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Im ältesten Haus jung gewesen

Drei Schwestern erzählen die Geschichte der Mittelgasse 24/26

Von 1933 bis 1954 lebte der Schuhmacher Jakob Haap mit Frau und sechs Kindern im ältesten Gebäude Mössingens, dem leicht windschiefen Doppelhaus in der Mittelgasse 24/26. Die drei Haap-Töchter Helene Haug, Erika Golisch und Maria Gimmel wissen noch ganz genau, wie es in ihrer Haushälfte aussah.

18.05.2011
  • Susanne Mutschler

Mössingen. Das Foto, das die Familie der Haaps 1949 bei einer Konfirmation zeigt, löst eine Menge Erinnerungen aus. Helene, die Dritte in der Geschwisterreihe, ist darauf als stolze Konfirmandin zu sehen (Sechste von links, siehe nebenstehendes Foto). Für sie fing wenig später das Arbeitsleben in einem Mössinger Trikotwarenbetrieb an. Ihre zehnjährige Schwester Erika (Fünfte von links), weiß noch nicht, dass auch sie nur vier Jahre später bei Maute in Bodelshausen Wäschestücke im Akkord nähen würde. Maria, das Nesthäkchen (dritte von links), ist das Baby auf dem Schoß ihrer Dote Barbara Haap. „Bei ihr hatte schon die neue Zeit angefangen“, sagen die Schwestern. Maria durfte später Bürogehilfin in der Pausa werden.

Das ganze Leben spielte sich im Stüble ab

Die Eltern, Großeltern, die Brüder Gerhard und Karl, dazu einige Verwandte, drängen sich eng zusammen auf dem Sofa und um den Tisch des Wohnzimmers, auf dem sich Butterbrezeln stapeln. Nur der älteste Bruder Ernst fehlt auf dem Bild. Er war der Fotograf.

Trotz der sichtbaren Enge muss im Zimmer noch irgendwo Platz gewesen sei für ein Büffet und einen gekachelten Ofen. Auf dem habe man nämlich immer eine Kanne mit Wasser warmgehalten, wissen die Frauen, denen ihr früheres Zuhause beim Erzählen immer bildhafter ins Gedächtnis rückt.

„In diesem kleinen Stüble hat sich das ganze Leben abgespielt“, sagt Erika Golisch, das vierte Kind der Haaps. Die Küche sei viel zu klein gewesen, um sich darin aufzuhalten. Außer dem Terrazzo-Spülstein und dem Herd passte gerade noch ein Hocker hinein. „Darüber hing an der Wand eine Kaffeemühle zum Drehen, für den Malzkaffee“, fällt ihr ein.

Die Maße der Wohnstube schätzt sie auf etwa drei auf vier Meter. Der Tisch war das Zentrum, hier aß die achtköpfige Familie zusammen, hier wurden alle Familienfeste – außer den Hochzeiten – gefeiert, hier machten die Kinder ihre Hausaufgaben und auf ihn schüttete die Mutter im Sommer ganze Eimer voller Johannesbeeren aus, wenn es ans Einmachen und Marmeladekochen ging. „Alle mussten mithelfen beim Träuble Abzupfen“, erzählt Helene Haug.

Zum Haus gehört kein Garten, deshalb trieben die Haaps ein „Ländle“, ein „Wiesle“, einen so genannten „Wengert“ und zwei Allmandstücke um. Die Mitarbeit der Kinder war unverzichtbar. Im Sommer sei man zum Ährenlesen, im Herbst in die „Buchele“ (Bucheckern) und zum Tannenzapfensammeln gegangen. Mit dem, was die Mutter in der Ölmühle für einen halben Zentner „Buchele“ erlöste, habe sie die letzten Schulden am Haus in der Mittelgasse abbezahlt, erzählt Helene Haug.

Mitarbeit der Kinder war unverzichtbar

Für das Bad am Samstagabend wurde ein Zuber aus Zink in die Stube getragen und mit Wasser gefüllt. „Bis man bloß das ganze Wasser gewärmt hatte“, erinnert sich Erika Golisch an die mühseligen Vorbereitungen. Dass die Kinder alle ins gleiche Wasser stiegen, war selbstverständlich. Danach wurde der Linoleumboden gewachst, mit Pappe abgedeckt und später sonntäglich mit dem Blocker auf Hochglanz gebracht.

