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Der Mann, den alle kennen

Eberhard Kocher ist seit 13 Jahren Hausmeister an der Friedrich-List-Realschule

Er hat Pflaster und Schraubenzieher; er belegt die Leberkäsweckle so, dass sie nicht lätschig werden; er hat zwei riesige Schlüsselbunde und findet dennoch sofort den richtigen Türöffner; er kennt alle Schüler, alle Schüler kennen ihn. Und das wichtigste: Er mag seinen Job. Ein ganz normaler Morgen im Leben des Hausmeisters Eberhard Kocher.

16.10.2010
  • Gabi Schweizer

Mössingen. Der Arbeitstag von Eberhard Kocher beginnt vor dem der Lehrer und dem der Schüler. Um Viertel vor Sieben ist er an der Friedrich-List-Realschule und sperrt die Türen auf. Aber wenn nun jemand glauben sollte, ein Hausmeister sei nur der Mann mit dem großen Schlüsselbund, dann hat er sich geirrt. Eberhard Kocher ist vielmehr einer, der alle Berufe ein bisschen beherrschen muss, und zwar nicht nur die handwerklichen.

Um sieben ist es noch mucksmäuschenstill in der riesigen Aula: Kein Schüler da, ein Gefühl der Stille, wie es Kocher vom ersten Ferientag kennt – zum Ende des Sommers hin fehlt ihm regelmäßig die „Akustik“. Konrektor Joachim Stuhlinger ist der Erste, der durch die leeren Hallen geht und gleich wieder zurückkommt zu dem kleinen Hausmeister-„Büro“ direkt neben dem Eingang: Irgendwo ist eine Sicherung rausgeflogen. Das Telefon klingelt, die Sekretärin meldet sich krank. Sie solle sich auskurieren, rät Kocher. Und dann trudeln schon die ersten Schüler ein, verschlafen noch, doch mit jedem Kind wird das Schulhaus lauter und lebendiger.

Ein paar kräftige Jungen lassen sich an dem Tischchen in der Mitte der Aula nieder – aber nicht lange. Denn Eberhard Kocher hält schon Ausschau nach Freiwilligen, die mit ihm die überzähligen Tische und Stühle aus dem Musiksaal räumen, wo am Vorabend Rektorenkonferenz war. Die drei Jugendlichen scheinen nicht begeistert, aber sie stehen trotzdem sofort auf. Eberhard Kocher gibt gute Ratschläge, während er selbst Tische zur Tür schleppt: „Wenn du ihn so trägst, geht es leichter!“ Und erklärt dann nebenbei, dass er seinen Helfern zum Ausgleich manchmal eine Milch oder ein Leberkäsweckle spendiert.

Ein kleiner Rundgang durch den Erweiterungsbau; ein Stopp an der Klotür – der automatische Türschließer ist aus den Angeln geraten und muss mit einem geübten Handgriff wieder an Ort und Stelle gebracht werden. Eine Lehrerin bestellt einen Videorekorder. Und dann wird es plötzlich leise – denn es ist halb acht und der Unterricht hat angefangen. Nur sehr gedämpft hört man die Bläserklasse „Rudolf the Red-Nosed Reindeer“ proben. Das spielen sie schon länger, für einen Auftritt im Dezember, weiß Kocher und winkt durch die Scheibe den Kindern zu, die zurückwinken. Ja, sie kennen ihn alle. Kocher weiß umgekehrt auch ganz genau, wer hier zur Schule geht – keine geringe Leistung bei 700 Schülern. Wenn jemand Fremdes durchs Haus läuft, fragt er, ob er helfen kann – nach dem Amoklauf von Winnenden ist er vorsichtig geworden. Aber die zwei Mädchen, die in der Aula warten, möchten sich nur mit ihrer Schwester treffen, die daheim das Geld fürs Pausenbrot vergessen hat.

Ein kleiner Rundgang durchs Gebäude, bis hinunter in den Keller, wo die Steuerung fürs Blockheizkraftwerk steht. „Die Aufgaben des Hausmeisters haben sich sehr geändert“, sagt Kocher. „1997 hat sich niemand ums Energiesparen gekümmert.“ Doch nun regelt er die Temperatur in den Räumen so, dass sie in den Pausen niedriger ist als während der Unterrichtszeit. Die Grünpflanzen in der Aula sind sein Verdienst. Die Hängekübel hat er selbst designt und von einem Schlosser bauen lassen – damit es schön aussieht, kommt er sogar in den Sommerferien zum Gießen. Ja, er gestaltet gern mit. Oder lässt gestalten: Die Beschriftungen an den Klassenzimmern mit dem Schul-Logo und den Lehrernamen hat sein Sohn entworfen, ein Graphiker.

