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Viele kleine Nadelstiche von der Stadtverwaltung

Durch weniger gewohnte Standards wird gespart

Auch wenn die Stadtverwaltung einen Gutteil des Sparpakets selber schultert, bei Kürzungen von über sechs Millionen Euro kann es nicht ausbleiben, dass auch die Bürger die Finanznot zu spüren bekommen. Ob im Bus oder im Bad, im Park oder in der Sporthalle – zur Etat-Sicherung sollen die Standards in vielen Bereichen zurückgefahren werden.

09.09.2010
  • Sepp Wais

Tübingen. Unter welchen Druck die Rotstift-Strategen im Rathaus geraten, wenn es an den Abbau gewohnter Standards geht, das zeigte sich bereits beim Streit über die Verfügungszeiten in den Kinderhäusern. Da kämpften Erzieherinnen um ihre Arbeitsbedingungen und um ihre Berufsehre, Eltern für die optimale Betreuung ihrer Kinder – und die Verwaltungsspitze um ein jährliches Einspar-Potenzial von 400 000 Euro. Inzwischen hat der Gemeinderat die Verfügungszeiten längst gekürzt, aber die Diskussion geht weiter.

Durch weniger gewohnte Standards wird gespart
Der Badespaß im Sparpaket: Eine weitere Einschränkung der Öffnungszeiten in den beiden Hallenbädern soll die Stadtkasse um 110000 Euro entlasten. Archivbild: Metz

So heiß wie bei diesem Streit, so hofft jedenfalls Finanzbürgermeister Michael Lucke, wird es wohl nur selten hergehen, wenn die Stadträte die 200 Sparvorschläge aus den Ämtern nach den Ferien durchpauken. „Das meiste wird den Tübingern nicht sehr wehtun,“ meint Lucke mit Blick auf die geplanten Abstriche bei „lieb gewonnenem Komfort“. Allerdings: „Es wird viele kleine Nadelstiche geben.“ So ärgerlich diese auch sein mögen, eines wird sich laut Lucke nicht ändern: „Tübingen bleibt eine liebens- und lebenswerte Stadt.“

Um die Konflikte in Grenzen zu halten, versuchte die Verwaltung erstmal bei ihren eigenen Standards zu sparen. Und da war den Ämtern jeder noch so winzige Betrag recht, den sie für entbehrlich erklären konnten. Beispiele gefällig? Die städtischen Mitarbeiter sollen auf ihre Namensschilder am Revers (800) verzichten, die Standesbeamten auf ihr Kleidergeld (1560), die Feuerwehr auf Freiplätze im Erholungsheim am Titisee (2000). Und ein Verzicht auf die Blumen an der oberen Fensterreihe der Silberburg brächte 400 Euro.

So geht das lange weiter in der Streichliste. Getreu dem Motto: „Kleinvieh macht auch Mist“. Tatsächlich häufen sich die Miniposten zu ganz erklecklichen Beträgen auf. Hier 100 Euro für eine Zeitschrift, da 300 Euro Reisespesen, dort 1000 für einen Kurs – unterm Strich addieren sich die vorgeschlagenen Kürzungen bei „Fortbildung, Reisekosten, Fachliteratur“ immerhin auf 26 400 Euro.

Alle diese Abstriche an internen Gepflogenheiten werden die Öffentlichkeit so wenig tangieren wie etwa der Vorschlag, die städtischen Stellenanzeigen (mit Verweis auf eine Langfassung im Internet) kleiner und damit um 30 000 Euro billiger zu machen. Schon eher könnte manchem Bürger aufstoßen, dass er an der Info-Theke in der Fruchtschranne bald keinen Ansprechpartner mehr antrifft (24 000) oder im minimierten Telefonbuch-Eintrag der Stadt die Durchwahl zum Sachbearbeiter nicht mehr findet (3500).

Stadtwerke kürzen bei Bädern und Bussen

Weitere Steine des Anstoßes: Die städtischen Gebäude werden nicht mehr so oft geputzt (68 000) und von Schmierereien befreit (5000). Die Sportplätze nicht mehr so intensiv gepflegt (15 000), die Straßenlampen (40 000) und die Brunnen (5000) öfter ausgeschaltet, die 28 Weihnachtsbäume im Stadtgebiet (bis auf den größten auf dem Marktplatz) abgeschafft (27 000), die Ferienbetreuung der Schulkinder (12 000) und der Kindersommer (12 000) verkürzt.

Für einigen Unmut dürften auch die Stadtwerke sorgen, die 750 000 Euro zur Konsolidierung beitragen müssen. Dazu sollen unter anderem die Busse im Stadtverkehr (notfalls mit Komfort-Einbußen) ein paar Jahre länger als bisher durchhalten (400 000) und die Öffnungszeiten beider Hallenbäder (110 000) weiter reduziert werden. Auch das 750 000 Euro schwere Sparprogramm der Stadtbaubetriebe wird nicht ohne Folgen bleiben: Tiefbau-Chef Albert Füger will das Geld größtenteils beim Winterdienst, bei der Schlagloch-Pflege und bei der Betreuung des Stadtgrüns wegnehmen.

Aber nicht nur beim Abbau, sondern auch beim sparstrategischen Ausbau von Standards ist Ärger zu erwarten. Die Verwaltung will mehr für die Verkehrssicherheit tun und dazu mehr Personal einsetzen – in der Hoffnung auf eine sehr erwünschte Nebenwirkung: Die verstärkten Kontrollen von Park- und Temposündern sollen zusätzliche 425 000 Euro für die Stadtkasse abwerfen.

Auch das, so findet Lucke, „muss Tübingen aushalten“, wenn es mit der Finanznot fertig werden will. Nur an einem Punkt hofft er insgeheim, dass die Stadträte eine Ausnahme machen – bei den 5000 Euro, die von den „Ehrengaben für Alters- und Ehejubilare“ abgeknapst werden sollen: „Ich geh nicht mit Nix zum Gratulieren, und wenn ich den Blumenstrauß vorher selber kaufen muss.“

Das Tübinger Sparpaket – aufgeschnürt und ausgepackt

Die Stadt Tübingen muss sparen. Was bedeutet das im einzelnen – für die Verwaltung, für Initiativen und Vereine, für die Bürger? Das TAGBLATT begleitet die aufkommenden Diskussionen über das „Projekt minus 10 Prozent“, über Personalabbau und Reduzierung von Standards, über den Abbau freiwilliger Leistungen, Zuschusskürzungen und Effizienzsteigerungen, mit einer Serie zum Sparpaket. Was sind die Folgen, wer sind die Betroffenen? Diesmal geht es um die Reduzierung gewohnter Standards, die oft nur die Mitarbeiter der Verwaltung, in vielen Bereichen aber auch die Bürger zu spüren bekommen werden.

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09.09.2010, 12:00 Uhr

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