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Hexer, Zinker und tote Augen

Edgar-Wallace-Thriller als Komplett-Edition

Die Edgar-Wallace-Thriller waren Leinwandhits der 60er Jahre, heute sind sie amüsante Zeitdokumente. Nun gibt es eine Komplett-Edition.

19.12.2016
  • MAGDI ABOUL-KHEIR

Ulm. Ich bin angewidert von den meisten Rollen, die ich gespielt habe. Ich hab sie gespielt, weil wir hier keine besseren Filme hatten.“ Aber jetzt, in der 60ern, hatte Klaus Kinski ja die Edgar-Wallace-Streifen!

Man könnte sich kringeln, wenn man das Wochenschau-Interview mit dem legendär übel- launigen Kinski zu „Die blaue Hand“ sieht. Doch in Sachen Wallace wusste er, von was er sprach: In 16 der 33 Produktionen der Rialto-Film trat er auf: als russischer Gewürzhändler, als Butler mit kriminellem Hintergrund, als erbschleichender Fiesling – meist eine zwielichtige Gestalt mit irrem Blick und von verdächtigem Auftreten, aber selten tatsächlich der Täter. Nur Eddie Arent, stets als komische Nebenfigur besetzt, war häufiger im Einsatz als Kinski – in 23 Streifen!

Filme nach den Krimis des britischen Schriftstellers Edgar Wallace (1875-1932) hatte es schon in der Stummfilmzeit gegeben, aber wenn heute von Wallace-Thrillern die Rede ist, sind – trotz Imitaten und Konkurrenz-Werken – die 33 Streifen der Rialto-Film gemeint, die nach dem Erfolg von „Der Frosch mit der Maske“ (1959) bis „Das Rätsel des silbernen Halbmonds“ (1972) gedreht wurden, und zwar wie am Fließband. Auf dem Höhepunkt des Erfolgs in den frühen 60ern standen die Kameras gar nicht mehr still, mit bis zu fünf Filmen pro Jahr. Fast alle fanden ein Millionenpublikum, sechs holten sogar eine Goldene Leinwand für mehr als drei Millionen Besucher.

Alte Geschichten, alte Gemäuer

Und das, obwohl – oder weil? – sie fast immer die gleiche Geschichte erzählten, mehr oder minder fantasievoll variiert. Die Wallace-Filme waren grundsätzlich „Whodunits“: Es galt also, einen Mörder zu entlarven, meist einen maskierten Schurken, der aus Rache oder Gier tötete, auch mal in den Drogen- und Mädchenhandel verstrickt war. Am Schluss wurde das Böse stets überführt, anderes wäre in den deutschen Nachkriegs- und Wirtschaftswunderjahren undenkbar gewesen. Gern wurde zum Happy End dem schnieken männlichen Ermittler die gerade noch in Todesgefahr schwebende junge weibliche Hauptfigur zugeführt.

Für den notwendigen Nervenkitzel trug sich das Ganze vornehmlich in Schlössern, Villen, Herrenhäusern oder anderen Gemäuern zu. Wobei sich das Geschehen aus Gründen der explorativen Schaulust auch mal in schummrige Nachtclubs, finstere Blindenheime, obskure Nervenheilanstalten, spinnwebige Keller oder auch mal in unheilvolle Mädchenpensionate verlagerte.

Dichte Nebel, wehende Vorhänge und gruselige Gewölbe, rasselnde Ketten, heulende Stürme und schreiende Käuzchen: Atmosphäre wurde mit auch damals schon gut abgehangenen theatralischen Schauermitteln erzeugt. Auf der Höhe der Zeit groovten dagegen Peter Thomas' schräge Beat-Soundtracks dahin.

Fast alle Filme spielten in und um London, wurden freilich in und um Berlin und Hamburg gedreht. „Die konfus verhäkelte Handlung . . .  könnte mit ihren Klischees in verschwommen gezeichneter Umgebung aber auch auf dem Mond stattfinden“, ätzte der „Film-Dienst“ 1961 über „Die seltsame Gräfin“. Doch entsprachen die Filme eben dem gängigen England-Bild der Deutschen, das wiederum durch Krimis (man denke nur an Agatha Christie) geprägt worden war.

Aus der historischen Distanz mag man sich wundern, dass Siegfried Lowitz oder Klausjürgen Wussow als Briten durchgingen. Hingegen war Joachim Fuchsberger, Pfeife rauchend und Treed tragend, ein ganz anständiger Scotland-Yard-Inspector. 13 Mal tat er als Gentleman-Ermittler Dienst, gefolgt von Heinz Drache, der auf acht Einsätze kam.

Die immergleichen Darsteller passten zu den perpetuierenden Storys. Als Blickfang taten sich die Karins Dor und Baal sowie Uschi Glas hervor, die Halbseidenen wurde außer von Kinski von Fritz Raps, Harry Wüstenhagen und Pinkas Braun verkörpert, Christopher Lee brachte dreimal echtes britisches Flair ein. Zur Veredelung des Ganzen leistete man sich zuweilen renommierte Bühnen- und Filmstars wie Elisabeth Flickenschild, Gert Fröbe, Dieter Borsche und Lil Dagover. Schließlich galt es, Gutsherren, Adlige und seltsame Gräfinnen würdig in Szene zu setzen.

Auch hinter der Kamera standen die immer gleichen Routiniers. Harald Reinl – erfahrener Heimatfilm-, dann Karl-May-Regisseur – prägte gleich in „Der Frosch mit der Maske“ mit langen, atmosphärisch dichten Kamerafahrten den Stil. Und Alfred Vohrer – ein Freund effektvoller Bild- und Schnitt-Effekte – inszenierte gleich 14 Filme der Reihe, etwa „Die toten Augen von London“ und „Der Hexer“.

In den frühen 70ern ebbte die Wallace-Welle ab. Das Fernsehen wurde zum Krimi-Tatort. Alfred Vohrer wurde zum deutschen TV-Krimi-Regisseur schlechthin. Bei „Derrick“ und „Der Alte“ traf er reichlich gute Bekannte aus Wallace-Tagen wieder, sowohl Horst Tappert als auch Siegfried Lowitz hatten ja Wallace-Erfahrung. In den 80ern sahnte Vohrer dann mit der „Schwarzwaldklinik“ ab. Im OP: Klausjürgen Wussow, der es vom Wallace-Ermittler zum Chefarzt gebracht hatte. Aber das ist eine andere Film-Geschichte.

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19.12.2016, 06:00 Uhr

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