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Vor 40 Jahren schlossen sich zunächst drei Dörfer zur neuen Gemeinde Starzach zusammen

Durchbruch im Café Ruggaber

Es war ein Kunstwort, das die zum 1. Januar 1972 neu entstandene Gemeinde bezeichnete: Aus ihren beiden Grenzflüssen Starzel und Eyach hatten die Gründer den Namen Starzach kombiniert. Ein Indiz dafür, dass die heutigen Neckar-Ortsteile noch außen vor blieben – zunächst, aber nicht lange.

30.12.2011
  • willibald ruscheinski

Starzach. Begonnen hatte die Gemeindereform in Baden-Württemberg 1968 mit dem „Gesetz zur Stärkung der Verwaltungskraft kleinerer Gemeinden“, die letzteren die Möglichkeit eröffnete, zu diesem Zweck Verwaltungsgemeinschaften zu gründen. Ein solcher Verband entstand damals auch in der Nordostecke des Landkreises Horb, wo die sechs Gemeinden Bieringen, Bierlingen, Börstingen, Felldorf, Sulzau und Wachendorf sich unter dem gemeinsamen Namen „Neckar-Eyach-Starzel“ zusammenschlossen.

1971 stieg der Druck aus Stuttgart. Aus 3.379 Kommunen, so lautete die Vorgabe, sollten nur noch 1.110 werden, deren Mindesteinwohnerzahl gar bei 5.000 liegen. Folgsamen Gemeinden, die sich freiwillig zusammenschlossen respektive eingemeinden ließen, versprach die Landesregierung großzügige Zuschüsse nach dem Finanzausgleichsgesetz. Für die Widerborstigen wurde im Juli 1971 die Landesverfassung geändert und dabei die Möglichkeit geschaffen, sie aus „Gründen des öffentlichen Wohls“ auch gegen ihren Willen einzugemeinden.

Im Herbst 1971 sahen auch die sechs „Neckar-Eyach-Starzel“-Gemeinden (damals zusammen 3.500 Einwohner), die Zeit gekommen, über ihre Zukunft zu entscheiden. Dabei offenbarten sich deutliche Interessenunterschiede: Die Gemeinderäte der drei Höhen-Orte Bierlingen, Wachendorf und Felldorf drängten auf Gründung einer Einheitsgemeinde aus allen sechs beteiligten Kommunen.

Den quasi entgegengesetzten Standpunkt nahm Bieringen ein, das schon früh mit der Eingliederung ins absehbar zur Großen Kreisstadt wachsende Rottenburg liebäugelte (und diesen Schritt Anfang April 1972 auch vollzog). Die anderen Nachbarn im Neckartal bremsten: Börstingen wollte selbstständig bleiben und die Verwaltungsgemeinschaft mit Rottenburg, Sulzau sich verschiedene Optionen ebenfalls in Richtung Rottenburg offen halten.

In einer historischen Sitzung kamen daraufhin alle Gemeinderäte der drei Höhen-Orte Anfang November 1971 im Bierlinger Café Ruggaber zusammen und stimmten dort – bei nur einer Enthaltung – für die gemeinsame Einheitsgemeinde, obwohl deren finanzielle (Zuschuss-)Zukunft bei gerade mal 2.000 Einwohnern nicht unbedingt als gesichert gelten konnte. Aber die drei Gremien sahen in ihr eine bürgernahe Verwaltung noch am ehesten gewährleistet.

Einstimmig beschlossen sie ferner, die laufenden Vorplanungen für eine Erweiterung der gemeinsamen Verbands-Schule in Börstingen vorerst zu stoppen: Den Bieringern hatte Rottenburg in Aussicht gestellt, die Grundschuljahrgänge wieder in eine Schule am Ort zurückzuholen. Und die drei Höhengemeinden behielten sich einstweilen vor, auch mit einereigenen Schule droben auf der Höhe gemeinsame Sache zu machen.

Die Bürger hatten das letzte Wort

Starzach sollte die neue Einheitsgemeinde heißen, entschieden die im Café Biesinger, und ihren Sitz sollte sie im Bierlinger Rathaus haben. Das letzte Wort aber sollten die künftigen Starzacher selbst haben: In einer Bürgeranhörung am 5. Dezember 1971 gab es für die Fusion in allen drei Orten satte Mehrheiten.

In einer konstituierenden Sitzung gleich nach der Jahreswende in Felldorf vollzog der vorläufige Starzacher Gesamt-Gemeinderat diesen Bürgerwillen: Er wählte Josef Oswald, der als Oberamtmann bislang die Geschäfte der Verwaltungsgemeinschaft geführt hatte, zum Amtsverweser und Ambros Bieger, der diese Funktion bereits in Bierlingen innegehabt hatte, zu seinem ehrenamtlichen Ersten Stellvertreter. Am 18. Juni 1972 kürten die Starzacher Oswald dann zu ihrem ersten Bürgermeister, bereits am 19. März hatten sie den ersten zwölfköpfigen Gemeinderat gewählt, dazu die drei Ortschaftsräte der Gründer-Dörfer.

Das kleine Sulzau tat sich mit einer Entscheidung ungleich schwerer. Im November 1971 lehnte eine Bürgeranhörung die vom Bürgermeister favorisierte Eingemeindung nach Rottenburg knapp ab, aber zum Anschluss an Starzach gab‘s im Mai 1972 ein noch klareres Bürger-Nein. Am Ende sprach sich der Gemeinderat für Starzach aus, dessen vierter Ortsteil Sulzau am 1. Juni 1973 wurde. Börstingen, das allein übrig geblieben war, folgte Anfang Februar 1974.

Wechsel in den Kreis Tübingen

Am 18. Juni 1974 schließlich vereinbarte Starzach mit der Stadt Rottenburg sowie den Gemeinden Hirrlingen und Neustetten eine Verwaltungsgemeinschaft. Bereits zum Jahresbeginn 1973 waren alle beteiligten Orte in den neuen Landkreis Tübingen übergewechselt, nachdem die Landesregierung den Altkreis Horb aufgelöst und seinen größeren Teil Freudenstadt zugeschlagen hatte.

Anders als im Falle des benachbarten Ergenzingen, für das die Möglichkeit eines Wechsels in den Kreis Tübingen an die Bereitschaft verknüpft worden war, sich der Großen Kreisstadt Rottenburg eingemeinden zu lassen, hatte es ein solches Junktim für die heutigen Starzacher Teilorte nie gegeben.

Durchbruch im Café Ruggaber
Das obere Neckartal aus der winterlichen Vogelsperspektive: Gut zu erkennen ist auf halbem Weg zum Schwarzwald-Horizont die Hochebene mit den Gründer-Dörfern Bierlingen (dessen Kirchturm sich in der Bildmitte befindet) und rechts dahinter Felldorf. Bieringen (ganz vorn rechts) ging seine eigenen Wege und schloss sich der Großen Kreisstadt Rottenburg am Neckar an.Archivbild: Grohe

Durchbruch im Café Ruggaber
Josef Oswald, der zuvor die Geschäfte der Verwaltungsgemeinschaft Neckar-Eyach-Starzel geführt hatte, wurde erster Bürgermeister der neuen Einheitsgemeinde Starzach.Archivbild: Grohe

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30.12.2011, 12:00 Uhr

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