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Effektiver und grüner

Wie der Tübinger Europaplatz Mitte der 20er Jahre aussehen soll

Vom Bahnhof bis zum Anlagenpark in Tübingen wird alles neu gestaltet.

13.09.2019

Von Gernot Stegert

Hauptbahnhof ohne Vordach: Die Arkaden werden wieder sichtbar. Visualisierung: BHM Planungsgesellschaft mbH/Filon Leipzig

Der Busverkehr soll besser fließen als bisher. Das Rad erhält mit Station und Tiefgarage ein Zentrum. Der Anlagensee soll ökologisch aufgewertet werden. Bäume sollen möglichst geschont werden.

In historischer Gestalt mit kurzen Wegen zu den Bussen

Das hässliche Vordach aus den 1960er Jahren kommt weg, die historischen – ursprünglich offenen – Arkaden des Tübinger Bahnhofs von 1868 sollen wieder sichtbar werden. Ihre Wirkung soll durch Glas als Füllung unterstrichen werden. Das Konzept hat die Bauverwaltung mit der Deutschen Bahn und in enger Abstimmung mit der Denkmalpflege entwickelt. Auch das Innere mit seinen öffentlichen Nutzungen, den Ladengeschäften und Büroeinheiten, die Bahnsteige, die energetische Situation der Gebäudehülle und Technik sollen verbessert werden. Zwischen Land und Bahn laufen Abstimmungen für das Bahnhofssanierungsprogramm für die nächsten 10 Jahre. Die Sanierung des Tübinger Bahnhofs wird durch die DB als besonders prioritär betrachtet, heißt es in der Vorlage.

Zentrales Element der Umgestaltung des Europaplatzes insgesamt ist jedoch die Anhebung von ZOB und Bahnhofsvorplatz, um den Bahnhof in allen Eingängen barrierefrei ohne Treppen zu erreichen.

Wer aus dem Bahnhof geht, soll sich anders als heute willkommen in Tübingen fühlen. Der Bahnhofsvorplatz soll zum Aufenthalt einladen. Dazu dienen Sitzgelegenheiten und Bäume. Vorgesehen ist ein Baumhain mit 28 überwiegend mehrstämmigen Bäumen, zwischen denen sich die Fahrgastüberdachungen aufspannen. So entsteht ein aufgelockertes, durchgrüntes Bild, welches das denkmalgeschützte Bahnhofsgebäude rahmt und in dem der Bahnhof wieder – laut Vorlage – „seinen würdigen Platz im Stadtraum findet“.

Ein kompaktes Zentrum für die Busse

Der Zentrale Omnibusbahnhof (ZOB) besteht zukünftig aus zwei, miteinander verbundenen Teilbereichen: dem zentralen ZOB vor dem Bahnhof und dem ZOB West. Der zentrale ZOB erhält 13 Steige für Stadtbus und Regionalbusse, davon zwei Steige als Ankunftssteige, der ZOB West 5 Steige mit 10 Haltepunkten für Regionalbusse, Schienenersatzverkehr, Fernbusse und touristische Busse. Dazu kommen drei Überliegersteige für Zwischenwartezeiten der Busse. Diese werden bereits jetzt für eine spätere Ausrüstung mit E-Ladestationen ausgestattet.

ZOB: Die Busse durchqueren den Zentralen Omnibusbahnhof künftig linear, im Plan stadteinwärts von links nach rechts und stadtauswärts von rechts nach links. Plan: BHM Planungsgesellschaft

Die Steige bündeln immer mehrere Linien einer Richtung. Durch die lineare und kompakte Anordnung der Steige und die Linienbündelung sind die Wegebeziehungen zwischen den Steigen und zum Bahnhof kurz. Die räumliche Orientierung für die Nutzenden ist einfach. Die Kapazität des neuen ZOB reicht nach Lars Hilscher, dem zuständigen Experten der Stadtwerke Tübingen, für die derzeitigen Anforderungen und etwas mehr. Und wenn immer mehr auf den Bus umsteigen? „Bei großen Sprüngen müssten wir ohnehin überlegen, das Netz mehr tangential auszurichten“, sagte Hilscher im Planungsausschuss. Auch die Straßen vom und zum ZOB seien sonst überlastet.

