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Für viele auch Wohnstätte

Egeria (2): Viele Arbeiter kamen aus Italien

Während der Blütezeit der Frottierweberei Egeria kamen mehrere hundert Ausländer zum Arbeiten nach Tübingen. Die damals größte industrielle Arbeitgeberin ist zur Zeit Tübingens größte Abbruchstelle. Bleiben wird jedoch die Bocciabahn, die einst von italienischen Arbeitern gebaut worden ist. Drei ehemalige so genannte Gastarbeiter erinnern sich.

04.07.2010
  • Celia Eisele

Dass er ein Pionier werden würde, hat Luciano Vivaldi vor 55 Jahren nicht gedacht. Nicht Abenteuerlust war es, die ihn dazu brachte, seine Heimat zu verlassen, sondern die Perspektivlosigkeit in der norditalienischen Kleinstadt Mori. Weder einen Ausbildungsplatz noch eine Arbeitsstelle gab es dort für den damals 20-Jährigen. Der frühe Tod seines Vaters hatte die Familie in finanzielle Bedrängnis gebracht. Vivaldi zögerte nicht lange, als er hörte, dass das Arbeitsamt Leute für Firmen in Deutschland suchte.

„Ich komme nicht wieder zurück“, habe er sich an der deutschen Grenze geschworen, erzählt der heute 74-Jährige. Wie ein schlechter Scherz muss ihm das Telegramm aus der Heimat vorgekommen sein, das zwei Wochen nach seiner Ankunft in Tübingen eintraf: In Mori sei eine Stelle für ihn freigeworden, er könne sofort zurückkommen, schrieb die Mutter. „Die Stelle konnte mir gestohlen bleiben“, sagt Vivaldi im Rückblick. Er habe es nie bereut, nach Tübingen gegangen zu sein, auch wenn der Anfang nicht einfach war.

Ein Jahr lang arbeitete er bei der Firma Queck und wohnte mit drei Kollegen in einem Zimmer, bevor er im November 1955 zur Egeria wechselte. Dass er ein paar Brocken Deutsch sprach, machte ihn als ersten Italiener im Betrieb bald zu einem wichtigen Mann. Die Firma warb immer mehr italienische Arbeiter an, die meist kein Wort Deutsch sprachen. Vivaldi dolmetschte zwischen den Neuankömmlingen und der Geschäftsleitung und half bei Verständigungsschwierigkeiten.

Egeria (2): Viele Arbeiter kamen aus Italien
Arbeit und Vergnügen lagen nah beieinander: Italienische Egeria-Mitarbeiter um Luciano Vivaldi (zweiter von links) haben vor fast 50 Jahren die Bocciabahn neben der Fabrik gebaut. Auch Richard Kehrer vom Lustnauer Geschichtsverein und Renato Fait ( von rechts) erinnern sich, Luigi Cerio spielt heute noch dort.

Deutschkurse gab es für die Arbeiter damals nicht, erinnern sich Vivaldi und seine ehemaligen Kollegen Renato Fait und Luigi Cerio, die 1959 und 1969 nach Lustnau kamen. „Nur Mund zu Mund haben wir die Sprache gelernt“, erzählt Vivaldi in seinem schwäbisch-italienischen Dialekt. Kontakte zu den deutschen Kollegen seien dennoch schnell entstanden. „Wir waren ja jung“, sagt Vivaldi.

Doch dass viele deutsche Mitbürger Vorbehalte gegenüber den Italienern hatten, habe er bei der Wohnungssuche gemerkt. Bereits ein Jahr nach seiner Ankunft in Tübingen hatte er seine deutsche Freundin geheiratet. Eine Wohnung fanden die beiden lange nicht. „Die Leute wollten nicht an einen Italiener vermieten“, so Vivaldi. Drei Jahre musste das junge Paar bei den Schwiegereltern wohnen, bevor es eine Wohnung bekam – in Mössingen. Dennoch war er froh, nicht mehr in der Sammelunterkunft seines ersten Arbeitgebers wohnen zu müssen. „Dort gab es jeden Tag Landjäger zum Essen“, erinnert er sich und schmunzelt. Die süddeutschen Würste sind ihm bis heute ein Gräuel.

Das Problem der Wohnungssuche stellte sich für Vivaldis ehemaligen Kollegen Luigi Cerio nicht. Für ihn war die Frottierweberei viele Jahre nicht nur Arbeitsplatz, sondern auch Wohnort. Das Unternehmen hatte eigene Wohnheime auf dem Fabrikgelände, in denen die Gastarbeiter oft auf engem Raum lebten. Auch außerhalb des Fabrikgeländes gab es Betriebswohnungen, in denen Arbeiter untergebracht wurden. In einer davon wohnte Renato Fait mit vier Kollegen. „Es gab ein Schlafzimmer mit mehreren Stockbetten“, erinnert sich Fait. Später wurde ein Wohnheim für Familien gebaut. Dort kam Luigi Cerio Mitte der 70er Jahre mit seiner Familie unter.

