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Bruderhaus-Diakonie: Das weiße Haus ist bunt

Drei kreative Bewohner machen ihr Treppenhaus zur Galerie

Die Emil-Martin-Straße 15 ist ein Mehrfamilienhaus in Kusterdingens Mitte. Die Fassade: weiß und kühl. Im Innern sieht es anders aus. Vom Erdgeschoss bis unters Dach hängen dicht bei dicht, kunterbunte Bilder. Gemalt haben sie drei der Bewohner.

19.08.2015
  • Christine Laudenbach

Kusterdingen. „Das weiße Haus“. Seit Mai kennen Kusterdinger und Kunstinteressierte das große Gebäude in der Ortsmitte eher unter diesem Namen. Beim „Tag des offenen Ateliers“ wollten die Veranstalter Besucher nicht einfach nur in die Emil-Martin-Straße 15 schicken. Da hatte Peter Weber spontan die Idee, das Mehrfamilienhaus, in dem Menschen mit und ohne Behinderung leben, ganz schlicht nach seinem äußeren Erscheinungsbild zu nennen. Weber wohnt im weißen Haus – und er ist einer der Härten-Künstler, die im Mai Interessierten die Tür öffneten. Ein Atelier hat der 37-Jährige zwar nicht. Um sich von dem kreativen Schaffen in der Emil-Martin-Straße zu überzeugen, durften Gäste einen Blick ins Treppenhaus werfen.

Nicole Ahrend und Kordula Lutz

Im Gegensatz zum kühlen, weißen Äußeren des Hauses, sind dort die Wände mit bunten japanischen Bäumen, abstrakten Gebilden und gestrichelten Tieren bestückt. Wobei längst nicht alle Kunstwerke auf das Konto Webers gehen. Nicole Ahrend und Kordula Lutz haben einiges zu dem Mix beigetragen. Und sind die drei Bewohner der ambulant betreuten Einzimmer-Appartements weiterhin so kreativ, droht im Treppenhaus bald der Platz auszugehen.

Zum Malen kamen die drei aus ganz unterschiedlicher Intention. Während Weber „seit dem vierten Lebensjahr“ Feuer und Flamme für sein Hobby ist, zündete es bei den beiden Frauen ein bisschen später. Nicole Ahrend malt, seit sie 2009 als eine der ersten den Neubau in Kusterdingen bezogen hatte. Kordula Lutz, etwa seit sechs, sieben Jahren. Genau könne sie das gar nicht mehr sagen. Sicher jedoch sei: Es tut ihr gut. Wenn ihr die Arbeit in der Tübinger Loretto-Werkstatt oder auch in der Gaststätte wieder mal über dem Kopf zusammenschlägt. Wenn alles zu viel und zu laut wird. Malen beruhigt, sagt sie.

Immer Tiere Keine Menschen

Bei Motivwahl und Technik macht die 49-Jährige keine Kompromisse. Sie zeichnet „immer Tiere. Keine Menschen.“ Auf Leinwand mit Filzstiften. Ein paar ihrer Werke hat die Ex-Tübingerin, die vor rund zwei Jahren hier einzogen ist, bereits verkauft. Etwa bei den offenen Ateliers, als sie die Bilder zum ersten Mal der Öffentlichkeit zeigte. Ihre Lieblingstiere Hunde und Katzen, aber auch die Pferde und Schweine kommen bei Lutz immer in kräftigen Farben daher. Der Hintergrund, ebenfalls gestrichelt, ist oft blau-violett, rot, gelb oder bunt. Manchmal hängt der Himmel auch voller Herzen. Im Zentrum aber: immer Tiere. „Den Baum hast du unters Bett getan!“, unterbricht Ahrend die Erklärungen der Nachbarin. Und Kordula Lutz gibt zu, sich tatsächlich daran versucht zu haben. Aber irgendwie habe sie plötzlich nicht mehr gewusst, was sie dazu malen sollte. Der Baum unterm Bett konnte sich nicht auf Dauer dort verstecken. Nicole Ahrend und Peter Weber haben ihn gerettet – und Lutz strichelte ihm schließlich zwei tierische Begleiter dazu.

