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Eckhard Dattler ist 2724 Kilometer mit dem Rad auf der Spur der Raumfahrt und Novalis‘ gefahren
Dem Geburtshaus Friedrichs von Hardenberg, besser bekannt als Novalis, in Oberwiederstedt stattete Eckhard Dattler einen ausgiebigen Besuch ab.
Abstrampeln gegen das Vergessen

Eckhard Dattler ist 2724 Kilometer mit dem Rad auf der Spur der Raumfahrt und Novalis‘ gefahren

Vier Wochen Urlaub im Sommer – wer genehmigt sich da nicht einen Monat Erholung? Eckhard Dattler zum Beispiel. Der 51-Jährige unternimmt lieber extrem lange und psychisch aufwühlende Radtouren. Dieses Jahr hat der Vöhringer eine Reise auf den Spuren von Novalis und der Raumfahrt gemacht.

08.09.2012
  • Cristina Priotto

Vöhringen. Das Thema Mondlandung fasziniert Eckhard Dattler schon, seit der damals sieben Jahre alte gebürtige Tübinger am 21. Juli 1969 die ersten Schritte Neil Armstrongs auf dem Erdtrabanten im Fernsehen verfolgte. „Das war ein gigantisches Erlebnis“, erinnert sich der inzwischen 51-Jährige mit leuchtenden Augen. Prägenden Eindruck hinterließ zudem der Besuch Ernst Stuhlingers an der Silcherschule, in der Dattler damals die zweite Klasse besuchte: Der Nasa-Ingenieur hatte mit Wernher von Braun und anderen Ingenieuren die Mondrakete „Saturn V“ entwickelt. Die ersten Vorläufer dieser 110 Meter hohen Rakete waren die 14 Meter hohen
V2-Raketen. Die V2-Raketen wurden als Vergeltungswaffen während des
2.Weltkrieges im sogenannten Raketentunnel bei Nordhausen im Harz von
Häftlingen zusammengebaut. Von dieser Raketenfabrik, die den Namen
KZ-Mittelbau-Dora trug, erfuhr Dattler erst vor wenigen Jahren.
20 000 Menschen starben an den Folgen der unmenschlichen Arbeit unter der Erde. „Das hat mein Bild von der immer als glorreich gepriesenen Raumfahrt gehörig verändert“, sagt der Vöhringer nachdenklich.

Deshalb wollte er mehr wissen und beschloss, während des Sommerurlaubs im Juli und August das Dokumentationszentrum, die Außenanlagen und Teile der Tunnelanlagen bei einer Führung kennen zu lernen. „Dieses Kapitel der Raumfahrt darf nie vergessen werden“, findet Eckhard Dattler.

Nach diesem bewegenden Besuch im KZ Mittelbau-Dora setzte der Extremradler seine Tour weiter in Richtung Norden fort. Als nächstes Ziel hatte Eckhard Dattler Wiederstedt ausgewählt, um auch dort innerlich aufgewühlt und ergriffen zu werden, wenn auch aus ganz anderen Gründen: In Oberwiederstedt besichtigte der 51-Jährige das Geburtshaus des frühromantischen Dichters Friedrich von Hardenberg, der seine Werke unter dem Pseudonym Novalis veröffentlichte. Besonders nahegegangen sind Eckard Dattler die Verse aus „Wer einsam sitzt in seiner Kammer“, handelt das Gedicht doch von dem großen Schmerz, den der Dichter angesichts des Todes seiner gerade einmal 15 Jahre alten Verlobten Sophie von Kühn empfand. Welchen Zusammenhang sieht Dattler zwischen dem Raketentunnel und dem Geburtsort eines bedeutenden deutschen Dichters? „Beides hat eine gewisse Tragik“, erklärt der Vöhringer die Wahl seiner speziellen Etappenziele.

Nach dem aus literarischem Interesse motivierten Abstecher radelte der 51-Jährige weiter durch die neuen Bundesländer – und entdeckte seine Begeisterung für die landschaftliche Schönheit und den Charme zahlreicher kleiner Städte des Ostens. Die nächste Station, die Eckhard Dattler interessierte, war Peenemünde auf der Insel Usedom: Dort befand sich vor dem Zweiten Weltkrieg die Luftwaffenerprobungsstelle für Raketen, mit denen während des Krieges etwa London und Antwerpen angegriffen wurden. Erst nach der Zerstörung der Anlagen durch Luftangriffe der Royal Air Force am 17./18. August 1943 wurden die Produktionsanlagen an den Rand des Südharzes in den Raketentunnel verlegt. An der Ostsee nahm sich der Vöhringer erneut Zeit und informierte sich im Museum der ehemaligen Versuchsanstalt über die damalige Raketenproduktion.

