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Leitartikel · Daten-Lecks

Düstere Transparenz

Ein leistungsfähiger Kopierer schafft, korrekt gefüttert, rund 120 Seiten pro Minute. Wollte ein Daten-Dieb damit die 11,5 Millionen Dokumente der "Panama Papers" ablichten, die derzeit die Schlagzeilen beherrschen, müsste er grob gerechnet zwei Jahre lang Tag und Nacht am Kopierer stehen - und einen Lkw für die Papierberge mitbringen.

16.04.2016
  • Von Roland Müller, SWP

Da ist digitaler Datenklau deutlich komfortabler: Die 2,6 Terabyte aus Panama passen auf eine handtellergroße Festplatte, kopiert sind sie binnen weniger Stunden. Im Zweifel muss ein findiger Hacker dafür nicht einmal die eigene Wohnung verlassen.

Die Rechnung verdeutlicht, wie grundlegend die Digitalisierung der Welt die Spielregeln im Umgang mit Informationen verändert. Was einst schon logistisch unmöglich gewesen wäre, ist plötzlich kinderleicht. Was früher in Aktenordnern in Kellern verstaubte, lagert heute als Daten-Wust auf Computern - und ist stets nur ein paar Mausklicks davon entfernt, in unbefugte Hände zu gelangen. Wirklich "sicher" sind Informationen wohl nirgends mehr.

Davon zeugt die nicht endende Serie der "Leaks" getauften Daten-Lecks in allen Bereichen. "Wikileaks", "Cablegate", "Football Leaks", NSA-Affäre, "Swiss Leaks", "Luxleaks" - überall sickern sensible Daten durch die Dämme jener, die sie horten und hüten: Regierungen, Konzerne, Geheimdienste, Banken, Anwälte. Die einstigen Bastionen der Vertraulichkeit sind leck geschlagen - und im digitalen Zeitalter nicht mehr in der Lage, ihre Geheimnisse zu bewahren.

Vordergründig ist das ein Gewinn an Transparenz: Wenn alles rauskommen kann, fällt eben Licht in anrüchige Dunkelkammern: Machenschaften von Geheimdiensten werden aufgedeckt, Geheimnisse von Steuersündern, Diktatoren oder Konzernen sind gefährdet. Das ebnet auch soziale Gefälle ein: Nicht nur der kleine Bürger und Verbraucher wird nun gläsern, sondern auch die Mächtigen und Reichen. Enthüllungen von Whistleblowern und Journalisten, das gehört mit zur digitalen Revolution, erreichen per Internet binnen Minuten eine Öffentlichkeit in aller Welt.

Doch will man wirklich in einer Welt leben, in der nichts mehr geheim, nichts mehr vertraulich ist? Wohl kaum. Man darf getrost davon ausgehen, dass öffentlichkeitswirksame "Leaks" nur die Spitze des Eisbergs sind - und sich unter der Oberfläche vieles abspielt, was deutlich weniger heroische Züge hat. Cyberkriminalität, Wirtschaftsspionage, Betrug, Erpressung - auch für verbrecherische Zwecke sind die Bedingungen traumhaft. Die Beute sind Bank- und Kreditkartendaten, Betriebsgeheimnisse, medizinische Akten, Verträge und Korrespondenzen. In den Untiefen des "Darknet" steht im Internet ein anonymer Handelsplatz bereit, in dem Anbieter und Kunden zueinander finden - Zahlung per digitaler Währung "Bitcoin" inklusive. Von der dunklen Seite der Lecks bekommt die Öffentlichkeit naturgemäß weniger mit als von der Snowden-Affäre oder den Panama-Papieren; weder Daten-Diebe noch Bestohlene haben ein Interesse, die Vorgänge in Medien auszubreiten - vorausgesetzt, das Opfer bemerkt überhaupt etwas.

Wie diese Entwicklungen die Gesellschaften verändern werden, ist kaum abzuschätzen - erstrebenswert ist es nicht. Es gibt zwar Menschen, die beharrlich behaupten, sie hätten "nichts zu verbergen", und andere, die beklagen, in sozialen Netzwerken würde sich die Menschheit ohnehin freiwillig entblößen. Doch beide Argumente sind naiv. Denn sie setzen etwas voraus, das es in einer Welt ohne Geheimnis nicht mehr gibt: eine Wahl.

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16.04.2016, 06:00 Uhr

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