Verfügung und subventionierte somit die öffentlich noch nicht besonders geförderte Zoo-Kultur.

Gleichzeitig begann vor allem Winfried „Winne“ Kast als programmatischer Kopf (die von der Viererbande übriggebliebene Brigitte Heilemann kümmerte sich mehr ums Gastronomische), den Zoo-Radius zu erweitern. Zoo-Festivals begannen, die angestammten Club-Voltaire-Festivals zu verdrängen und schließlich ganz zu ersetzen. Carlos Santana auf dem Marktplatz und Miles Davis in der Mensa Morgenstelle, aber auch mal die Pekingoper im Festsaal, während der schillernde Hermann Brood zeitgleich im kleinen Zoo auftrat – der einstige Kultur- und Gaststättenbetrieb mutierte mehr und mehr zum multikulturellen Kulturveranstalter. Am Ende stand die dauerhafte Großunternehmung „Viva Afro-Brasil“, die gute Laune versprühende Musica Popular Brasileira.

Jürgen Eberhard, später selbst erfolgreicher Tübinger Szene-Veranstalter, sammelte erste Erfahrungen als Literatur-Zuständiger im Zoo und legte dort auch die Neue Deutsche Welle auf. Laut Stefan Schreiber, ein weiteres „Zoo“-Urgestein, war Eberhard sowieso der erste, der Computer konnte. Schreiber hat zur Erinnerung fünf Gästebücher hervorgekramt und mitgebracht – eine Zeitreise in die Gründerjahre der „Zoo“-Musikszene. Die „Fantastischen Vier“ gaben dort eines ihrer frühesten Konzerte überhaupt, die „Toten Hosen“ liefen zu großer Form auf. Auch die damals angesagten Rock-Avantgardisten John Zorn und Fred Frith, wie überhaupt die ganze Knitting Factory, gaben sich in den frühen Jahren die Ehre.

Seit Anfang der 1990er-Jahre wurde das Programm noch stärker durchmixt mit Jazz („Jazzstadt Tübingen“) und Afro. Daneben: Konstantin Wecker und Georg Danzer, Helge Schneider, Pete York mit Spencer Davis im Schlepptau, Sun Ra, der Bandoneonstar José Mosalini oder Baden Powell – alle waren sie mal hier. Eckert rühmt außerdem „das Familiäre“, die Club-Atmosphäre.

Nach zehn Jahren, praktisch auf halber Strecke, lautete die Zwischenbilanz schließlich: rund eine Million Besucher bei mehr als 100 veranstalteten Konzerten. 1992 expandierte das „Zentrum Zoo“ kurzzeitig ins Foyer an der Blauen Brücke, bekam dann aber doch nicht den Zuschlag. Das hätte wohl auch einiges für das Stamm-Domizil in der Weststadt geändert.

Das kulturelle Epizentrum

In den späten 90ern blieb der Zoo für viele Jugendliche weiterhin das kulturelle Epizentrum der Stadt. Ein Überbleibsel von den Anfängen avancierte jetzt zunehmend zum Kassenschlager und Publikumsmagnet: Das breite musikalische Spektrum beim alldienstaglichen „All mixed up“ zog – gekoppelt mit halbierten Preisen für die Getränke – Woche für Woche sehr großes Publikum an den westlichen Stadtrand. Schüler, Studenten, Auszubildende, Berufstätige: Sie alle kamen gerne.

Überhaupt: Das war es, was den Zoo so besonders machte. Und er behielt sich diese Eigenschaft bis zu seinem Ende: Im Zoo trafen sich alle. Natürlich gab es damals wie heute verschiedene Jugendkulturen: Da waren die Hiphopper mit weiten Hosen von Fishbone oder Sir Benni Miles, die Punkrocker mit Bandshirts von den Ramones oder Anti Flag. Es gab die Elektrofans, schon damals mit bunten Sneakers, und die Reggae-Fans mit Dreadlocks und dem Konterfei von Bob Marley auf dem T-Shirt. Sie alle mochten den Dienstag im Westen. Musikalisch gab ihnen vor allem einer eine Heimat: Holger „DJ Age“ Kesten. Er verstand es, ein Sammelsurium der neuesten Hits aus Rock, Punk, Pop, Hiphop und Elektro so abzumischen, dass alle auf ihre Kosten kamen. Und prägte – auch mit eigenen Veranstaltungen wie dem musikalisch etwas härteren „42 Grad Fieber“ – eine ganze Ära des Clubs.

