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The Ulm Concert

ECM-Produzent Manfred Eicher und Biograf Wolfgang Sandner über den Jazz-Pianisten Keith Jarrett

Ein großes Kapitel Jazz-Geschichte: ECM-Produzent Manfred Eicher und Biograf Wolfgang Sandner über den Ausnahmepianisten Keith Jarrett.

17.11.2015
  • JÜRGEN KANOLD

Ulm Es war am 24. Januar 1975, als sich der amerikanische Pianist Keith Jarrett auf der Bühne des Kölner Opernhauses sehr widerwillig ans Klavier setzte - aber brillant improvisierte und einen modernen Mythos des Jazz begründete: "The Köln Concert". Denn eine böse Panne war dem Auftritt vorangegangen: Der von Jarrett gewünschte "Bösendorfer 290 Imperial" stand im Keller, die Arbeiter hatten einen Stutzflügel aus der Garderobe hereingeschoben, "ein strapaziertes Instrument, das sonst nur auf den Chorproben verwendet wurde, schlecht intoniert war, keine brauchbaren Höhen mehr hatte und dessen rechtes Pedal und einige Tasten nicht einwandfrei funktionierten." So hat es Wolfgang Sandner für seine sehr lesenswerte Jarrett-Biografie recherchiert.

Allerdings: "The Köln Concert" ist mit vier Millionen Tonträgern das meistverkaufte Solo-Album der Jazz-Geschichte. Der Musikproduzent Manfred Eicher hatte das Konzert für sein Label ECM mitgeschnitten und die Aufnahme, meint Sandner, "wie ein altes, übertünchtes Gemälde von allen Unsauberkeiten und Unzulänglichkeiten gereinigt". Der Rest ist Jazz-Geschichte und eben ein Mythos - 70 Alben Jarretts hat Manfred Eicher in mehr als 40 Jahren herausgebracht, darunter auch Klassisches von Bach und Mozart mit dem Ausnahmepianisten aus Allentown/Pennsylvania. Viele Aufnahmen schlummern noch in Eichers Archiv, neue Mitschnitte kommen hinzu. Gestern flog der 72-jährige Klangperfektionist nach Dublin, wo der zwei Jahre jüngere Jarrett heute ein Konzert gibt.

Am Sonntag aber kam der öffentlichkeitsscheue Eicher, 2002 als "Best Classical Producer of the Year" mit einem Grammy Award ausgezeichnet, ins Ulmer Stadthaus: gewissermaßen zu einer Lesung mit einem Zeitzeugen. Wolfgang Sandner stellte seine Jarrett-Biografie vor, und Eicher war der Mann, der anmerkte: "Ich war bei der Aufnahme dabei . . ."

Die ersten sieben Minuten des "Köln Concert" erklangen vom Band: "Man könnte von Kitsch sprechen, aber das ist so großartig, dass einem das Wort im Halse stecken bliebe", kommentiert Sandner. Worauf Eicher hinzufügt: "So unsäglich war das Instrument ja nicht." Gebangt habe er damals, ob Jarrett überhaupt spielen werde, aber das sei "ein geniales Konzert".

Jarrett selbst, dieser skrupulöse Künstler, sieht das kritischer, was Biograf Sandner spüren musste: "Dass ich dieses Konzert als einen seiner großen Erfolge bezeichnete, löste sein ausgesprochenes Missfallen aus und brachte unseren Dialog zum Erliegen." Weshalb Jarrett so misstrauisch ist? "Wir sind eine lange Strecke gemeinsamen Weges gegangen", sagt Eicher, "ich kenne ihn als einen bescheidenen, auch extrem auf Außengeräusche reagierenden Menschen. Er weiß, was existenzielle Einsamkeit bedeutet, er schützt sich." Wenn Jarrett auf der Bühne wundersam das Maximale aus seinen musikalischen Ideen entwickle, sei das immer noch ein Drahtseilakt. Klassische Musiker spielten nach Noten, Jarrett aber habe "seinen eigenen Text, den seines Lebens, seiner Einsamkeit".

Nein, so spricht kein Plattenproduzent, sondern ein Verleger, ein Freund und kritischer Begleiter, ein kongenialer Partner. Keith Jarrett fehlte an diesem Spätnachmittag - und doch, es war ein außergewöhnliches "Ulm Concert". Und zu Hause hört man, noch bewusster, Jarretts Jazz.

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17.11.2015, 12:00 Uhr

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