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Sechs Chefs und eine Menge Diskussionen

Echaz-Schreinerei funktioniert immer noch ein bisschen wie ein Kollektiv

Sechs Inhaber und Geschäftsführer hat die Echaz-Schreinerei in Kirchentellinsfurt. Inzwischen hat jeder der Eigentümer einen eigenen Verantwortungsbereich. Das war aber nicht immer so.

03.10.2010
  • Sabine Lohr

Kirchentellinsfurt. In den achtziger Jahren trieb der Traum vom anderen Arbeiten junge Leute um. Man wollte nicht in einem Betrieb angestellt sein, sondern selbst einen haben – einen ohne Hierarchien, einen, der allen, die dort arbeiten, gemeinsam gehört, in dem alle dasselbe verdienen, in dem alle Beschlüsse gemeinsam gefasst werden, es keine Spezialisten gibt. Und in dem das soziale Denken eine große Rolle spielt. Eine Menge dieser so genannten Kollektive wurde damals gegründet. Die wenigsten davon haben überlebt.

Als Kollektiv entstand auch die Echaz-Schreinerei vor 25 Jahren. Sie hat überlebt. „Wir wollten alle aussteigen aus diesem Karrieregedöns“, sagt Ernst-Martin Hauerwas. Er hat eine für die damalige Öko-Szene typische Laufbahn: Erst eine Handwerker-Lehre – in seinem Fall war’s Schreiner – danach ein Sozialpädagogik-Studium. Leben in einer Wohngemeinschaft und eine Menge Visionen im Kopf. Eine davon war, das Handwerk mit der Pädagogik unter einen Hut zu bringen. „Wir wollten eine Schreinerei und dort Leute beschäftigen, die sich schwer tun, eine Arbeit zu finden“, sagt er. Doch ohne Meister keine Schreinerei – die Handwerkskammer machte auch bei Kollektiven keine Ausnahmen. Bis ein Schreinermeister gefunden war, dauerte es eine Weile. Dann aber eröffneten Hauerwas und fünf Gleichgesinnte 1985 in Reutlingen ihre Echaz-Schreinerei. Als Kollektiv mit allem, was dazugehört. Die Rotation zum Beispiel. Alle sechs Monate tauschten alle ihren Arbeitsplatz untereinander. Wer vorher Möbel gebaut hatte, machte jetzt Buchhaltung, wer Küchen entworfen hatte, fuhr jetzt die Möbel aus. „Das hat sich aber nicht bewährt“, sagt Hauerwas.

Nicht bewährt hat sich auch das ewige Diskutieren miteinander. „Wenn man zu sechst darüber berät, ob man eine Kabeltrommel anschafft oder nicht, dauert das“, so Hauerwas. Manchmal habe es dann auch richtig Krach gegeben. Inzwischen mache aber die „Altersroutine“ alles etwas einfacher.

Seit Jahren schon ist der Betrieb eine GmbH, und jeder der sechs Geschäftsführer hat seinen eigenen Bereich, für den er auch verantwortlich ist. Trotzdem werden wichtige Entscheidungen gemeinsam getroffen – im Konsens. Und die Angestellten – auch die gibt es längst – diskutieren dabei mit. Das Ideal der Eigenverantwortung jedes Einzelnen im selbstverwalteten Betrieb wird also nach wie vor hoch gehalten.

Fast von Anfang an gab es auch Kultur in der Schreinerei. Nach dem Umzug in den Neubau in Kirchentellinsfurt 2001 wurde das fortgeführt. Jedes halbe Jahr wird die große Werkstatt, so weit es geht, leer geräumt und zum Zuschauerraum samt Bühne verwandelt. Zwischen den großen Maschinen hat schon Harry Rowohlt gelesen und Uli Keuler sein Kabarett gespielt. Am Freitag, 8. Oktober, kommt um 20 Uhr Heiner Kondschak mit seiner Kapelle. Und am Samstag danach gibt es Schwoof mit der 50er-Jahre-Band Danny and the Wonderbras. Auch von 20 Uhr an.

Echaz-Schreinerei funktioniert immer noch ein bisschen wie ein Kollektiv
Karohemden, Latzhosen und Bart: Die Gründer der Echaz-Schreiner posierten 1985 für den Fotografen. Vorne Richard Breier, sein Sohn Simon, Jörg Dubbert und Werner Mahr. Dahinter Jürgen Braun, Horst Günther und Ernst-Martin Hauerwas. Bild: Privat

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03.10.2010, 12:00 Uhr

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