Andere Locations zogen nach: Auch Foyer und das häufig seinen Namen wechselnde Cinderella (später Orangerie, T-Club, heute Club 27) versuchten zunehmend, dem Zoo nachzueifern, mit Mixed-Music mit rockig-alternativem Schwerpunkt. Was mehr und mehr zum Mainstream wurde, blieb im Zoo familiär: Schnell hatte der rockige Dienstag eine große Zahl an Stammgästen. Es wurde gekickert, diskutiert, getrunken, gefeiert und getanzt.

Wenn der Zoo brummte, war die ganze Weststadt in Wallung. Einige Gäste kamen mit dem Zug, bevölkerten zu Beginn der Partynacht die Bahnsteige am Westbahnhof. Fahrräderfluten schmiegten sich an jede Laterne entlang der Westbahnhofstraße, die Parkplätze waren voll. Und dann, mitten in der Nacht, war wieder was los auf den Straßen: Oft konnte man regelrechte Versammlungen beim Westbahnhof beobachten: Müde gewordene Partygäste warteten auf ihr auch für Schüler und Studenten erschwingliches Sammeltaxi.

Weil das damals aber sehr gefragt war, konnten die Meetings von Gästen aus Entringen bis Pfrondorf an der Bahnschranke auch mal länger gehen: „An der Schranke auf das SAM warten, die letzte Mark dafür aufgehoben, und das SAM kommt und kommt nicht“, erinnert sich ein TAGBLATT-Leser auf Facebook.

Wie es jetzt nach dem Abriss mit dem Zoo-Areal weitergeht, ist unklar. Das an das Gelände anschließende ehemalige Grundstück der Firma Kast und Schlecht wird noch bis 2021 genutzt. Auch hier ist die Stadt bereits Eigentümer, hat dem Besitzer aber ein sogenanntes Nießbrauchrecht für fünf Jahre eingeräumt.

Dann möchte die Stadt beide Flächen zusammen entwickeln, gegebenfalls Grundstücksgrenzen auflösen und neu ziehen. Deshalb kam jede weitere Nutzung des Zentrum Zoo nur für fünf Jahre in Frage: „Es stellte sich heraus, dass die notwendigen Investitionen in die marode Bausubstanz in dieser Zeit nicht wieder erwirtschaftet werden können“, schreibt die Stadt in einer Pressemitteilung. „Das Gebäude war in einem verheerenden Zustand“, bekräftigt Uwe Wulfrath von der Wirtschaftsförderung die Darstellung.

Nun soll also eine Zwischennutzung gefunden werden. Wulfrath könnte sich da so einiges vorstellen: „Ob das Container-Ateliers für Künstler sind oder einfach ein Lagerplatz für einen Industrie- oder Handwerksbetrieb.“ Er würde aber eine Nutzung bevorzugen, von der schon jetzt die Umgebung profitiert: „Ein reines Industrielager wäre für die Anwohner natürlich nicht so reizvoll.“

Nach dieser Phase der vorübergehenden Nutzung will man die Grundstücke „Zoo“ und „Kast und Schlecht“ zusammen entwickeln. Und sich dafür an den Ideen der Bevölkerung orientieren, die derzeit unter dem Stichwort „Zukunft Weststadt“ in einer breiten Bürgerbeteiligung eingeholt werden: „Wir wollen den Weststadt-Planungsprozess abwarten und dann mit diesem Grundstück den Zielen dieser Formulierungen entsprechen“, so Wulfrath weiter.

Der Abbruch soll schon in drei bis vier Wochen bereits abgeschlossen sein. Vielen Tübingern – mehrerer Generationen – dürfte bei den Gedanken das Herz bluten, dass in so kurzer Zeit plattgemacht wird, was jahrzehntelang Bestandteil der kulturellen Identität Tübingens war. Egal wie alt sie sind, und egal welche Musik sie gerne hören.

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08.10.2016, 01:01 Uhr

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