Freitags im Kunstprojekt

Auch Nicole Ahrends Anspannung lässt nach, wenn sie malt. Ihr Weg bis zur ersten Ausstellung im vergangenen Jahr, verlief aber ein bisschen anders. Im Gegensatz zu Kordula Lutz, arbeitet sie nicht nur zuhause in Kusterdingen. Jeden Freitag nimmt sie in Reutlingen am Kunstprojekt der Bruderhaus-Diakonie teil. Die Arbeit in der Kartonage der Oberlinstraße darf die 35-Jährige dann für einen halben Tag schwänzen. Peter Weber habe sie irgendwann zu Johannes Joliet mitgenommen. Ihr neuestes Werk? Im Auftrag vom Projektleiter habe sie am Tag zuvor, zehn Bilder produziert. Sonne, Häuser, Bäume. In kräftigem Orange. Auch sie hängen im Treppenhaus, neben vielen ihrer abstrakten Werke. „Die nackte Frau“ hat sich Bruderhaus-Diakonie-Mitarbeiterin Sybille Gröber für eine Weile in ihr Büro geholt. Sozusagen als Leihgabe. Ahrend arbeitete dabei mit kräftigen Eitempera-Farbnuancen, die sie auf der großformatigen Leinwand auftrug und anschließend, mit der Hilfe Peter Webers, zerfließen ließ. Neben Öl- und Acrylfarben verwende sie sehr gerne unterschiedliche Materialien, sagt sie. Ei, Mehl, Kleber und Sand kommen ebenso aufs Bild, wie „viel Glitzer“, wie Peter Weber einwirft.

Auch er arbeitet abstrakt mit Öl und Acryl, aber auch mit Tusche und Naturfarben. Allerdings puristischer. Seit kurzem sind Weber und Ahrend in einer weiteren künstlerischen Kleingruppe in Reutlingen aktiv. Mit Lack-Sprays, auf Großleinwand. Gemeinsam mit Joliet will er sich demnächst an ein weiteres Projekt wagen: eine Steinmetz-Arbeit. Was Ausstellungen angeht, ist er den beiden Frauen einige Schrittlängen voraus: Seine Bilder hat er bereits im Reutlinger Kaffeehäusle gezeigt und im Göppinger Christophsbad. Die prominenteste Adresse ist sicher dieLandesgalerie Linz. Eine Kooperation der hiesigen Bruderhaus-Diakonie mit einer dortigen Einrichtung machte es möglich.

Und im kommenden Jahr wieder beim „Tag des offenen Ateliers“ auf den heimischen Härten? Kordula Lutz nickt, wenn auch etwas unsicher. Nicole Ahrend und Peter Weber schauen sich vielsagend an und zucken die Schultern. „Wenn wir dann noch hier sind“, sagen sie schließlich. Zur Arbeit im Reutlinger Gaisbühl käme er jeden Tag problemlos, erklärt Weber, der dort als Landschaftsbaupfleger tätig ist. Am Wochenende sitze man aber in Kusterdingen fest. Die beiden wollen zusammenziehen. In Reutlingen suchen sie eine Dreizimmerwohnung. Für sich, die beiden Katzen und viele bunte Bilder.

Drei kreative Bewohner machen ihr Treppenhaus zur Galerie
Werkschau im Treppenhaus: Nicole Ahrend (ganz links) mit „Die nackte Frau“ aus Eitempera-Farben, vor Kordula Lutz (hinten) mit einigen ihrer gestrichelten Tiere. Von Peter Weber hängen auf diesem Stockwerk diverse japanische Bäume. Bild: Metz

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19.08.2015, 12:00 Uhr

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