Nach zwei Wochen an Orten, in denen Dattler meist der einzige Tourist gewesen war, verbrachte er auf der Rückfahrt einen Tag inmitten tausender anderer Urlauber in der Hauptstadt. „Berlin hat für mich wegen der einstigen Mauer eine wichtige Bedeutung als Symbol für die Teilung und die Einheit Deutschlands zugleich“, erklärt Eckhard Dattler. Aus dem Herbst 1989 ist dem geschichtsinteressierten Radfahrer ein Satz im Gedächtnis geblieben, den er damals einem Arbeitskollegen gegenüber äußerte: „Das einzige Ereignis, das meine Begeisterung für die Mondlandung übertreffen könnte, wäre der Abriss der Berliner Mauer“, sagte Dattler damals – und ahnte nicht, dass dieses Ereignis wenig später Realität werden würde.

Lange hielt es den 51-Jährigen dennoch nicht in Berlin, schließlich wollte er weiter nach Weißenfels, um sich das Sterbehaus von Novalis anzusehen. Damit hatte er zu den Themen Raketenbau und Novalis jeweils zwei wichtige Stätten aufgesucht.

Bis der Vöhringer nach vier Wochen wieder zurück in der Heimat war, hatte er exakt 2724 Kilometer im Fahrradsattel zurückgelegt und in Tagesetappen zwischen 72 und 138 Kilometern unter anderem den Odenwald, den Thüringer Wald, den Harz sowie die Flüsse Elbe und Main überquert.

Die meisten anderen Menschen wären danach erst recht urlaubsreif gewesen. Nicht so der Extremradler: „Ich brauche das, das ist für mich absoluter Urlaub“, versichert der 51-Jährige, der stets ein Zelt im Anhänger an seinem Fahrrad dabeihat, um auf Campingplätzen übernachten zu können. Das eigene körperliche Leiden, das er während seiner harten Touren empfindet, hat für Dattler einen tieferen Sinn: „Wenn ich Gedenkstätten besuche, möchte ich dazu beitragen, dass diese Menschen nicht in Vergessenheit geraten und dabei auch körperlich mit ihnen leiden“, erklärt der eher schmächtige Mann.

Für Eckhard Dattler war seine diesjährige Tour bereits die dreizehnte Mammutfahrt. Seit der Vöhringer im Jahr 1998 mit seiner außergewöhnlichen Art des Reisens begonnen hat, verbrachte er seinen Urlaub an Orten, die sonst sicher niemand zur Erholung aufsuchen würde – darunter Au- schwitz oder Verdun.

Dattler reist stets allein, sein einziger treuer Begleiter ist ein mittlerweile 17 Jahre altes Mountainbike. Stolze 26000 Kilometer hat der Vöhringer bereits mit dem Drahtesel
zurückgelegt - davon 12000 mit demselben Reifen. Nicht nur in deren Profil haben die Touren vielfältige Spuren hinterlassen, sondern auch in Geist und Seele des Extremradfahrers. Der 51-Jährige weiß aber schon jetzt: Nächstes Jahr wird er seinen Urlaub wieder im Sattel verbringen, unterwegs zum nächsten aufwühlenden Ziel.

Eckhard Dattler ist 2724 Kilometer mit dem Rad auf der Spur der Raumfahrt und Novalis‘ gefahren
Der Eindruck täuscht: Während seines vierwöchigen Urlaubs war Eckhard Dattler nur einmal kurz am Strand auf Usedom, in der übrigen Zeit ist der Vöhringer 2724 Kilometer mit Fahrrad und Anhänger durch Deutschland gefahren, um emotional aufwühlende Orte zu aufzusuchen.Privatbilder

Eckhard Dattler ist 2724 Kilometer mit dem Rad auf der Spur der Raumfahrt und Novalis‘ gefahren
Den sogenannten Raketentunnel und ein insgesamt 15 Kilometer langes Tunnelsystem mussten Häftlinge aus dem Konzentrationslager Buchenwald in der Nähe von Nordhausen im Harz zu einer unterirdischen Raketenfabrik ausbauen. Dadurch entstand das eigenständige KZ Mittelbau-Dora. Zwischen August 1943 und April 1945 arbeiteten dort rund 60000 Menschen, die teils wochenlang kein Tageslicht sahen. Etwa 20000 von ihnen starben an den Folgen.

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08.09.2012, 12:00 Uhr

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