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Dunkle Seiten im Netz
Vergangenen Freitag: Die Särge mit den Leichen zweier Kinder werden in Unterensingen (Kreis Esslingen) in einen Wagen getragen. Der Vater hatte sie getötet und die Gründe für seine Tat auf Facebook veröffentlicht. Foto: dpa
Familiendrama

Dunkle Seiten im Netz

Der Mörder von Unterensingen hatte seine Taten auf Facebook angekündigt und private Details veröffentlicht. Angehörige sind machtlos.

27.04.2017
  • THOMAS VEITINGER

Unterensingen. Ein Vater tötet seine beiden Kinder, begeht anschließend Selbstmord. Was veranlasst einen Menschen zu einer solchen unfassbaren Tat? Wer den Namen von Michael K. kennt und über ein Facebook-Konto verfügt, kann es mehrere Tage lang nachlesen. Unmittelbar vor dem Suizid am Freitag wird dessen Seite für mindestens 48 Stunden für die Öffentlichkeit freigeschaltet. Von Michael K. selbst.

Was sich auf der Seite findet, ist verstörend. Detailliert listet der Täter vermeintliche Gründe für seine Taten auf. Briefe eines Stalkers. Screenshots von Chats. Tagebuchähnliche Einträge. Bilder der später getöteten Kinder beim Sport und Familienfotos sind zu sehen. Dazu schreibt der 45-Jährige: „Die Vorstellung, dass ich unsere Kinder nicht mehr jeden Tag sehe, dass ein anderer Mann sie anfasst, sie ins Bett bringt, sie in den Schlaf streichelt bringt mich um den Verstand.“

Michael K. bereitet den Mord an den Kindern, seinen Selbstmord und die öffentliche Anklage seiner Frau medial vor. Um 6.16 Uhr geht ein Link zum Van-Halen-Video „Jump“ (deutsch: spring) online, dazu die Worte: „Jetzt bleibt nur noch eins“. Kurz vor 7 Uhr erreicht die Polizei ein Notruf, ein Mann stehe außerhalb des Geländers einer Brücke. Er springt in den Tod.

Derweil geht auf seiner Facebook-Seite eine lebhafte Debatte los, völlig Fremde geben ihre Meinung ab. Die Besucher hinterlassen nicht nur Trauer und Bestürzung. Es entstehen Wortgefechte um Schuld und Mitschuld. So ist etwa zu lesen: „Ich verspreche jedem, der hier mit schmutzigen Beiträgen über die Hinterbliebenen und ihre Hoffnungslosigkeit herzieht, eine saftige Strafanzeige.“ Ein Diskussionsteilnehmer argumentiert gar mit den Regelungen für Unterhaltszahlungen, die solche Taten ebenso begünstige wie die Tatsache, dass eine Mutter nach der Trennung „generell die Kinder bekommt“.

„Es war unglaublich“, sagt ein Verwandter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Es gab so viele Unterstellungen und Falsches. Ich habe den ganzen Tag dagegen angeschrieben und mit anderen versucht, die Facebook-Seite löschen zu lassen.“ Lange Zeit vergeblich. Am Montag ist die Facebook-Seite dann verschwunden. Hass-Mails bekommt er bis heute.

„Dass Facebook so lange nicht reagiert hat, ist für mich menschenverachtender Zynismus“, sagt der Angehörige. Die traumatisierte Mutter sei übelst beschimpft worden, ohne dass viel dagegen getan werden konnte. In standardisierten Antworten des sozialen Netzwerkes habe es auf Löschwünsche stets geheißen, dass in diesem Fall Standards nicht verletzt würden. „Als Vorschlag wurde mir unter anderem genannt, ich solle das Mitglied blockieren. Aber darum ging es gar nicht.“

Sterbeurkunde nötig

Facebook – das gestern nicht auf Presse-Anfragen reagierte – setzte das Konto am Samstag in den so genannten Gedenkzustand. Dazu ist der Antrag eines Familienmitglieds oder Freundes nötig. Dabei bleibt ein öffentliches Konto offen und jedes Facebook-Mitglied kann sich an Diskussionen beteiligen. Um das Konto löschen zu lassen, ist eine „eingescannte Version oder ein Foto der Sterbeurkunde deines geliebten Menschen“ nötig. Das kann dauern. Facebook schreibt selbst: „Wir möchten unser Beileid aussprechen und schätzen deine Geduld und dein Verständnis während dieses Prozesses.“

In diesem Fall aber wurde die Polizei aktiv. Thomas Raml vom Landeskriminalamt (LKA) hat einen Draht zu Facebook. Jedes Bundesland und der Bund verfügen seit 2015 über diesen „Single Point of Contact“, wie der stellvertretende Pressesprecher des LKA Horst Haug berichtet. Als Sachbearbeiter für Internet-Kriminalität wendet sich Raml an eine Kontaktperson in London, die ein Team in Dublin informiert, das wohl wiederum in schwierigen Fällen von der Firmenzentrale in Kalifornien Handlungsanweisungen erbittet. „Facebook entscheidet aufgrund von Gemeinschaftsstandards und ihren Allgemeinen Geschäftsbedingungen“, sagt Haug. Die Reaktionszeiten liegen „im Ermessen von Facebook“.

Nur wer die Zugangsdaten von Facebook hat, bekommt die Seite selbst vom Netz. Aber das war hier offensichtlich nicht der Fall. Das Netzwerk gibt Passwörter nicht heraus. Ob diese Daten einer minderjährigen Verstorbenen von den Eltern verlangt werden können, hat derzeit das Landgericht Berlin zu entscheiden.

Bei der Veröffentlichung von Nacktbildern ehemaliger Partnerinnen oder Partner kann eine Löschung auch schon einmal in ein paar Stunden erfolgen, heißt es im Büro des Hamburger Datenschutzbeauftragten, das in Deutschland für Facebook verantwortlich ist. Dort wird eine rechtliche Beratung durch einen Anwalt empfohlen, wenn sich Betroffene in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt fühlen. Auch das Zivilrecht biete Möglichkeiten, sich gegen Äußerungen in Netzwerken zu wehren, heißt es. Aber das könne auch länger dauern.

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27.04.2017, 06:00 Uhr

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