Wie Fait und Vivaldi kam ein beträchtlicher Teil der italienischen Arbeiter aus der Kleinstadt Mori nahe dem Gardasee. Die Ersten hatten wie Vivaldi über das Arbeitsamt von den freien Stellen in Lustnau erfahren, später kamen viele durch persönliche Kontakte. Arbeiterinnen und Arbeiter, die bereits bei der Frottierweberei angestellt waren, erzählten Freunden und Bekannten von der Arbeitsmöglichkeit in Tübingen. Vivaldi warb während eines Urlaubs in der alten Heimat sogar im Auftrag der Weberei Bekannte aus Mori an. „Solche wie Sie könnten wir noch gebrauchen“, hatte der damalige Geschäftsführer der Egeria zu ihm gesagt. Einer der acht Bekannten, die Vivaldi mitbrachte, war der heute 76-jährige Renato Fait, den Vivaldi von klein auf kannte.

Anders als Vivaldi und Cerio hatte Fait hatte eine abgeschlossene Ausbildung und einige Jahre Berufserfahrung als Schlosser. Er war der erste ausländische Arbeiter in der Schlosserei der Frottierweberei, erinnert sich Richard Kehrer vom Lustnauer Geschichtsverein, der ebenfalls kurzzeitig in der Egeria-Schlosserei arbeitete und heute die Geschichte des Unternehmens dokumentiert.

Mitte der 70er Jahre wechselten Fait und Vivaldi zu Daimler in Sindelfingen, wo der Verdienst besser war. Sie waren nicht die Einzigen, die die Egeria verließen, wie Richard Kehrer berichtet. „Die Fluktuation bei den so genannten Gastarbeitern war sehr hoch“, sagt Kehrer. Einige wechselten den Betrieb, andere hielten das Heimweh nicht aus und gingen zurück in die Heimat. Eine Ausgabe der betriebsinternen „Egeria-Post“ von 1970 weist die Fluktuation der ausländischen Arbeiter – 340 waren es insgesamt, davon 213 Italiener/innen – mit 42,5 Prozent aus, die der ausländischen Arbeiterinnen mit 33,3 Prozent.

Egeria (2): Viele Arbeiter kamen aus Italien
Die Frottierfabrik um 1960 mitten in ihrer Blütezeit.

Wie wenig indes die Bezeichnung „Gastarbeiter“ für die vielen ausländischen Arbeiter zutrifft, die ab den 50er Jahren nach Deutschland kamen, zeigt das Beispiel der drei „Egerianer“ anschaulich: Alle drei haben in Deutschland ihre Frau gefunden. Fait und Cerio haben beide drei Kinder und wohnen heute noch in Tübingen. Nur Vivaldi ist nach dem Tod seiner Frau nach Mori zurückgegangen. Als einziger der drei Kollegen hat er seit 1965 einen deutschen Pass.

Faits Frau stammt aus Heidenheim, Cerios Frau ist Griechin. Er hat sie in der Spinnerei der Egeria kennengelernt. Beide sprachen damals noch wenig Deutsch. „Aber irgendwie konnten wir uns verständigen“, erzählt der 58-Jährige. Er ist der einzige der drei, der sein gesamtes Berufsleben bei der Egeria verbracht hat. Das Ende der Produktion in Tübingen bedeutete für ihn nach 33 Jahren im Betrieb die Arbeitslosigkeit.

Mit der Egeria verbindet ihn heute noch die Bocciabahn gegenüber vom ehemaligen Hauptgebäude der Firma, auf der er hin und wieder mit ehemaligen Kollegen spielt. Die Bahn wurde Anfang der 1960er Jahre von italienischen Egerianern gebaut, die meisten von ihnen aus Mori. Dort ist das Spiel eine beliebte Freizeitbeschäftigung. Luciano Vivaldi hat den Bau und die Gründung des Boccia-Vereins, der die Bahn heute noch betreibt, damals angeleiert. „In Tübingen gab es damals keinen geeigneten Platz zum Spielen. Die Stadt hat uns diesen hier zugewiesen.“ 1964 war die Anlage aus Steinen, Kohleschlacke, Kies und Sand fertig und wurde zum täglichen Treffpunkt vieler Egerianer und ihrer Familien. Luigi Cerio hat es mit täglichem Training sogar auf internationale Turniere geschafft.

„Heute ist hier nicht mehr viel los“, erzählt er. Zwar kämen noch viele ehemalige Kollegen zur Bocciabahn, die meisten aber nur zum Essen in der Gaststätte, die der Verein verpachtet. Auch Vivaldi kommt bei seinen Besuchen in Tübingen gern vorbei. Dann bestellt er ein Panino mit Parmaschinken und freut sich, dass er keine Landjäger mehr essen muss.

Was er beim Anblick der Trümmerhaufen auf dem Egeria-Gelände empfindet? „Ich finde es deprimierend“, sagt Vivaldi und die anderen nicken. Ein Trost ist für die drei, dass wenigstens die Bocciabahn als Treffpunkt bleibt.

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04.07.2010, 12:00 Uhr

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