In der Haumeisterwerkstatt stehen neue Klobrillen neben Fensterscharnieren, Türgriffen, Wasserhähnen, Holzresten und natürlich jeder Menge Werkzeug – was einen ziemlich guten Überblick über die Aufgaben gibt, die Kocher bewältigen muss und auch bewältigen will. Sein neuestes Projekt ist eine Plexiglasscheibe für die Buspläne – doch die springt beim Anbohren. Nun hat Kocher im Internet recherchiert, mit welchen Tricks sich das vermeiden lässt. „Ich bin zum Lernen in der Schule“, findet der 53-jährige Mechaniker, der früher als viele Kollegen einen PC hatte. Er mag die handwerkliche Arbeit – nur verwalten, das fände er langweilig. Geschickterweise ist Kollege Alfred Kreschner von der Hauptschule nebenan gelernter Flaschner; was der eine nicht kann, kann vielleicht der andere. Außerdem vertreten die beiden sich gegenseitig in der Urlaubszeit.

Früher hat Kocher in der Industrie gearbeitet. Damals hatte er noch keine 48,5(!)-Stunden-Woche, keinen Dienst am Wochenende, wenn mal wieder eine Veranstaltung in der Schul-Aula ist. Für damals war es das Richtige, Kochers drei Kinder waren schließlich noch klein. Aber wenn man in einem Betrieb arbeitet, dann schaut man schon mal auf die Uhr und wünscht sich, die Zeit möge schneller vorbeigehen. In der Schule ist ihm das noch nie passiert. Im Gegenteil: „Einmal saß ich da und hab mich gewundert, dass es so ruhig ist.“ Das lag schlicht dran, dass die Mittagszeit seit 20 Minuten angebrochen war. A propos Mittagszeit: Während dieser legt Kocher sich ein Viertelstündchen hin, das braucht er, nach all dem Trubel am Morgen – schließlich muss er auch am Nachmittag fit sein, denn da sind zusätzlich die Musikschüler im Haus.

Besonders viel los ist während der großen Pause um 10 Uhr. Kocher verkauft alle Brötchen und Getränke selbst – das lässt er sich nicht nehmen. Jeder Handgriff sitzt, sonst schafft er es nicht, alle Schüler mit Frühstück zu versorgen. Wenn der größte Ansturm weg ist, bleibt Zeit für ein Schwätzchen. Mit Max zum Beispiel, dem Schlagzeuger der Bläserklasse, der ausnahmsweise bei den Blechbläsern saß und nun erklärt, warum er beide Instrumente spielt. Oder mit Laura, die bei Kochers Frau schon in den Kindergarten ging. Wer nicht gern unter Leuten ist, für den ist der Hausmeister-Beruf nicht geeignet, sagt Kocher.

In Büro hängen Postkarten aus aller Welt, die Schüler ihm geschrieben haben. Und das Bild eines sich faul fläzenden Hundes, das nicht wegen dessen Trägheit, sondern wegen des Spruches darunter zum Leitmotiv für Eberhard Kocher geworden ist: „Komme, was wolle: In der Ruhe liegt die Kraft.“ Das ist tatsächlich nötig an einer Schule, zumal dann, wenn ein Notfall eintritt. Der Hausmeister hat schon mal einen Druckverband anlegen müssen, als ein Junge sich eine üble Platzwunde zuzog – als ausgebildeter Ersthelfer kann er das.

Manchmal muss er auch ein bisschen schimpfen – mit den Jungen zum Beispiel, die auf der Metallstange herumturnen, die gewährleisten soll, dass die Kinder sich bei der Essensausgabe ordentlich anstellen. Aber er hat ja „selbst mal eine Pubertät durchgemacht“, sieht darum vieles gelassen. „Schreiben Sie in den Bericht, dass er sehr nett und sehr gut ist“, sagt ein Mädchen. Das finden offenbar viele Schüler: Für den „genialen School-Operator Herrn Kocher“ hat eine Abschlussklasse mal einen goldenen Schraubenzieher designt – dieses Geschenk hütet Kocher wie einen Schatz. Und betont dennoch: „Ein Hausmeister kann nur so gut sein wie alle anderen drumrum.“

Nach der Pause ist noch Zeit für eine Tasse Kaffee, aber die Ruhe währt nicht lange: Jemand hat den Notausgang geöffnet und damit Alarm ausgelöst. Jetzt piept es. Eins von vielen kleinen Problemchen an einem ganz normalen Morgen des Hausmeisters Eberhard Kocher.

Ich bin zum Lernen

in der Schule.

Ich hab’ selbst mal eine Pubertät durchgemacht.

Eberhard Kocher ist seit 13 Jahren Hausmeister an der Friedrich-List-Realschule
Morgens um 10 Uhr ist die stressigste Zeit für Hausmeister Eberhard Kocher: Dann verkauft er binnen 15 Minuten Körbe voller Leberkäsweckle, selbst geschmierter Butterbrezeln, belegter Brötchen und Schokocroissants. Das Beste aber gibt es nur in der Fünfminutenpause, weil dann mehr Zeit ist: Weißbrötchen mit einem zerdrückten Schokokuss, ein Essen, das Eberhard Kocher selbst als Kind liebte. Sein Geheimnis: Er reißt das Brötchen auf, statt es zu schneiden – dann verteilt die Creme sich besser. Klar, zu viel Süßes ist nicht gesund. Aber in Maßen geht es, findet Kocher. Manchmal holen sich ja auch Lehrer bei ihm ein Balisto, weil sie „Nervennahrung“ brauchen. Bild: Franke

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16.10.2010, 12:00 Uhr

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