Steige mit Betondächern und Infos

Bis auf den auf der nördlichen Seite des ZOB gelegenen Ankunftssteig werden alle Steige mit Überdachungen ausgestattet, die Wind- und Wetterschutz, Sitzgelegenheiten sowie Fahrgastinformationen erhalten. Die Überdachungen sind als filigrane Weißbetondächer geplant. Mit bis zu 40 Quadratmetern sind sie deutlich größer als die heutigen Unterstände. Der ZOB West erhält ebenfalls ein großes Dach und an jedem Steig zusätzlichen Wetterschutz. Ebenso erhalten die Taxistände eine Überdachung, die geschütztes Ein- und Aussteigen ermöglicht. Gegen Glasdächer spricht, dass Schutz vor der Sonne geboten werden soll, gegen eine Begrünung, dass diese das Dach erheblich schwerer und damit massiver machen würde.

Filigrane Betondächer sind als Allwetterschutz für den Busbahnhof vorgesehen. Visualisierung: BHM Planungsgesellschaft mbH/Filon Leipzig

Vorgesehen sind digitale und barrierefreie Fahrgastinformationssysteme: an den Steigen, im Bahnhof und an den Zugängen zum ZOB. Geplant ist, die Fernbusse in das digitale System zu integrieren.

Belastbarer Beton und Leitsystem

Für die Beläge der Fahrbahnen ist Beton vorgesehen, ähnlich wie am Zinserdreieck. Die Gehwege erhalten Betonsteinbeläge mit einer dezenten Farbgebung, in die das Leitsystem für seheingeschränkte Menschen integriert wird. Die Oberflächen sollen nicht zu hell (und damit dreckempfindlich) und zu dunkel (leicht aufheizend) sein. Auch an eine möglichst leichte Pflege wird gedacht.

Neben den digitalen Fahrgastinformationen wird es oberirdisch ein Leitsystem mit Beschilderungen geben. Aktuell wird hierfür ein Gestaltungsvorschlag entwickelt, der auch die Beschilderung für Tiefgarage, Radstation und die weiteren Radabstellanlagen beinhaltet, um ein einheitliches Erscheinungsbild zu erreichen.

Viele neue Angebote für Radfahrer

Dem umweltfreundlichen Fahrrad wird auf vielfache Weise der Weg geebnet. Da ist zunächst das blaue Band, der vier Meter breite Zweirichtungsradweg (siehe Plan). Neben der durchgehenden Ost-West-Verbindung und dem Anschluss der Radbrücke am Anlagenpark erschließt er auf direktem Weg die neuen Fahrradparkierungen. Insgesamt entstehen um den Bahnhof 2000 neue Stellplätze für Räder, davon 1100 in der Tiefgarage und Radstation, 300 bis 350 in der Expressguthalle, 175 am Kupferbau/Europaplatz 25, 40 im Bereich des Bahnhofs selbst und 320 an der Thiepvalkaserne. Geplant ist eine Kombination aus kostenfreien und kostenpflichtigen Plätzen.

Tiefgarage für Autos (linkes Feld) und Fahrräder (rechtes Feld). Zufahrt für Autofahrer ganz links am Bildrand, Zufahrt für Radler im rot umrandeten Bereich. Plan: BHM Planungsgesellschaft

Die Tiefgarage wird erschlossen über eine zentrale, fünf Meter breite Zufahrtsrampe im Norden und eine Radstation im Schnittpunkt zwischen ZOB, Anlagenpark und Bahnhofsallee. Sie soll das sichtbare Zeichen für die Radmobilität sein. Die bauliche Ausgestaltung ist noch offen. Dazu gehören sollen ein Fahrradverleih, eine Werkstatt, ein öffentliches WC und ein Café. Die Station soll durch ein Sozialunternehmen bewirtschaftet werden.

Autofreie Zone mit Anfahrt

Der ZOB ist zukünftig Bussen, Fußgängerinnen und Fußgängern, Fahrradfahrenden und Taxis vorbehalten. Eine Durchfahrt für den motorisierten Individualverkehr wird es nicht mehr geben. Das ist das Grundkonzept und das ermöglicht erst die kompakte Gestaltung. Autos sollen aber nahe heranfahren können. Für sie ist eine Tiefgarage mit 80 Plätzen geplant. Sie ist von Westen anfahrbar. In der Tiefgarage wird eine Hol- und Bringzone integriert. Dafür fallen keine Parkgebühren an. Die ersten 15 Minuten sind frei.

Baumhain statt Allee im Osten

Die ursprüngliche Idee mit einer streng gegliederten, breiten Allee vom Bahnhofshauptausgang Richtung Uhlanddenkmal wurde fallengelassen. In der Verwaltungsvorlage heißt es jetzt: „Begünstigt durch den prägenden und schützenswerten Baumbestand im Ostteil des Anlagenparks sieht die Planung eine aufgelockerte Allee in einem Baumhain vor, die den vorhandenen Baumbestand integriert. Das stimmige Bild des Parks wird so erhalten und gestärkt.“

Europaplatz und Anlagensee. Die künftigen Fahrradwege sind blau eingezeichnet. Plan: BHM Planungsgesellschaft

Angepasst werden Wegeführungen und Ufergestaltungen, es werden Bäume neu gepflanzt.

