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Theater

Dradulijöh in der Anstalt

Das Schauspiel Stuttgart zeigt „Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt – schräg, amüsant, doch tiefgründig.

24.06.2019

Von OTTO PAUL BURKHARDT

Stuttgart. Hin und wieder spielen sie alle brav Geige – die drei verrückten Physiker unter Leitung der Oberschwester. Da klingt dann Bach an, gezupft und getrommelt wird auch ein bisschen, bis das Ganze in einen Jodelchor mündet – in ein gemeinsam und andächtig zelebriertes „Dradulijöh“. Mit solchen Musikeinlagen setzt Regisseurin Cilli Drexel immer wieder Ruhepunkte. Denn ansonsten herrscht pure Hektik im Irrenhaus: Der Kernphysiker Möbius ist dorthin geflohen, um die von ihm entdeckte Weltformel, die absolute Vorherrschaft ermöglicht, vor Missbrauch zu schützen. Zwei Geheimdienstler wollen sein Wissen kapern, drei Schwestern werden erdrosselt.

Es geht um die Kernfrage nach der moralischen Verantwortung der Wissenschaft. 1961, im Kalten Krieg, schrieb Friedrich Dürrenmatt „Die Physiker“ – in einer Ära zweier Supermächte, die sich mit Atomwaffen bedrohen, war es das Stück der Stunde. Doch wie funktioniert es heute, mehr als ein halbes Jahrhundert später? Am Samstag war Premiere im Stuttgarter Schauspielhaus.

Zunächst: Cilli Drexel macht Ernst mit der „Komödie“, denn so lautet Dürrenmatts Untertitel des Stücks. Schon die beiden als Insassen getarnten Agenten, die nur verrückt spielen, sind sehenswert: Benjamin Pauquet markiert mit Langhaarperücke einen höchst peniblen Isaac Newton, und Klaus Rodewald mimt mit Wirrhaartoupet einen ausgesprochen lässigen, freundlich lächelnden Einstein im kurzen Anstaltshemdchen. Mit Revolvergefuchtel wollen diese zwei Geheimdienstler verfeindeter Mächte dem Kernphysiker Möbius (Marco Massafra) dessen Wissen abjagen. Doch das hat sich längst Irrenhaus-Chefin Dr. Mathilde von Zahnd angeeignet. Sie entpuppt sich als die einzige echt Durchgeknallte, grandios gespielt von Marietta Meguid, die als brüllende Diktatorin und ausgerastete Weltenzerstörerin einen voll bizarren Flamenco-Tanz auf die Bühne brettert – und dafür heftigen Zwischenbeifall bekommt.

Kaum an Brisanz verloren

Angesichts asymmetrischer, vielfältiger, unübersichtlicher gewordener Bedrohungen hat das Stück heute kaum an Brisanz verloren. Im Gegenteil: Dürrenmatts Kernthese – den wahren Irrsinn verkörpern die „Normalen“ – scheint wieder näher denn je gerückt. Cilli Drexel gelingt da eine Gratwanderung: Sie zeigt durchaus, dass hinter dieser vorgeblichen Komödie auch eine pessimistische Groteske steckt. Und so sehen wir dank ihrer klugen Regie im Grunde ständig zwei intelligent kombinierte Stücke: eine Parabel über die Moral der Wissenschaft und eine amüsante Anstalts-Comedy. Otto Paul Burkhardt

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Erstellt:
24. Juni 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
24. Juni 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. Juni 2019, 06:00 Uhr

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