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Kriminalität

Drogensumpf Schule?

Auf deutschen Schulhöfen ist die Zahl der Drogendelikte drastisch gestiegen.

24.01.2017
  • ELENA KRETSCHMER

Stuttgart. Lehrbücher, Hefte, Klassenarbeiten, Rangeleien im Pausenhof – Dinge, die zum Schulalltag gehören. Doch damit nicht genug: Aus Zahlen der Landeskriminalämter und Innenministerien geht hervor, dass inzwischen auch Cannabis und Co. dazugehören. Denn in den vergangenen Jahren hat die Drogenkriminalität an deutschen Schulen teilweise drastisch zugenommen.

Die Zahl der Rauschgiftdelikte in Baden-Württemberg beispielsweise hat sich seit 2011 fast verdreifacht. Damals waren es noch 348 Fälle, vier Jahre später aber bereits 939. Auch in Sachsen-Anhalt haben die Vergehen zugenommen: 42 verzeichnete die Statistik 2011, im Jahr 2015 waren es 109. In Nordrhein-Westfalen hat sich die Zahl von 443 auf 897 etwa verdoppelt, ebenso wie in Sachsen von 69 auf 128. In Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Hessen sind leichte Anstiege festzustellen.

Nach Angaben der Behörden sind in den meisten Fällen Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren Konsumenten. Zum Tatort Schule werden allerdings auch Drogendelikte von erwachsenen Schulangehörigen wie etwa Lehrer oder Hausmeister gezählt.

Mehr Kontrollen, mehr Delikte

Renato Gigliotti, der Pressereferent des Innenministeriums Baden-Württemberg, sieht mehrere Gründe für die Entwicklung: „Da es sich bei Drogenkriminalität um ein klassisches Kontrolldelikt handelt, ist ein Anstieg der Fallzahlen unter anderem auf verstärkte Kontrollen der Polizei und eine erhöhte Anzeigebereitschaft von beispielsweise Aufsichtspersonal zurückzuführen.“ Auch komme es durch die Auswertung elektronischer Kommunikation oft zu Folgeermittlungen.

Ulrich Heffner, der Pressesprecher des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg, erklärt den Anstieg der Delikte mit den allgemein gestiegenen Fallzahlen in der Rauschgiftkriminalität. Er betont zudem, dass der Tatort Schule sich nicht automatisch nur auf Schüler bezieht. In vielen Fällen handle es sich um Straftaten, die außerhalb der Unterrichtszeiten auf dem Schulgelände begangen werden – ein beliebter Treffpunkt für jedermann, auch Schulfremde. Heffner fügt hinzu, dass die Zahlen für 2016 wieder rückläufig seien, was aber erst in den kommenden Wochen offiziell bekannt gegeben werde.

Warum Drogen eine immer größere Rolle auf den Schulhöfen spielen? Mario Lorenz, der Pressesprecher des Landeskriminalamtes in Nordrhein-Westfalen, hat einen Erklärungsansatz: „Durch das Darknet ist die Beschaffung wesentlich leichter geworden.“ Weil man sich alles bestellen könne und teilweise sogar bis an die Haustür geliefert bekomme, lasse sich damit auch mehr machen.

Besonders beliebt sind nach Einschätzung der Experten Cannabis und psychoaktive Substanzen, auch Legal Highs genannt, sowie Amphetamine, Methamphetamine und Ecstasy. Heroin, LSD und Kokain spielen eine vergleichsweise geringe Rolle.

Doch die Drogen sind teilweise andere als noch vor zehn Jahren. „Viele der Tabletten, die es heute gibt, gab es damals so noch nicht“, sagt Dr. Jörg Pietsch, der Leiter des Arbeitsstabes der Drogenbeauftragten der Bundesregierung. Vor allem Partydrogen unterlägen einer kontinuierlichen Veränderung, die Auswahl sei enorm.

Marlene Mortler, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, zeigt sich besorgt über den zunehmenden Konsum illegaler Drogen an Schulen. Gerade Cannabis sei für Kinder und Jugendliche eine große gesundheitliche Gefahr: „Beim Konsum im Jugendalter besteht die Gefahr dauerhafter Hirnschäden. Dazu kommt, dass der Wirkstoffgehalt in den letzten Jahren deutlich angestiegen ist.“ Allein bei Haschisch habe er sich in den vergangenen vier Jahren fast verdoppelt.

Prävention als Antrieb?

Über Drogenkriminalität wurde auch im Zusammenhang mit einem neuen Gesetz der Bundesregierung debattiert, das vergangene Woche beschlossen worden ist. Dieses sieht vor, dass Krankenkassen Schwerkranken Cannabis als Schmerzmittel bereitstellen müssen, sollte dieses ihnen nachweislich helfen. Gleichzeitig hat sich die Bundesregierung gegen eine vollständige Legalisierung ausgesprochen. Diese würde von Jugendlichen als „staatliche Unbedenklichkeitsbescheinigung“ aufgefasst werden, sagt Mortler.

Prävention ist das Zauberwort. „Es wird viel in Sachen Prävention gemacht. Aber ob das alles nachhaltig und wirksam ist, dahinter steht ein großes Fragezeichen“, erklärt die Münchner Wissenschaftlerin Dr. Eva Hoch. Sie recherchiert derzeit, welche Maßnahmen es in Deutschland, aber auch in europäischen Nachbarländern zur Cannabisprävention an Schulen gibt.

Ob dadurch die Hemmschwelle für Schüler sinkt, Drogen mal auszuprobieren, bedarf laut Hoch einiger Untersuchungen. „Die Schüler müssten vor, während und nach dem Ende des Präventionsprojekts zu ihren Einstellungen, Werten, Normen und ihrem Drogenkonsum befragt werden.“ Sie ergänzt: „Eine solche Evaluation kann auch zeigen, ob die Präventionsarbeit unerwünschte Effekte hat, wie zum Beispiel eine sinkende Risikowahrnehmung des Cannabiskonsums.“

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24.01.2017, 10:00 Uhr

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