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Streifzüge durch die Geschichte der Württembergischen Frottierweberei (1)

Egeria (1): Von der Boom-Fabrik zum Wohnquartier

Sie war lange Tübingens größte industrielle Arbeitgeberin: Vor 90 Jahren wurde die Württembergische Frottierweberei Lustnau gegründet. Vor 30 Jahren begann ihr Niedergang. Ein Großteil der alten Fabrikgebäude wird derzeit von Baggern abgeräumt. Wohnungen für 700 Menschen sollen hier entstehen. Damit Egeria nicht in Vergessenheit gerät, hat Richard Kehrer ein ehrgeiziges Projekt gestartet: DerVorsitzende des Lustnauer Geschichtsvereins dokumentiert die wechselvolle Geschichte des Textilbetriebes vom schwierigen Anfang nach dem 1. Weltkrieg bis zur endgültigen Einstellung der Produktion im Jahre 2002.

22.05.2010
  • Volker Rekittke

Ganze Scharen von Arbeiterinnen und Arbeitern waren es, die frühmorgens vom Lustnauer Bahnhof über die Brücke zu ihrem Arbeitsplatz am anderen Neckarufer strömten, die mit dem Fahrrad oder zu Fuß aus Tübingen und von weiter her kamen, erinnert sich Richard Kehrer. Für kurze Zeit war der heute 71-Jährige einer von ihnen: ein Egerianer.

Das war 1958/59 – zu der Zeit beschäftigte die Württembergische Frottierweberei Lustnau GmbH an die 1.500 Menschen. „Das gab es sonst nirgendwo“, sagt der Lustnauer Kehrer nicht ohne Stolz. Die Frottierweberei, umgangssprachlich stets nach ihrer bekanntesten Marke Egeria benannt, war damals Tübingens größte industrielle Arbeitgeberin.

1958 kamen die ersten "Gastarbeiter"

Und noch viel mehr als das. „Die Mütter aus Lustnau gingen am Morgen runter zum Nähen in die Fabrik“, sagt Kehrer. Und mittags trafen die Arbeiterinnen in der Egeria-Kantine ihre Kinder, die aus der Schule oder dem werkseigenen Kindergarten kamen, zum Mittagessen. Kinderbetreuung im Betrieb – „so was hat später auch der Rösch gemacht“.

Egeria (1): Von der Boom-Fabrik zum Wohnquartier
"1.500 Arbeiter, das gab es sonst nirgendwo in Tübingen.": Richard Kehrer vom Lustnauer Geschichtsverein vor Egeria-Gebäuden nördlich der Nürtinger Straße.

Die Sozialangebote waren natürlich nicht selbstlos: „Man brauchte die Arbeiterinnen.“ 50 Jahre später wird angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels wieder darüber nachgedacht, die Unternehmen durch Betriebs-Kitas und flexible Arbeitszeiten für gut ausgebildete Frauen attraktiv zu machen.

1958 war auch das Jahr, als die ersten Gastarbeiter nach Tübingen kamen – Italiener, die bei Egeria Arbeit gefunden hatten. Es gab viel Arbeit in der Frottierweberei, die fünfziger Jahre waren die Blütezeit der Firma. Für die italienischen Arbeiter wurden eigens Wohnbaracken neben der Fabrik errichtet – sie stehen immer noch. „Renato hieß der erste Italiener, der zu uns in die Schlosserei kam“, sagt Kehrer. Er trifft ihn noch heute manchmal auf dem Tübinger Markt: „Dann schwätzen wir ein bisschen miteinander.“

Irgendwann gibt's ein Buch über Egeria

Egeria (1): Von der Boom-Fabrik zum Wohnquartier
Konrad Hornschuch, einer der beiden Egeria-Gründer.

Richard Kehrer kennt viele solcher Egeria-Geschichten. Aus eigener Erfahrung, aus Gesprächen mit alten Egerianern, von denen etliche noch in Lustnau wohnen. Und aus vergilbten Betriebsunterlagen, Plänen, Rechnungen, Briefen. Schon seit Jahren sammelt der Vorsitzende des Lustnauer Geschichtsvereins Material zur Firmengeschichte. Über die Anfangszeit des Unternehmens hat er bereits einiges zusammen. Irgendwann soll einmal ein Buch daraus werden.

Schon einige Jahre bevor die Württembergische Frottierweberei Lustnau gegründet wurde, gab es an der Neckartal-Straße, die heute Nürtinger Straße heißt, eine Textilfabrik. Sie wurde 1911, vor beinahe hundert Jahren, von Max Jope aufgebaut. Bereits 1920 verkaufte der Firmengründer im Alter von 63 Jahren Fabrikgebäude und Grundstück an zwei Stuttgarter: Am 29. November 1920 erwarben Konrad Hornschuch und Hermann Schweitzer die Firma Max Jope. Sie gaben dem Betrieb den Namen: „Württembergische Frottierweberei Lustnau GmbH“.

Egeria (1): Von der Boom-Fabrik zum Wohnquartier
Einer der beiden Gründer von Egeria, Hermann Schweitzer.

Beide waren je zur Hälfte beteiligt, das Stammkapital betrug 300.000 Papiermark. Sogar die Namen von drei Ur-Egerianern, die von der Textilfirma Jope übernommen wurden, sind noch bekannt: Der Prokurist Max Hüttig und der Technische Leiter Gotthold Bergmann, der seit 1913 im Betrieb tätig war. Als einziger kaufmännischer Angestellter wurde Fritz Bergmann übernommen. Er war für die Buchhaltung und Korrespondenz zuständig.

