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Gewalt

„Du bist auch noch dran“

Hat ein „Scharia-Richter“ den Mordversuch an einer 17-Jährigen in Laupheim befohlen? Indizien gibt es viele, doch die Ermittler sind zurückhaltend.

15.03.2018

Von ROLAND MÜLLER

In diesem Wohnhaus in Laupheim geschah Ende Februar die Bluttat, die viele Schlagzeilen produziert hat. Foto: Ralf Zwiebler

Laupheim. In dem Handy-Video, das Abd W. an den vermeintlichen Liebhaber seiner Schwester schickt, liegt die 17-Jährige benommen und blutend auf dem Bett. „Du Hurensohn, du bist auch noch dran“, droht der 20-Jährige dem Empfänger auf arabisch. „Ich genieße es, ihr beim Sterben zuzusehen und rauche dabei eine Zigarette.“ Demonstrativ zieht er vor dem Objektiv der Handy-Kamera an dem Glimmstängel.

Nicht nur wegen dieses grausamen Videos, das den Weg ins Internet gefunden hat, hat der Mordversuch an der 17-jährigen Alaa W. Schlagzeilen ausgelöst: Von einem „versuchten Ehrenmord“ und dem Todesurteil eines „Scharia-Richters“ ist bei dem Fall, der in Laupheim (Kreis Biberach) spielt, die Rede. Sollte die junge Frau sterben, weil sie einen Freund hatte? Die Staatsanwaltschaft Stuttgart spricht vorsichtig von einer „Beziehungstat“, die Ermittlungen laufen noch. Dringend verdächtig sind der 20-jährige Bruder des Opfers sowie ein 34-jähriger Syrer, von dem die Polizei sagt, er habe mit der 17-Jährigen „in nicht ziviler Ehe gelebt“. Sprich: Die Ehe wurde nach islamischem Recht geschlossen.

Von wem und wann, dazu können die Ermittler nichts sagen. Für ein mögliches Motiv könne dieser Hintergrund zwar eine Rolle spielen. Ansonsten sei er „für unsere Ermittlungen völlig irrelevant: Es handelt sich um keine staatliche Ehe“, sagt Staatsanwalt Jan Holzner.

Der Ablauf der Tat ist weitgehend klar: In der Nacht zum Mittwoch, 28. Februar, sollen die beiden Verdächtigen der 17-jährigen Alaa W. in der elterlichen Wohnung mit einem Messer in die Brust gestochen haben, außerdem wurde die junge Frau mit Rasierklingen im Gesicht verletzt. Bruder und „Ehemann“ flohen nach der Tat und wurden am Bahnhof Schweinfurt festgenommen. Das Opfer überlebte schwer verletzt. Die 17-Jährige, die zudem schwanger ist, ist außer Lebensgefahr und befindet sich unter Polizeischutz – laut Medienberichten an der Ulmer Uniklinik.

Die Deutung in Richtung „Ehrenmord“ und „Scharia-Recht“ wurde nicht zuletzt von den Eltern des Opfers befeuert, die während der Tat ebenfalls in der Wohnung waren. Gegenüber „Spiegel TV“ gaben sie nun bereitwillig Auskunft über den Tatabend. Dabei rechtfertigte der Vater vor der Kamera scheinbar die Tat mit den Worten: „Wenn eine verheiratete Frau eine Beziehung führt und der islamische Richter sie zum Tode verurteilt, dann darf ich nicht Nein sagen.“

Doch andererseits will der Vater sich schützend vor seine Tochter gestellt haben, als er mitbekam, was im Nebenraum passierte. Auch der Notruf, der zur Rettung der 17-Jährigen führte, wurde von den Eltern abgesetzt, wie Staatsanwalt Holzner bestätigt. Gegen beide wird dennoch ermittelt: wegen des Verdachts auf unterlassene Hilfeleistung.

Gab es wirklich einen „islamischen Richter“ und ein angebliches Todesurteil? Bisher haben die Ermittler dafür keine Hinweise. „Das werden vielleicht die weiteren Ermittlungen ergeben“, sagt Holzner. Die Aussagen der Eltern im TV seien widersprüchlich, vielleicht habe es auch Verständigungsprobleme gegeben.

Als Terrorhelfer vor Gericht

Brisanz gewinnt der Fall durch einen weiteren Aspekt: Abd W. – ein abgelehnter Asylbewerber, der aus Libyen einreiste, dessen Nationalität aber bis heute ungeklärt ist – war nur einen Tag vor der Bluttat aus der U-Haft entlassen worden. Gegen den als „Gefährder“ eingestuften Islamisten lief ein Terror-Verfahren am Amtsgericht Biberach. Der 20-Jährige soll in die Vorbereitung eines geplanten Anschlags in Kopenhagen verwickelt gewesen sein. Im November 2016 war der syrische Flüchtling Dieab K. an der dänischen Grenze festgenommen worden – mit Utensilien zum Bombenbau im Gepäck. Dieab K. lebte zu der Zeit in einer Biberacher Unterkunft. Im Prozess soll Abd W. gelogen haben – und geriet selbst ins Visier der Ermittler. „Wir gehen davon aus, dass er Beihilfe geleistet hat“, sagt Holzner. W. soll beim Kauf von tausenden Streichhölzern sowie einigen Walkie-Talkies für den Bombenbau geholfen haben.

Am ersten Prozesstag Ende Februar sei W. aber vom Biberacher Amtsgericht auf freien Fuß gesetzt worden, weil die Richter keinen dringenden Tatverdacht mehr sahen. Tags darauf kam es zu der Tat in Laupheim.

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Erstellt:
15. März 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
15. März 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 15. März 2018, 06:00 Uhr

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