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Wie Rottenburger ein Team bilden

Drei TVR-Mannschaften beim Training im Schwarzwald

Spätsommerliche Sonne, eine gemütliche Terrasse. Ringsum Schwarzwald pur. Vor der gemütlichen Terrasse des Natur- und Sporthotels Zuflucht an der Schwarzwaldhochstraße haben Matthias Bäuerle und Viki Heckel einen vierstündigen teamübergreifenden Selbsterfahrungstrip gesetzt. Erlebnispädagogik für die Top-Volleyballer des TV Rottenburg.

11.09.2012
  • Gerd Braun

Zuflucht. Es sind ganz simple Zutaten, mit denen es die rund 35 Sportler zusammen mit ihren Trainern und einigen Funktionären des Rottenburger Bundesliga-Vereins zu tun haben. Leere Bierkisten etwa, Holzbalken, ein Tennisball oder eine federleichte Stange. Das reicht in Kombination mit der entsprechenden Aufgabenstellung locker aus, um gewissen Zündstoff unter den Probanden herauszukitzeln und nachzuweisen. „Teamgeist erfahren“, steht fett gedruckt auf einem der Kleintransporter von Matthias Bäuerles Teamtraining-Firma. Das also ist für die Bundesliga- und Drittliga-Volleyballer an diesen zwei Tagen angesagt statt pritschen und baggern.

Um die drei besten Rottenburger Volleyballmannschaften – die Herren I und II sowie die Damen I – einmal besser zu vernetzen, entschied sich TVR-Geschäftsführer Norbert Vollmer für dieses zweitägige Ausbrechen aus dem Trainingsalltag kurz vor der nahenden Saison. Eine Premiere: „Das ist ein neuer Weg“, erklärt Vollmer, dem klar ist, dass vor allem die erste Herrenmannschaft den Teamspirit noch mehr braucht, will sie in der kommenden Spielzeit den Klassenverbleib in der ersten Bundesliga erreichen. Hintergrund dazu: Nach dem Rückzug des Hauptsponsors muss gespart werden, deshalb verließen einige Spitzenspieler den Verein, der nun sehr stark auf junge Spieler setzen muss.

Viki Heckel, erfahrene Trainerin für Führungskräfte, bereitet die Gruppe auf ihren Nachmittag vor. Kreative Köpfe, kündigt sie an, würden sich offenbaren, und so mancher werde die Grenzen seiner Frustrationstoleranz erfahren. Und sowieso: Über allem schwebt die Kommunikation. Entscheidende Fragen: Wie wird kommuniziert? Fair? Monologisierend? Kooperativ? Unterteilt in zwei Gruppen, begeben sich je 20 Personen entweder in den angrenzenden Wald oder auf den geschotterten Parkplatz des Zuflucht-Skiliftes. Bei Spielerin Tanja Weiß erwachen alte Erinnerungen: „Dort drüben hab’ ich Skifahren gelernt.“ Gut 15 Jahre ist das her, und an diesem sommerlichen Tag sind die Gedanken weit weg von Schnee und Winter. Denksport anderer Art ist angesagt.

Kritik vom Trainer: „Nichts abgemacht!“

Wie baue ich mit fünf Bierkisten und drei Balken eine Brücke über einen virtuellen Fluss voller Krokodile – wobei am Ende nicht nur die jeweils zehn Menschen eines jeden Teams, sondern auch das gesamte Baumaterial auf der durch eine blaue Plane symbolisierte Insel ankommen soll. Und zwar ohne, dass Beine oder Balken im „Wasser“ landen. Sonst nämlich würde es nochmal von vorne losgehen. Obwohl es allein ums Ankommen und damit um eine sichere Variante geht, macht sich rasch ein mehr oder minder ausgeprägter Wettkampfgedanke unter den beiden jeweils „rivalisierenden“ Zehnerteams breit. Kaum 30 Sekunden nachdem Matthias Bäuerle die Aufgabe zu Ende erläutert hat, fangen einzelne Gruppenmitglieder an, die Bierkisten zu versetzen, sich Balken zu schnappen, los geht’s.

