Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Braucht keine Bilder

„Dr. Seltsams Merkwürdigkeitenschau“ am Zimmertheater

Theaterinteressierter Mensch: Ist „Dr. Seltsams Merkwürdigkeitenschau“ denn auch lustig? Kritiker: Doch, sie ist schon lustig, eigentlich. Und auch im Zimmertheater.

05.11.2012

Wer einen heiteren, schrägen Abend erwartet – und ein solcher ist angekündigt – bekommt ihn hier – in Maßen. Und fragt sich womöglich: Könnte, müsste er nicht noch abgedrehter sein? Wie kommt es, dass einen in x-beliebigen anderen Theaterstücken, in tragikomischen oder ernsten Stücken die Komik an einigen Stellen viel stärker packt, während hier zwar öfter, aber doch schwächer gelacht wird – und man manchmal auch Pointen bemerkt, die nicht so richtig zünden?

Und woran liegt es?

Wenn uns ein Witz, eine komische Situation hinterrücks erwischt, in einem ernsten Kontext, wirkt er explosiv. Wenn wir nichts als Lachen erwarten, liegt die Latte hoch und wir sind gefeit. Vielleicht haben wir sogar latent die Situation: Wollen doch mal sehen, ob das wirklich so lustig ist. Hinzu kommt, dass in einem Stück, das nur von Pointen lebt, nichts mehr übrig bleibt, wenn die Pointe nicht so zündet.

Aber es gibt doch auch die umgekehrte Situation, dass wir manchmal in der richtigen Stimmung und Erwartung alles komisch finden. Warum entsteht diese Stimmung hier nicht?

Möglicherweise liegt es daran, dass diese Texte Radiotexte sind. Sie sind sicher komisch, wenn wir sie nebenbei hören, beim Frühstück oder beim Kartoffelschälen. Aber als Hauptprogramm wird es schwieriger.

Wieso? Es gab damals doch sicher viele, die sich ganz gezielt diese Radiosendung eingeschaltet haben, quasi als Hauptprogramm.

Stimmt, da spielt jetzt aber das Serielle mit hinein. Würde das Zimmertheater die Merkwürdigkeitenschau einmal im Monat sagen wir von 21.30 Uhr bis 22.30 Uhr machen, sie wäre wahrscheinlich ziemlich beliebt. Es ist ja nicht schlecht, was sie machen.

Aber von Loriot über Polt bis zu Ladykracher gibt es doch auch Fernsehformate, die nur auf Komik angelegt sind. Die würden die Leute doch auch anschauen, wenn sie nur ein einziges Mal ausgestrahlt würden.

Ja, im Fernsehen. Aber geht man deswegen ins Theater? Ich glaube, das Theater bringt eine andere Tradition mit, dieses „Seht her, wir machen Kunst!“ Ein Kleinkunstabend dagegen funktioniert wieder anders. Schauspieler sind zu kunstversessen, zu ausgebildet, zu alleskönnerisch – vom Anspruch her. Komik aber lebt vom eng Umrissenen, vom Unperfekten – das aber perfekt. Vom nicht Gekünstelten – das aber kunstfertig.

Das verstehe ich nicht.

Ich auch nicht ganz. Aber was ich verstehe: Viele dieser Sketche leben aus der Sprache, funktionieren über das Lesen oder Hören. Sie brauchen das Bild nicht. Die Bebilderung verdoppelt hier meist nur den Sinn. Das ist der große Unterschied etwa zur zauberhaften Inszenierung des übrigens nicht weniger absurden Stücks „Es gibt kein Ende“, der letzten Zimmertheater-Inszenierung. Hier fügte das Schauspiel eine Dimension hinzu und der Text rief auch danach. „Dr. Seltsams Merkwürdigkeitenschau“ aber braucht keine Bilder. In den besten Fällen ist es so, dass sie nicht stören. Zum Beispiel in einem wunderbaren Sketch über die Rechenkünste der Tochter. Nicole Schneider, Robert Arnold und Lucie Mackert machen das großartig. Aber müsste man sie sehen? Man muss sie so wenig sehen wie man Gerhard Polt und Gisela Schneeberger sehen muss, wenn man „Osterhasi Nikolausi“ hört. Wenn man sie trotzdem sieht, freut man sich vielleicht, weil man gerne Polt und Schneeberger sieht. Ich sehe Arnold, Mackert, Schneider, Holéczy und Karl auch gerne auf der Bühne. Aber in diesem Fall würde es reichen, sie zu hören.

Aber ich habe von anderen Zuschauern ein paar richtig witzige Szenen gehört, die im Radioprogramm gar nicht vorkommen können: Ein Diskussionsteilnehmer trinkt heimlich das Glas des Moderators aus und bringt seine Frage-Karteikarten durcheinander, die Pianistin schüttelt ihr ultrahochgetürmtes Haupthaar in grandiosem Fortissimo. Einmal wird angeblich die Bühne verdunkelt, um das Körperinnere darzustellen, das sind doch alles ureigene Theaterideen, die –

Ja, aber das belegt doch gerade meine These: Die neben dem Text witzigsten oder interessantesten Sachen sind die rein visuellen, die es auf ihrer Parallelebene mit den Worten aufnehmen können. Dazu lassen diese Texte aber insgesamt wenig Raum. Zumindest legen sie die Latte ziemlich hoch.

Hat das Zimmertheater-Ensemble das während der Proben nicht gemerkt?

Oh doch, irgendwas haben sie gemerkt. Ich war ja nicht dabei, aber es gab Diskussionen, sie haben spät nochmal groß umgestellt.

Fragen, Antworten: Peter Ertle

Info: Die nächsten Termine von „Dr. Seltsams Merkwürdigkeitenschau“ in der Inszenierung Christian Schäfers gehen am 7., 15. und 21.November jeweils um 20 Uhr über die Bühne des Zimmertheaters.

„Dr. Seltsams Merkwürdigkeitenschau“ am Zimmertheater
Von links: Lucie Mackert, Robert Arnold, Endre Holéczy, Nicole Schneider, Johannes Karl in – wie das Bild zeigt – doch sehr merkwürdigen Rollen.Bild: Zimmertheater

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

05.11.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball