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Eckpunkte der Regierungspläne zur Reform des Rettungsdienstes
Ein Krankenwagen fährt mit eingeschaltetem Blaulicht: Die rasenden Helfer retten täglich Leben. Foto: Boris Roessler/dpa
Viele Einsätze, wenig Personal

Eckpunkte der Regierungspläne zur Reform des Rettungsdienstes

Grün-Schwarz arbeitet an einer Reform, damit trotz Personalmangels die Bürger im Land gut versorgt werden. Ein Problem sind die Krankentransporte.

12.03.2018
  • JENS SCHMITZ

Stuttgart. Innenminister Thomas Strobl (CDU) will den Rettungsdienst reformieren. Der grün-schwarze Koalitionsvertrag sieht etwa vor, eine bessere finanzielle Ausstattung der Helfer zu prüfen. Inzwischen hegt das Ministerium aber weitergehende Pläne. Ein Überblick über die wichtigsten Aspekte in der Debatte.

Streitthema Hilfsfristen Dem Landes-Rettungsdienstgesetz zufolge sollen sowohl Rettungswagen wie Notarzt in 95 Prozent der Fälle innerhalb von zehn, maximal 15 Minuten vor Ort sein. Diese Zahlen verfehlen immer wieder fast alle der 34 Rettungsdienstbereiche im Land, wiewohl der Durchschnitt unter sieben Minuten liegt. Im Landtag wurde das zuletzt im Januar thematisiert. Mediziner betonen, dass in lebensbedrohlichen Fällen wie Schlaganfall oder Herzstillstand zwei andere Fristen wichtiger sind: die ersten Minuten, in denen noch kein Notarzt zugegen sein kann (siehe Erstversorgung), und die Zeit, bis der Patient tatsächlich im Krankenhaus mit der nötigen Expertise eintrifft. Hier gilt in kritischen Fällen eine Maximalfrist von einer Stunde. Das Land kommt im Schnitt auf 46 Minuten.

Transparenz und Analyse Seit 2012 veröffentlicht die Stabsstelle Qualitätssicherung (SQR) jährlich Berichte zur Rettungsdienstversorgung in Baden-Württemberg – eine bundesweit einmalige Einrichtung. In laufenden Jahr soll es Zahlen für jede einzelne Rettungswache geben.

Zunahme der Einsätze Kapazitätserhöhungen werden oft von steigenden Einsatzzahlen aufgezehrt. Dazu trägt die Überalterung der Gesellschaft genauso bei wie der Ärztemangel im ländlichen Raum. Rettungskräfte werden zudem zunehmend in Bagatellfällen gerufen. Fehlalarme und Krankentransporte verschlingen weitere Ressourcen. Eine zentralere Planung soll diesen Herausforderungen begegnen.

Medizinische Fachaufsicht Bisher verhandeln Hilfsorganisationen und Krankenkassen die finanzielle Ausstattung der Dienste in jedem der 34 Rettungsdienstbereiche unter sich. Experten fordern eine medizinische Fachaufsicht, wie es sie auch in anderen Bundesländern gibt. Bis Ende des Jahres soll nun in jedem der vier Regierungspräsidien ein Ärztlicher Leiter installiert werden.

Leitstellen Beim Symposium „Zukunft des Rettungsdienstes in Baden-Württemberg“ kündigte Staatssekretär Martin Jäger Anfang März in Stuttgart eine landesweite Rettungsdienstplanung an. Im Gespräch ist dabei auch ein neues Leitstellengesetz. Einheitliche Software, vergleichbare Technik und bereichsübergreifende Vernetzung sollen den Patienten Zeit sparen.

Erstversorgung Schon heute leisten Leitstellen mehr als nur die Disposition nach Notrufen. Sie leiten etwa Anrufer bei der Reanimation an, wenn die Profis noch unterwegs sind. Für die kritischen ersten Minuten gibt es zudem ein „Helfer vor Ort“-System mit Freiwilligen sowie drei Pilotversuche von Notfallärzten, die sich über satellitengestützte Apps alarmieren lassen („Mobile Retter“).

Krankentransporte Rettungswagen werden vielerorts für Routinefahrten eingesetzt: Statt Leben zu retten, bringen sie Behinderte oder Senioren zum Arzt. Dafür sind eigentlich einfachere Fahrzeuge vorgesehen. Mit dem Karlsruher Institut für Technologie will das Land ein Logistikmanagement für solche planbaren Aufgaben entwickeln. Geld spielt aber bei dem Missstand wohl auch eine Rolle: Rettungswagen lassen sich lohnender abrechnen. Minister Strobl sprach zuletzt im Landtag von einer „offenbar nicht auskömmlichen Finanzierung“ der Krankentransporte und drohte mit Gesetzesänderungen, wenn Dienstleister und Kassen sich nicht einigen.

Personalmangel Lange Wochenarbeitszeiten, niedrige Löhne, Belastungen, die später oft Berufswechsel erzwingen: Retter müssen Idealismus mitbringen. Obendrein werben auch Krankenhäuser um sie: In der Branche herrscht Personalmangel; vereinzelt fallen Rettungsschichten deshalb aus. Der Bund hat das Berufsbild des Rettungsassistenten im Jahr 2013 durch den höher qualifizierten Notfallsanitäter ersetzt. Ein Ministeriumssprecher erklärte, dass die Zahl der Ausbildungsplätze im Land in diesem Frühjahr erstmals 400 übersteigt. Dies sei eine Reaktion auf die erhöhte Nachfrage der Rettungsorganisationen.

Permanent gefordert

Der Stabsstelle Qualitätssicherung zufolge haben die Rettungskräfte im Land 2016 rund 1,3 Millionen Einsätze am Boden absolviert. Hinzu kamen 800 000 Krankentransporte, 2000 Einsätze von Intensivtransportwagen und 10 000 Einsätze der Luftrettung. Die Rettungsdienste betreiben 34 Leitstellen, rund 170 Notarztstandorte sowie etwa 270 Rettungswachen.

„Das Bundesland ist eigentlich supergut aufgestellt“, sagt Thomas Krafft, der an der Uni Maastricht zu internationalen Gesundheitssystemen lehrt. Verbände weisen aber immer wieder darauf hin, dass sie ihrer Kernaufgabe nur unter Mithilfe der Bevölkerung genügen können. ⇥jsz

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12.03.2018, 06:00 Uhr

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