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Auf fünf Seiten passt nicht die ganze Welt

Dozentin Shawn Raisig erhielt den Uni-Lehrpreis

Man hofft als Dozent immer, dass man für das Leben seiner Studenten etwas Bedeutendes bewirken kann, sagt Shawn Raisig. Weil sie diesen Anspruch auch lebt und für ihre Studenten erlebbar macht, erhielt die junge Amerikanerin jetzt den Lehrpreis der Universität.

24.10.2012
  • Angelika Bachmann

Tübingen. Studenten wollen die Welt begreifen. Sie erforschen, sie beschreiben. Das geht aber nicht auf zehn Seiten. An dieser Tragik scheitert manche Hausarbeit, weiß Shawn Raisig. Es gehört zu den häufigsten Fehlern, die Studenten beim Verfassen einer Arbeit machen: „Die Fragestellung ist zu groß.“

Doch wie konzipiert und verfasst man eine gute wissenschaftliche Arbeit? An Shawn Raisigs früherer Universität in Ann Arbor gab es dafür Hilfestellung: In einem Schreibzentrum, dem so genannten Creative Writing Center, konnten Studierende ihre Arbeit besprechen, den Aufbau diskutieren, an Formulierungen und sprachlichem Ausdruck feilen. Eine Einrichtung, von der die Studierenden so sehr profitierten, dass es eine der ersten Fragen war, die Shawn Raisig in Tübingen stellte: Gibt es hier kein Writing Center? Die Antwort war: Nein. Shawn Raisig beschloss, das zu ändern.

Erst Weimar, dann Tübingen

Es gab bei manchen Dozenten gewisse Vorbehalte gegen ein solches Schreibzentrum, erinnert sich Raisig, die andererseits nicht den Eindruck macht, als würde sie sich von solchen Vorbehalten schnell den Wind aus den Segeln nehmen lassen. Mancher befürchtete, es würden künftig nur noch vorkorrigierte Arbeiten bei den Dozenten landen. Doch darum geht es gar nicht, macht Raisig klar. Es geht darum, Fähigkeiten zu vermitteln, Hilfestellung zu leisten, Fragen zu stellen. „Die Antworten müssen die Studierenden dann schon selber finden.“

Weil Shawn Raisig als Lehrerin fördert und motiviert, zu Selbstständigkeit anregt anstatt zu bemuttern oder immer alles besser zu wissen, haben Studierende die 31-Jährige dieses Jahr für den Lehrpreis der Universität vorgeschlagen. Vergangenen Donnerstag, beim Dies Universitatis, wurde ihr der Preis verliehen.

Raisig kam vor fünf Jahren nach Tübingen. Sie hatte sich damals, weil sie die Ausschreibung zufällig im Internet gefunden hat, von den USA aus am letzten Tag der Frist beworben – und die Stelle erhalten. Diese war zwar auf ein Jahr befristet. Trotzdem hat Raisig vor dem Umzug nach Tübingen all ihre Habseligkeiten in den USA verkauft. „Was übrig blieb, passte in ein kleines Auto.“

Seit sie nach ihrem Bachelor-Abschluss zwei Jahre in Weimar unterrichtet hatte, war ihr klar: „Ich wollte zurück nach Deutschland.“ Am liebsten in eine Stadt mit einer gewissen Überschaubarkeit, so wie Tübingen. Hier hat sie ihr Lieblingscafé, in dem sie auch öfters Hausarbeiten korrigiert. Man kennt sie dort, und sie kennt die Kellnerin, die sie meist mit den Worten begrüßt: „Wollen Sie Ihren Muffin jetzt gleich oder lieber später?“ Tübingen gehört zu den Städten, in denen sie gar nicht in die Anonymität versinken könnte, selbst wenn sie es wollte. „Ich habe acht Kurse mit 20 Studierenden pro Semester. Ich bin seit fünf Jahren hier. Da kennt man schon sehr viele Leute.“

Raisig unterrichtet Sprachpraxiskurse am Englischen Seminar. Den persönlichen Kontakt selbst in einem Massenfach wie Anglistik und Amerikanistik wertzuschätzen, ist eine besondere Herausforderung. Dabei kann der von Raisig gegründete Englisch-Stammtisch behilflich sein.

Ein besonderer Team-Geist verbindet die junge Amerikanerin jedoch mit ihren sieben Tutor(inn)en im Schreibzentrum. „Der Lehrpreis gehört genau so gut ihnen wie mir“, sagt Raisig und freut sich über ihr engagiertes Team. Diese Tutoren auszubilden und zu fördern, ist spürbar Raisigs Leidenschaft: „Das liegt mir am Herzen.“ Deshalb gibt es nicht nur alle zwei Wochen ein Gruppentreffen, sondern auch gemeinsame Fahrten zu Tagungen, auch außerhalb Deutschlands. Dort treten die Tutoren mittlerweile als Referenten auf. Und bei einer internationalen Konferenz einen Vortrag in Englischer Sprache zu halten, sei eine wertvolle Erfahrung, sagt Raisig.

Die Kommaregeln nicht vergessen

Und was sind nun die häufigsten Fehler, die es in den schriftlichen Arbeiten von Studierenden aufzuarbeiten gibt? Oft beginnt es beim Aufbau: Viele eröffnen die Arbeit mit einer Frage. Die Antwort kommt aber erst ganz am Schluss des Textes. Zu einer schriftlichen Arbeit, der „Thesis“, gehört aber auch eine Aussage, ein „Thesis-Statement“ – und die muss am Anfang stehen. Das Arbeitsthema muss zudem klar umrissen und ausreichend eingegrenzt sein. Auch bei Formulierungen und Grammatikproblemen hilft das Schreibzentrum weiter. Nicht zu vergessen: die Kommaregeln.

Nicht zu den Aufgaben des Schreibzentrums gehört dagegen die inhaltliche Prüfung der Arbeit. Obwohl natürlich viele Studierenden fragen: Wie ist die Arbeit? Sind meine Ideen gut? Ist alles richtig? Darauf allerdings, sagt Raisig, könnten die Tutoren keine Antwort geben.

Das Schreibzentrum ist übrigens als Erfolgsmodell nicht nur am Englischen Seminar fest etabliert. Seit 2011 gib es an der Universität ein Schreibzentrum, das Studierende aller Fächer nutzen können.

Dozentin Shawn Raisig erhielt den Uni-Lehrpreis
Engagiert und zupackend ist die Englisch-Dozentin Shawn Raisig. Mit dem Aufbau des Schreibzentrums am Englischen Seminar hat sie eine Einrichtung geschaffen, die Studierenden hilft, ihre Arbeiten besser zu formulieren und zu konzipieren.

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24.10.2012, 12:00 Uhr

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