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Pflege? Männersache!

Eckart Hammer plädierte dafür im Klosterhof

Der Titel seines Buches war zugleich auch Thema des Abends am Mittwoch im Kusterdinger Klosterhof: „Unterschätzt. – Männer in der Angehörigenpflege.“ Prof. Eckart Hammer, Jahrgang 1954, Reutlinger Sozialpädagoge und Altersforscher mit Lehrauftrag in Ludwigsburg, hat sich auch aus persönlicher Erfahrung immer ein bisschen geärgert: Alle Welt spreche nur über die Leistung der Frauen in der Pflege.

14.11.2014

Dabei, so Hammer, „ist Pflegen längst auch Männersache“.

Er hat 25 Männer, die Angehörige pflegen, „intensiv interviewt“ – und festgestellt: „Diese Männer sind sträflich unterschätzt.“ Die Zahlen sprechen freilich für sich: Noch immer leisten Frauen mit einem Anteil von 62 Prozent das Gros der häuslichen Pflege. Aber 38 Prozent, sagt Hammer, „sind halt auch Männer“. Mit steigender Tendenz.

Der Sozialwissenschaftler will – wegen des zunehmenden Pflegebedarfs – vor allem Männer ermuntern, sich verstärkt zu engagieren. Denn, dies seine zweite Hauptbotschaft: Pflege ist nicht nur eine Last. Sie kann das Leben auch bereichern.

Elisabeth Heinz-Günther von der Senioren- und Gemeinwesenarbeit in Kusterdingen – die sich über den großen Zuspruch am Mittwochabend freute, die vielen Kooperationspartner von Diakonie, Bruderhaus und Krankenpflegevereinen ringsum – fand das Thema zunächst etwas irritierend: „Man kann sich nicht vorstellen, dass Männer pflegen!“ Und sie hatte zu Beginn auch gleich einen typischen Männerausspruch dazu gehört: „Männer lassen sich pflegen – oder pflegen sich selber.“

Im Verlauf des Abends wurde jedoch deutlich, dass sich Männer – gerade von einem Mann wie Hammer – auch ein paar ganz gute Tipps zur häuslichen Pflege einholen können: zumal wenn sie plötzlich gar keine andere Wahl haben, als jene Arbeit zu tun, die jahrzehntelang die Frau des Hauses für sie erledigt hat. Weil jene nun selber so alt, gebrechlich und / oder dement ist, dass sie dringend der Pflege bedarf.

Wie war es früher? „Die gute alte Zeit ist ein Mythos“, lautete Hammers Ausgangs-Befund aus der Sozialforschung: Den Alten ging es früher meist schlechter. Die Großfamilie über drei Generationen hinweg war die Ausnahme in wohlhabenden bürgerlichen Schichten.

Doch nun gibt es diese „einzigartige Entwicklung – von der Pyramide zum Pilz“. Ein vierfaches Altern in der Gesellschaft: Es gibt immer mehr Ältere, die immer älter werden, die immer früher alt gemacht werden und denen immer weniger Jüngere gegenüber stehen. Hinzu kommt der akute Fachkräftemangel: „Wir sind mitten im Pflegenotstand drin.“ Zugleich nimmt die Zahl der Pflegebedürftigen stark zu – von jetzt rund 2,5 Millionen auf etwa vier Millionen 2050.

Im Zuge der Entwicklung von der lokalen Großfamilie zur „multilokalen Patchwork- und Bohnenstangenfamilie“ (mit einem Kind, das aber noch seine Ururgroßmutter kennenlernen darf) haben laut Hammer aber noch nie so viele Leute ihre Angehörigen gepflegt wie heute. Frauen sind meist noch jünger, da sind es die Töchter und Schwiegertöchter, die ihre Eltern pflegen. Bei Männern liegt der „Pflegeschwerpunkt jenseits der 60“, da sind es überwiegend die Ehefrauen, die von ihm „Pflege im Ruhestand“ bekommen.

Dabei gibt es, wie Hammer festgestellt hat, erst mal erhebliche „Informationsdefizite“. Hinzu kommen gravierende persönliche Probleme: Einsamkeit, Isolation („Das einzige Gegenüber, das sie hatten, ist verstummt“), Ekel, Scham, Schuldgefühle, Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit, eigene Krankheiten; oft auch finanzielle Probleme: „Pflege ist teuer.“ Doch Männer, so hat der Wissenschaftler erkannt, pflegten ihre Ehefrauen in aller Regel „ganz selbstverständlich“ – auch wenn sie sich total überlastet, überfordert fühlten.

Hammer riet hier zu einem „belastbaren Care-Sharing“ – man solle sich auch noch Freiräume bewahren, als „Kooperateur“ mit Seniorengruppen, mit der Tagespflege zusammenarbeiten. Und: „Man braucht Abstand, um jemand richtig betreuen zu können.“ Man dürfe die Dinge „nicht so an sich ranlassen“. Für Männer sei es oft „vollkommenes Neuland, das sie betreten – das ihr Leben aber auch noch bereichert!“ Dabei lebten viele so, „als würden sie nie älter als 60“ – nie selber Pflege brauchen.

Hammers Schlussfrage deshalb an alle: „Und wer wird Sie pflegen?“ Diese Frage solle man möglichst bald in der eigenen Familie besprechen. Ernst Bauer

Eckart Hammer plädierte dafür im Klosterhof

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14.11.2014, 12:00 Uhr

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