Zum Spielen sei man nie in der Stube gewesen, dazu wurden die Haap-Kinder auf die Gass‘ geschickt. Nur in der Weihnachtszeit wurde eine Ausnahme gemacht, wenn neben dem Christbaum die Puppenstube aufgebaut war. In der Stube saß man zum Lesen beieinander. Die ganze Familie liebte die Lektüre von spannenden Roman- und Abenteuerheften. „Wir haben gelesen wie die Wilden“, entsinnen sich die Schwestern.

Die Erinnerungen sprudeln. Helene Haug sieht die hohe Türschwelle wieder vor sich, über die man von der Stube in die winzige und niedrige Schlafkammer nebenan klettern musste. Darin konnte ein Mann gerade noch aufrecht stehen. Die Zimmerdecke sei nur roh verputzt gewesen. Abends im Bett habe sie die wolkigen Unebenheiten über sich in ihrer Fantasie mit Figuren und Tieren bevölkert und daraus für ihre beiden Brüder, mit denen sie die Kammer teilte, ganze Märchen zusammen gesponnen, entsinnt sie sich.

Außer Küche, Kammer und Stube befanden sich im Erdgeschoss, an der Stelle des früheren Stalles, noch eine enge Schuhmacherwerkstatt und sogar ein winziger Verkaufsraum, an dessen Türe ein Emailleschild mit der Aufschrift „Laden“ festgenagelt war. Als Jakob Haap 1941 als Soldat eingezogen wurde, bekam die Familie Kriegsgefangene zugeteilt. Mit ihnen zählte das Haus tagsüber vier Bewohner mehr. Zwei Schuhmacher, einer aus Marokko, der andere aus dem Senegal, arbeiteten in der väterlichen Werkstatt. Im Verkaufsraum nähten zwei dunkelhäutige Schneider. „Die waren lieb zu uns Kindern“, erinnern sich die Frauen, die sich heute noch wundern, wie friedlich das Zusammenleben ablief.

Als schlimmer Ort hat sich das Plumpsklo hinter der Werkstatt ins Gedächtnis eingegraben. „Da ging man nicht gern hin“, sagt Maria Gimmel. Von Zeit zu Zeit musste die Mutter den Inhalt der Grube mit der Schapf (Eimer mit Stiel) leeren und wegbringen. Traumatisch hat sich Erika eingeprägt, wie ihr Bruder Ernst, der mit 21 Jahren tödlich verunglückte, in der Werkstatt aufgebahrt lag. Bei jedem Gang zum Klo musste die verstörte 13-Jährige an dem Leichnam mit dem weißen Kopfverband vorbei.

Eltern schliefen oben unterm Walmdach

Die Eltern schliefen – zusammen mit den kleineren Kindern – im Obergeschoss, wo sie in dem großen düsteren Dachboden unter dem Walmdach einen einzigen Raum ausgebaut hatten. Dass ihr Haus ein baugeschichtliches Denkmal ist, ahnte die Familie nicht. Es hätte sie wohl auch nicht besonders interessiert.

Alle waren froh, als sie 1954 das elterliche Haus von Jakob Haap in der Mittelgasse 25 übernehmen konnten und endlich ein bisschen mehr Platz bekamen. Als letzte Bewohnerin der Mittelgasse 24 übernahm Barbara Haap (auf dem Foto zweite von links) die verlassene Haushälfte. Als einzige Veränderung habe sie ein „normales Klo“ einbauen lassen, wissen die Frauen. Inzwischen war die Mittelgasse kanalisiert worden.

Dendrochronologische Untersuchungen haben ergeben, dass das Mittelgassen-Haus mit dem Baujahr 1432 eines der ältesten Gebäude im ganzen Land ist. Die beiden gewaltigen, knapp zehn Meter hohen Eichensäulen im Inneren, auf denen der durchgehende Firstbalken aufliegt, sind eine Besonderheit und beispielhaft für die mittelalterliche Bauweise.

Drei Schwestern erzählen die Geschichte der Mittelgasse 24/26
Foto von der Großfamilie Haap mit Verwandten, 1949 bei einer Konfirmationsfeier in der Mittelgasse.Repro: Rippmann

Drei Schwestern erzählen die Geschichte der Mittelgasse 24/26
Mössingens ältestes Haus, ein Firstsäulenbau aus dem Jahr 1432, steht in der Mittelgasse 24/26.Archivbild: Franke

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18.05.2011, 12:00 Uhr

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