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Mit ganz einfachen Mitteln

Edith Engelhardt und die Rottenburger Hospitalstiftung erhielten Altenpflegepreis

Die Tübinger Physiotherapeutin Edith Engelhardt und die Rottenburger Hospitalstiftung erhielten gestern in Ulm den Altenpflegepreis 2012 der Fachzeitschrift „Altenpflege“. Ausgezeichnet wurde damit ein neues Konzept zur Sturzprophylaxe in Pflegeheimen.

22.11.2012
  • Gert Fleischer

Ulm. Wenn Menschen alt werden, nimmt die Sturzgefahr zu. Bei Stürzen kommt es häufig zu schweren Verletzungen, zu Knochenbrüchen. Alte Menschen, die immer wieder mal fallen, werden ängstlich, sie bewegen sich weniger, die Muskulatur erschlafft und verkürzt sich weiter. Folge: Die Gefahr zu stürzen, nimmt zu.

Die Hospitalstiftung in Rottenburg hat seit 2007 eine Physiotherapeutin angestellt, die in allen fünf Pflegeheimen spezielle Übungsstunden mit den Bewohnerinnen und Bewohnern macht, um deren Mobilität zu erhalten. Es ist Edith Engelhardt, die zwei Jahrzehnte Erfahrung in der Therapie älterer Menschen gesammelt hat. In zahlreichen Volkshochschul-Kursen für ältere Menschen, die fit bleiben wollen, habe sie festgestellt, dass sie meistens unterfordert werden, sagte sie im Gespräch mit dem TAGBLATT.

Ziel der Hospitalstiftung war es, durch die Arbeit der Physiotherapeutin (54 Jahre alt, 60-Prozent-Stelle) neben dem Vermeiden von Verletzungen den Bewohnern der Pflegeheime viel Selbstständigkeit zu ermöglichen, „freiheitsentziehende Maßnahmen“ zu vermeiden, wie es im Fachjargon formuliert wird. Dass ein Pflegeheim sich eine Physiotherapeutin leistet, sei die Ausnahme, sagt Engelhardt. In Rottenburg habe sie von Anfang an freie Hand gehabt bei ihrer Arbeit.

Das „Ulmer Modell“, nach dem ältere Menschen Kraft und Gleichgewicht trainieren, sei Teil ihres Programms. Und sie bezog Erkenntnisse der Sima-Studie ein, wonach sich die Kombination von Bewegungsarbeit, Verständnis- und Gedächtnistraining als besonders effektiv erwies. Das wirke dem Hirnalterungsprozess entgegen.

Einfache Holzstäbe machen wieder mobil

Neun Sturzprophylaxe-Gruppen gibt es in den fünf Pflegeheimen, gut die Hälfte der 220 Bewohner/innen nimmt daran teil. Im Umgang mit den Hochbetagten verwenden das Personal und die Ehrenamtlichen Worte wie „Sturz“ möglichst nicht, um nicht negative Erinnerung und Angst auszulösen.

„Rotkäppchen am Besenstiel“ nennt Engelhardt ihr Konzept. Genauso anschaulich, so einfach und so einfach herzustellen sind die Hilfsmittel: Auf 80 Zentimeter gekürzte Besenstiele oder Rundhölzer. Auf ein Ende werden Gummikappen gestülpt, wie man sie beim Safteinkochen auf Flaschen zieht. So rutschen die Stäbe nicht weg und sehen aus wie riesige Streichhölzer. Da gibt es dann die Kochübung. Als hätten sie mehrere Töpfe vor sich auf dem Boden, rühren die sitzenden Heimbewohner die (fiktive) Nahrung um. Essen ist ein Thema, bei dem alle mitreden können, so dass sich neben der Mobilität auch das Erinnerungsvermögen verbessern lässt, zumindest für den Moment. Rhythmus vermittelt die Therapeutin bei der Wanderübung. Die Füße trippeln auf der Stelle, die Arme machen die typische ausholende Bewegung mit dem Wanderstock. Auch hierbei lässt sich gut erzählen.

Auf bis zu sechzig Minuten konnte Edith Engelhardt die Übungsstunden dehnen und während dieser Zeit die Konzentration der Menschen schulen und aufrechterhalten. Musik sei sehr hilfreich dabei. Selbst Bewohner, die nicht mehr stehen können oder dement sind, machen mit. Wer die Betagten bei den Übungsstunden beobachtet, wie sie lachen, wie ihre Augen leuchten, wie sie lebhaft sind, sieht seine Fragen nach dem Nutzen dieses Trainings schon beantwortet.

Alle Mitarbeiter/innen der fünf Pflegeheime lernen bei internen Fortbildungen das Programm der Sturzpräventionsgruppe. Etliche der ehrenamtliche Helfer/innen machen selbst mit und erfahren die wohltuenden Auswirkungen am eigenen Leib.

Ehrenamtliche spüren die Wirkung an sich

„Schön war‘s“, sagte Hospitalverwalter Günther Danner, der gestern wegen einer Verpflichtung früher zurückfuhr. Die Frauen – neben Engelhardt waren Wohngruppenleiteriun Irma Ott, Personalratsvorsitzende Monika Peter und Pflegedienstleiterin Rosemarie Stegmann mitgereist – blieben noch ein paar Stunden, um beim Kongress die Vorpremiere des Films „Vergiss mein nicht“ mitzuerleben, ein Film, den David Sieveking über seine demenzkranke Mutter gedreht hat.

Edith Engelhardt und die Rottenburger Hospitalstiftung erhielten Altenpflegepreis
Waagrecht auf Senkrecht – das ist für alte Menschen schon eine anspruchsvolle Koordinationsübung, die Edith Engelhardt (Mitte) hier vormacht.Bild: Hospitalstiftung

„Das handlungsorientierte Konzept der Hospitalstiftung Rottenburg am Neckar überzeugt durch seinen Erlebnischarakter“, heißt es in der Begründung zur Vergabe des Altenpflegepreises 2012 der Zeitschrift „Altenpflege“. Der Preis ist mit 5000 Euro dotiert, das Geld geht an die Hospitalstiftung. In einem kurzen Film sahen gestern die Teilnehmer/innen eines Altenpflegekongresses in Ulm, „dass Sturzprophylaxe einen hohen Unterhaltungswert besitzt und Spaß machen kann“.

Gesucht hatte die Zeitschrift, die den Preis zum 23. Mal vergab, „Projekte, die sich bewährt haben und für andere Einrichtungen beispielhaft sind“. Die erlebnisorientierte Art und Weise, wie die Physiotherapeutin Edith Engelhardt, die Bewohner der Häuser zum Trainieren motiviert, hat uns überzeugt“, sagte Redakteur Klaus Nolte in seiner Laudatio.

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22.11.2012, 12:00 Uhr

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