Eine Seeterrasse soll verbinden

Zwischen ZOB, Anlagenpark und Bahnhofallee entsteht ein Platz an Radstation und Café mit Seeterrasse. Dieser soll einen Übergang schaffen zwischen Verkehrsraum und Park.

Eine Seeterrasse stellt die Verbindung zwischen Busbahnhof und Anlagenpark her. Visualisierung: BHM Planungsgesellschaft mbH/Filon Leipzig

Die Seeterrasse soll zum Verweilen einladen und Veranstaltungen ermöglichen, soll Platz bieten für die Außengastronomie des Cafés und als besonderen Anziehungspunkt und für das Klima ein Wasserspiel enthalten. Die Seeterrasse ist im bisherigen Entwurf als stufenförmige Rampenanlage aus Beton gestaltet. Die Stufen sollen barrierefrei verbunden werden. An Größe und Material der Terrasse gab es im Planungsausschuss viel Kritik. Einige Fraktionen wollten Natursteine. Baubürgermeister Cord Soehlke sicherte zu, den Punkt zu überarbeiten. Am See sei aber ein breiter Weg als Zufahrt zum westlichen Park nötig.

Wenig Neues im Westen

Am südlichen und westlichen Rand werden das blaue Band für Radfahrer und entlang der Derendinger Allee die Radbrücke West integriert. Der südliche Bereich des Anlagenparks soll weiterhin für Freizeitnutzung, Spiel und Sport sowie Veranstaltungen nutzbar sein. Der nord-westliche Bereich mit seinen laut Verwaltungsvorlage „ökologisch hochwertigen Strukturen“ wird gestärkt, zum Beispiel durch eine Renaturierung des Mühlbachs. Die Bäume werden erhalten. Das Wegenetz soll neu gegliedert werden, dabei werden die Schulwege zwischen dem ZOB und der Uhlandschiene berücksichtigt. Die Freiflächen vor den Schulen in der Uhlandstraße sollen angebunden werden. Ein grünes Klassenzimmer ist im Gespräch. Insgesamt sind die Pläne für den westlichen Bereich noch nicht konkret.

Weniger Wasserfläche, mehr Qualität

Der Anlagensee bereitet heute erhebliche ökologische Probleme, verschlammt immer wieder, so dass er regelmäßig abgelassen werden muss, und seine Ufer sind wenig zugänglich. All das soll sich ändern.

Am Zufluss des Mühlbaches ist eine Filterreinigungszone vorgesehen. Es soll unterschiedlich gestaltete Ufer mit naturnahen Bepflanzungen und Schilf sowie gezielten Wasserzugängen geben, um die Eutrophierung zu verringern.

Der Anlagensee wird kleiner und dadurch ökologisch wertvoller. Visualisierung: BHM Planungsgesellschaft mbH/Filon Leipzig

Vor allem soll der See verkleinert und vertieft werden. Nicht nur, um mehr Nutzfläche für Veranstaltungen wie Ract oder Sommerinsel zu schaffen. Die Verkleinerung hat vor allem positive Auswirkungen auf die Wasserqualität durch die leicht geänderte Form und ein günstigeres Verhältnis von Fläche zu Tiefe, ist die Stadtverwaltung überzeugt. Mit der Verkleinerung könnten weitere ökologisch hochwertige Habitatflächen für Vögel, Amphibien und Insekten geschaffen werden. In der Vorlage heißt es: „Mit der Kombination von Filterzone, Seeverkleinerung und Ufergestaltung werden erhebliche ökologische Vorteile erzielt und die Biodiversität erhöht. Auch die stadtklimatischen Vorteile sind groß.“ Auf den gewonnenen Flächen könnten etwa 30 neue Bäume gepflanzt werden. Der See hat heute eine Fläche von 16.600 Quadratmetern. Sie soll um 4800 auf 11.800 Quadratmeter reduziert werden.

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Erstellt:
13. September 2019, 20:40 Uhr
Aktualisiert:
13. September 2019, 20:40 Uhr
zuletzt aktualisiert: 13. September 2019, 20:40 Uhr

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martins 15.09.201916:49 Uhr

Danke für den ausführlichen Artikel.
Bei mir taten sich dazu zwei Fragen auf:
Was ist für das Baufeld Europaplatz, östlich des Cafés vorgesehen?
Wird man im Anlagensee schwimmen können?