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Du bist wie eine ferne Sonne
„Lolita“: Svenja Liesau in der Titelrolle. Foto: Conny Mirbach.
Stuttgarter Schauspielhaus

Du bist wie eine ferne Sonne

Stuttgart zeigt zum Saisonstart Nabokovs „Lolita – Ein Drehbuch“. Christopher Rüping beleuchtet den Skandal-Plot aus vielen Perspektiven.

05.11.2016
  • OTTO PAUL BURKHARDT

Stuttgart. Ein 36-jähriger Literaturdozent liebt eine Zwölfjährige. Er unternimmt mit ihr eine zweijährige Irrfahrt durch die USA und endet im Gefängnis. Davon handelt Vladimir Nabokovs Skandal-Buch „Lolita“, und kaum ein Roman blieb so umstritten und legendenumrankt. Dessen Autorenkollege Graham Greene lobte das Werk, der „Sunday Times“-Chef aber kanzelte es ab als „das dreckigste Buch, das ich je gelesen habe“: „hemmungslose Pornografie“. Mittlerweile hat sich über den Roman ein fast undurchdringliches Gebirge an Lesarten und Deutungen getürmt. Und wie so oft: Viele empören sich über ein Buch, ohne den Inhalt zu kennen.

Das ist so ungefähr die Situation, die der Regisseur Christopher Rüping vorfand. Die Rechte für eine Romanbearbeitung waren nicht erreichbar. Und so inszeniert Rüping das Drehbuch, das Nabokov für Hollywood-Regisseur Stanley Kubrick geschrieben hatte – vergeblich, denn Kubrick ersetzte es durch ein eigenes. „Lolita“ ging nun als erste – und wegen der „Nachsanierung“ verspätete – Premiere über die Bühne des Stuttgarter Schauspielhauses: sozusagen als Knaller mit Saisonstart-Status.

Keine Projektionsfläche

Jeder andere Regisseur hätte wahrscheinlich den „Lolita“-Stoff als Projektionsfläche benutzt und Debatten um Pädophilie, Gewalt und Einvernehmlichkeit angehängt. Und hätte die Missbrauch-Skandale der katholischen Kirche, der Odenwaldschule, den Fall Kampusch und das Kinderehen-Verbot mit ins Spiel gebracht. Nicht so Christopher Rüping, der mit seiner Stuttgarter Inszenierung von „Das Fest“ im vergangenen Jahr zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde und derzeit Hausregisseur an den Münchner Kammerspielen ist. Er schaufelt die Story von allen überlagernden Ikonisierungen frei und setzt ausschließlich das Drehbuch in Szene – was gleich mal ein Pluspunkt seiner Annäherung an „Lolita“ ist.

Denn auf diese Weise wird die langsame Entwicklung einer Obsession – die Fixierung des Literaturdozenten Humbert auf so genannte „Nymphetten“, wie er sie nennt – erst deutlich, ganz zu schweigen von der ästhetischen Dimension des Textes. Zudem verzichtet Rüping fast ganz auf Szenen, in denen Sexualität ausgestellt wird – ein weiterer Pluspunkt. Denn die Ergründung einer tabuisierten Obsession funktioniert nicht, wenn sie sich dem Voyeurismus-Verdacht aussetzt.

Auch in die Falle, krankhafte Monster und schwülstige Kindfrau-Projektionen vorzuführen, tappt Rüping nie. Die literarische Qualität des Romans und des Drehbuchs (das Kubrick mit geschätzten sieben Stunden als unverfilmbar bezeichnet hatte) liegt ja in den unzähligen, detailliert und schillernd aufgefächerten Täter-Opfer-Ambivalenzen und in ebensolchen Grenzgängen zwischen Phantasie, Schönfärberei, Bekenntnis und Missbrauchs-Realität.

Rüping versucht diese Komplexität so einzufangen, dass die multiplen Ichs der Hauptpersonen – Humbert und Dolores (Lolita) – letztlich von mehreren Darstellern auf der Bühne verkörpert werden: noch ein Pluspunkt. Peer Oscar Musinowski, Andeas Leupold, Paul Grill und Matti Krause setzen so im Spiel verschiedene Facetten dieses Humbert zusammen: seine Zartheit, seine Eloquenz, seine Gier. Nur um Lolita nahe zu sein, heiratet Humbert deren Mutter Charlotte (Birgit Unterweger). Als die fragt, ob sie sich ihm sexuell nähern darf, reagiert Leupolds zerstreute Humbert-Variante mit einem müden „is mir schnurz“. Auch Dolores wird in vielen Perspektiven von Jana Neumann, Svenja Liesau und Julischka Eichel dargestellt, als verletzbares Mädchen, als neugierig Erwachende, als provokante Göre, die – tatsächlich – auch noch Lollis dauerlutscht.

Die Bühne? Eine Dauerprobe mit ständigen Umbauten, zarten Flüsterszenen („Du bist das Licht meines Lebens“, „wie eine ferne Sonne“) und „Moi, Lolita“-Gedröhn aus dem Off. So entsteht ein fesselnder Dreieinhalb-Stunden-Flow mit bunten Luftballons und einem alten Mercedes-Kombi, der ein Road-Movie erzählt.

Es ist schwierig, sich derzeit noch cool einem einstigen Skandal-Plot wie „Lolita“ zu nähern. Rüping hat fast alles richtig gemacht – und eine diskutable, ernsthafte und doch inspirierte Realisierung des Nabokovschen Drehbuchs geliefert.

Petras‘ vierte Spielzeit

Saisonstart Mit „Lolita – Ein Drehbuch“ geht Armin Petras jetzt in seine vierte Saison als Intendant des Staatsschauspiels Stuttgart. Nicht alle Starts waren Treffer – man denke an „Richard III.“ im Herbst 2014. Doch mit Frank Castorf, Sebastian Baumgarten, Robert Borgmann und Christopher Rüping konnte Petras in seiner Ära etablierte und viel versprechende Regisseure hierher verpflichten. Borgmanns und Rüpings Inszenierungen brachten dem Stuttgarter Schauspiel sogar Einladungen zum Berliner Theatertreffen ein. ⇥op

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05.11.2016, 06:00 Uhr

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