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„Ich heiße Mohammed“

Drei junge Syrer gehen seit Wochen in Fischingen zur Schule – eine Begegnung

Mohammed, Rami und Bilal – drei Jungen nach einer langen Reise. In Glatt fanden sie zumindest für die kommenden Wochen ein neues Zuhause, in der FischingerGrundschule fanden sie neue Freunde. Die SÜDWEST PRESSE hat die drei syrischen Jungen beim Unterricht besucht.

17.11.2015
  • Benjamin BReitmaier

Der Stein hat eine lange Reise hinter sich. Er ist ein Schatz, getragen durch die Wüste, durch wochenlange Ungewissheit, was morgen sein wird. Durch ein Land des Krieges, in der Tasche eines kleinen Jungen. Jetzt liegt er in der Mitte des Stuhlkreises der Fischinger Grundschule. Blau ist er, mit Schrammen. Die Zahl 17 prangt in seiner Mitte. Wertvoll sieht der Brocken nicht aus. Er gehört Rami. Er ist eines der wichtigsten Besitztümer des syrischen Flüchtlingsjungen. Eine Händlerin aus Damaskus hat ihm den Stein geschenkt – er hat ihm so gefallen. Als die Bedrohung durch den syrischen Bürgerkrieg zu groß wurde, als Bomben in der Nachbarschaft seiner Heimat fielen, da hat Rami ihn mitgenommen, auf die große Reise nach Deutschland – gemeinsam mit seiner Familie. Sie begann mit einem 27 Tage langen Fußmarsch, ohne bestimmtes Ziel – Hauptsache weg von den Bomben, weg vom Krieg, ohne Essen, ohne Geld.

Jetzt liegt er hier, der Stein. Daneben eine Kerze. Sie flackert für die Opfer der Terroranschläge am vergangenen Wochenende in Paris. Ein Symbol dafür, warum Rami hier ist. Um vor den Menschen zu fliehen, die zu solchen Taten fähig sind, die in seinem Heimatland Hass und Angst sähen.

Im Raum sind etwa 50 Schüler, Rami ist einer von drei Flüchtlingsjungen, die seit einigen Wochen mit im Unterricht sind. Die Terroranschläge in Paris bewegen auch die Kinder. „Ich hab gehört, dort hat sich ein Mann selbst gesprengt“, sagt ein Junge. „Ich hab gehört, dass Flüchtlinge Waffen mitgebracht haben“, ein anderer. Lehrerin Maria Surgalla erwidert entschieden: „Das waren keine Flüchtlinge, gerade wegen solchen Leuten kommen Flüchtlinge zu uns.“ Dass die Flüchtlinge mit im Unterricht sind, hilft auch den Fischinger Schülern, Vorurteile abzubauen. „Am Anfang gab es schon einige Bedenken“, erklärt Surgalla. Doch beim direkten Kennenlernen lassen sich Ängste ausräumen. „Es ist wichtig, dass ihr euch informiert“, sagt Lehrerin Surgalla und erklärt, wo die Kinder altersgerechte Nachrichten finden.

Alexandra hat keine Bedenken. Sie ist selbst erst seit drei Jahren in Deutschland. Ihre Eltern kommen aus Rumänien. Vor allem mit Mohammed versteht sie sich gut, auch ohne Sprache.

Zwei der drei Flüchtlingsjungen kommen aus Gebieten in Syrien, auf die Bomben fallen. Surgalla weist noch auf einen weiteren Punkt hin: „Was in Paris passiert ist, hat nichts mit Religion zu tun.“ Sie fragt die drei: „Welcher Religion gehört ihr denn an?“ Nach kurzem Zögern sagen sie „Islam“. Trotzdem murmeln sie ansatzweise mit, wenn vor dem Essen ein Gebet gesprochen wird. „Wir beten für die Opfer von Paris“, sagt ein Mädchen.

Deutschunterricht: Mohammed sagt: „Ich bin ein Junge, ich bin acht Jahre alt“. Er und sein Halbbruder Bilal tuscheln bei jeder Gelegenheit. Ihr Deutsch geht noch nicht über ein paar Sätze hinaus. Jedes Unverständnis wird aber weggelächelt. Versunken in das Deutschheft wird diskutiert, wie die einzelnen Buchstaben ausgesprochen werden.

Samira ist aus Tunesien. Die Übersetzerin des Landratsamts in Rottweil kommt jeden Tag zwei Stunden nach Fischingen, um den Jungs beim Lernen zu helfen. „Ich weiß, wie schwer das ist, in ein fremdes Land zu kommen und die Sprache nicht zu können. Deswegen ist mir meine Arbeit so wichtig“, sagt sie. Mohammed ist über sein Deutschheft gebeugt. Er zeigt auf sich: „Ich heiße Mohammed“, sagt er – und lächelt.

Drei junge Syrer gehen seit Wochen in Fischingen zur Schule – eine Begegnung
Mohammed (links) und Rami macht der Deutschunterricht Spaß.Bilder: bbm

Drei junge Syrer gehen seit Wochen in Fischingen zur Schule – eine Begegnung
Rami liebt auch das Seilspringen auf dem Schulhof, so geht es auch den anderen beiden Jungs.

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17.11.2015, 12:00 Uhr

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