„Die hab’ ich jetzt auch noch nie gesehen“, stellt Matthias Bäuerle fest, als er „Team II“ acht Mann stark auf einem Balken stehen sieht. Das massive Holz biegt sich bedrohlich unter der Last der auf ihm befindlichen Personen und der zwei anderen Holzbalken, die das Team rechts und links in den Armen hält. Disziplinierter läuft die Übung bei „Team I“, das elf Personen umfasst. Ulrike Schulz hält ihren elf Monate alten Sohn Moritz mindestens mit der selben Tapferkeit auf dem Arm, mit der der Filius selbst das gesamte Treiben erträgt. Die künftige Drittliga-Spielerin, die in der zurückliegenden Rückrunde wieder eingestiegen ist, fühlte sich sehr gut unterstützt in ihrer besonderen Situation: „Doch, die waren supertoll! Da kamen immer wieder Hinweise wie: Vorsicht, Kopf einziehen, hier kommt wieder ein Balken!“

Irgendwann sind schließlich alle auf der gemeinsamen Insel angekommen. Anschließend kitzelt der 48-jährige Bäuerle mit seiner Manöverkritik aus seinen Beobachtungen von individuellem und kollektivem Handeln nicht zu leugnende, kleine Dissonanzen heraus, die er anschließend abseits der Gruppe mit der Feststellung „da ist Zündstoff drin“ zusammenfasst. Erstliga-Trainer Hans Peter Müller-Angstenberger zieht ebenso hart wie nüchtern Bilanz: „Da war gar nichts abgemacht, unsere Lösungen haben sich ergeben. Außerdem war kein Austausch da.“ Der emotionale Trainer reflektiert seine Beobachtungen auch aufs Volleyball, wo permanent Team-relevante, aber auch individuell maßgebliche Entscheidungen zu treffen seien. Und so zieht die Gruppe erst einmal weiter in den Wald. Dort soll als zweite Challenge ein Tennisball auf einem kleinen Ring liegend zwischen den Bäumen hindurch zu einem 80 Meter entfernten Ziel transportiert werden. Einfach? Ja. Aber nicht mehr ganz so, wenn der Ring nicht berührt werden darf, sondern an zwei Meter langen Schnüren befestigt ist; je Gruppenmitglied ein Schnürchen.

Schnell hat Dirk Mehlberg einen sehr konstruktiven Ansatz: Den Weg zwischen Schnüren und Tennisball verkürzen, indem man die Schnüre einfach weiter vorn festhält. Das klappt, und dank guter, gegenseitig hilfreicher Hinweise, beispielsweise garstige Stolperfallen wie Wurzeln oder ähnliches betreffend, wird die Strecke souverän und recht flott gemeistert. „Sehr gut! Totale Rücksichtnahme, tolle Kommunikation“, lobt Matthias Bäuerle. Geht runter wie Öl. Doch schon flext Müller-Angstenberger wieder dazwischen: „Da war kein demokratischer Prozess bei der Strategiebestimmung“, formuliert er sein Veto. Dann ist erst mal Entspannung.

Geschäftsführer überwindet Höhenangst

Die Mittagspause verbringen die Volleyballer am Gleitschirm-Startplatz oberhalb von Oppenau. Danach folgen nächste Herausforderungen: Unter anderem gilt es für die inzwischen schön durchmischten Gruppen aus weiblichen und männlichen Volleyballern aller drei Teams zu zehnt eine federleichte, auf ausgestreckten allen Zeigefingern liegende Stange so zu Boden zu befördern, dass keiner auch nur einen Augenblick den Kontakt zu dieser verliert. Bei dieser Übung offenbart sich, dass die Dimension von zwei Zentimetern, um die die Stange sinken soll, sehr unterschiedlich ausgelegt wird. Und wieder wird bei der Aufarbeitung teils leidenschaftlich diskutiert. Weitere Übungen, das abendliche Bogenschießen, später ein gemeinsames Abendessen.

Der Tag danach: Wandern zum Karlsruher Grat, einem bis zu 60 Meter hohen Klettersteig, über den die knapp 40 Rottenburger dann als „Seilschaft in Aktion“ hinweg kraxeln. Für die erste Gruppe geht es auch mithilfe „helfender Hände“ hin zum Felsenschiff. Darunter: 18 Meter Nichts. Dann heißt es selbständiges Abseilen am „Point of no Return“. So groß die Überwindung im Einzelfall auch gewesen sein mag – hinterher ist das persönliche Glück, es geschafft zu haben, umso größer. Einige räumen ein, an körperliche und vor allem mentale Grenzen gestoßen zu sein. Für TVR-Geschäftsführer Norbert Vollmer hat der Trip, wie er anschließend bekundet, einen ganz konkreten persönlichen Wert: „Ich habe am Karlsruher Grat sogar meine Höhenangst überwunden.“

Drei TVR-Mannschaften beim Training im Schwarzwald
Denk- und Praxis-Aufgabe für die Rottenburger Bundesliga-Volleyballer: Wie baue ich mit fünf Bierkisten und drei Balken eine Brücke über einen virtuellen Fluss voller Krokodile? Bild: gen

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11.09.2012, 12:00 Uhr

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