Im Ersten Weltkrieg standen etliche Maschinen still

Die neuen Besitzer Hornschuch und Schweitzer übernahmen vom Vorbesitzer auch 98 Webstühle. Die Belegschaft hingegen war zunächst noch nicht besonders groß. Ganze 24 Arbeiter (darunter 13 Weber, ein Heizer und ein Stückpassierer) sowie fünf Angestellte arbeiteten anfangs bei Egeria. Im ersten Stock des Hochbaus betrieb der Sohn des früheren Besitzers Jope noch eine mechanische Strickerei, die aber 1921 geräumt wurde. Der Raum konnte nun für Büro-, Versand- und Lagerzwecke genutzt werden.

In den Kriegsjahren 1914 bis 1918 hatten die Behörden auch in der Textilfabrik Max Jope „kriegswichtiges“ Material und Maschinen(-teile) beschlagnahmt. Etliche Maschinen standen dadurch jahrelang still – was ihren Zustand nicht gerade verbesserte. Und so mussten die neuen Eigentümer aus Stuttgart erst einmal viel Geld in Ersatzteile und Material investieren, bevor die Produktion wieder richtig anlaufen konnte.

Dass die Fabrik dann rasch in Gang gebracht wurde, gelang nicht zuletzt durch die Wiedereinstellung von früheren Jope-Arbeitern und Meistern. Kehrer recherchierte die Namen von 44 Egerianer(inne)n, die noch bei Jope und später dann bei der Württembergischen Frottierweberei Lustnau gearbeitet haben: von der Näherin Rosa Märkle, von 1923 bis 1963 bei Egeria, bis zum Fabrikdirektor Fritz Bergmann, der von 1920 bis 1970 dabei war.

Herstellerin der besten und schönsten Bleichware

Egeria (1): Von der Boom-Fabrik zum Wohnquartier
Fabrikansicht von 1920. Vorne ist noch das alte Neckarbett zu sehen.

Die Stückbleicherei konnte nach gründlicher Renovierung im April 1921 in Betrieb genommen werden. Zunächst wurde eine feinfädige Ware unter der Qualitätsbezeichnung „Lustnau“ in den Handel gebracht. Im Laufe der Jahre wurde die Marke immer bekannter: als hervorragende Qualität für Stoffe, Hand- und Badetücher.Später folgten weitere Qualitäten in stückgebleicht, und die Firma war innerhalb kurzer Zeit als Herstellerin der besten und schönsten Bleichware bekannt.

Außerdem wurde die bereits vor dem Krieg gefertigte Schaftware, Qualität 8/26 beziehungsweise 42/621, wieder aufgenommen, die bei der Kundschaft sehr großen Anklang fand. Die WFL konnte über lange Jahre hinweg einen großen Teil des Betriebes beschäftigen, bis das Muster nach und nach von fast sämtlichen deutschen und auch englischen und schwedischen Fabriken nachgeahmt wurde.

Sie erreichten aber nicht die gute, schwere Qualität. Auch die Jacquardweberei wurde langsam wieder aufgenommen. Die ersten hergestellten Badetücher waren übrigens für Kinder gedacht – mit der Einwebung „Baby“ und dem Bild eines Schutzengels, außerdem eine Stoffqualität „9 bunt“ aus gebleichter Unter- und Oberkette mit farbigem Schuss.

Bald ein Quartier für 700 Menschen

Egeria (1): Von der Boom-Fabrik zum Wohnquartier
Egeria-Lageplan von 1929: Die Firmenfläche verdoppelte sich fast in den ersten neun Jahren.

Die Geschäfte liefen gut, der Betrieb wuchs rasch in den 1920er Jahren. Bald wurde eine größere Dampfanlage fällig. Im August 1922 bot sich die Gelegenheit, für 140.000 Papiermark einen gut erhaltenen Dampfkessel mit 100 Quadratmeter Heizfläche von der Gemeinde Lustnau zu erwerben – er gehörte zuvor der aufgelösten Lustnauer Brauerei Heinrich. Der rührige Lustnauer Schultheiß Hans Rath fädelte damals solche Geschäfte ein.

Dann ging’s Schlag auf Schlag: Zwischen 1923 und 1925 wurden neue Zwirnmaschinen aufgestellt und zehn Werkswohnungen gebaut. Bereits 1924 wurde der Betrieb in Färberei und Bleicherei aufgenommen, ein Jahr später die Spinnerei gebaut– aus der im April 1926 das erste Garn geliefert wurde. Kurz darauf wurden die ersten Frottier-Automaten aufgestellt – und die neue Bademantel-Konfektion wurde präsentiert.

Gründerjahre, Blütezeit und Niedergang von Egeria: Richard Kehrer sammelt weiter Dokumente und Zeitzeugenberichte für seine Dokumentation der bewegten Unternehmensgeschichte. Einige Male war er auf dem Gelände unterwegs, hielt die alte Industrie-Architektur mit seiner Kamera fest. Derweil wühlen sich die Bagger unermüdlich durch das einstige Firmenareal. Ein Quartier für 700 Menschen soll hier entstehen. Der Name: Alte Weberei.

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22.05.2010, 12:00 Uhr

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