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Streifzug durch die Geschichte der Tübinger Weberei

Egeria (3): Lustnauer Frottee auf dem Luxusliner

Handtücher und Bademäntel „Made in Lustnau“ wurden einst von den nobelsten Hotels im Deutschen Reich geordert. Auch auf dem Luxusdampfer „Bremen“ trocknete man sich mit Frottierware Marke Egeria ab.

05.02.2011
  • Volker Rekittke

Die Württembergische Frottierweberei Lustnau überstand Inflation, Weltwirtschaftskrise und den Zweiten Weltkrieg. Erst mit dem Niedergang der deutschen Textilindustrie in den 1980er Jahren kam das Ende. Zu ihren besten Zeiten waren bei Egeria 1.500 Textilarbeiter/innen beschäftigt. Eine von ihnen war die heute 90-jährige Lina Theurer. Die Gewerkschafterin arbeitete 45 Jahre in der Spulerei.

Den Untergang von Egeria hat Lina Theurer nicht mehr als Beschäftigte miterlebt: „Gott sei Dank!“ Doch das lange Siechtum der Württembergischen Frottierweberei Lustnau, lange Zeit Tübingens größte industrielle Arbeitgeberin, hatte bereits begonnen, als die Lustnauerin 1980 in den Ruhestand ging. „Da dachte ich schon: Lange machen die’s nicht mehr“, erinnert sich Theurer. „Der Textilindustrie ging’s ja überall schlecht.“ Es dauerte dann noch ein paar Jahre. In den 1980ern wurden immer weniger Handtücher und Bademäntel hergestellt. 1992 kam der Insolvenzantrag, 1995 wurde die Produktion endgültig gestoppt.

Als die 15-jährige Lina Theurer 1935 bei Egeria in der Spulerei anfängt, hat die Frottierweberei sowohl die Wirren der Inflationszeit in den 1920ern wie auch die Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre überstanden.

Mit eigenem Kindergarten

Nach der Einführung der Rentenmark im November 1923, mit der die Hyperinflation im Deutschen Reich endet, geht es rasant aufwärts. 1926 wird die neue Spinnerei in Betrieb genommen. Turm und Halle: Die markanten Egeria-Wahrzeichen haben den Abriss eines Großteils der alten Fabrikgebäude im vergangenen Jahr überlebt. In der ehemaligen Spinnerei arbeiten heute noch einige wenige Beschäftigte im Vertrieb jenes türkischen Unternehmers, der nach der Egeria-Insolvenz den bekannten Markennamen sowie den Gebäudekomplex kaufte.

Egeria (3): Lustnauer Frottee auf dem Luxusliner
Um die 600 Arbeiter/innen und Angestellte sind 1935 bei Egeria beschäftigt, wie diese Männer in der Weberei. Im Zweiten Weltkrieg werden die Beschäftigten zunehmend „dienstverpflichtet“, im Werk wird auf Rüstung umgestellt.

Zurück ins Jahr 1926: Bei Egeria werden erstmals Bademäntel hergestellt. Und drei Jahre später, am Ende der Goldenen Zwanziger, wird der Luxusliner „Bremen“, der kurz zuvor auf einer Rekord-Überfahrt nach New York das „Blaue Band“ gewonnen hat, mit Frottier-Wäsche aus Lustnau ausgestattet. Die Qualitätsanforderungen auf dem Luxusdampfer der Norddeutschen Lloyd sind hoch: Die Handtücher, Badetücher und Badevorlagen mit der Einwebung „Bremen“ müssen mehrmals zur Probe angeliefert werden, bevor Egeria den lukrativen Auftrag bekommt. Erheblichen Umsatz erzielt die Firma in dieser Zeit auch mit etlichen namhaften Hotels in ganz Deutschland.

1930 beschäftigt die Frottierweberei bereits 462 Menschen. Nach einem Einbruch und Kurzarbeit in der Weltwirtschaftskrise von 1931/32 wächst die Zahl der Mitarbeiter bis 1933 wieder – auf 570. Fünf Jahre später eröffnet die Württembergische Frottierweberei einen eigenen Werkkindergarten für den Nachwuchs der überwiegend weiblichen Beschäftigten.

Motoren für die Rüstung

Egeria (3): Lustnauer Frottee auf dem Luxusliner
Weißt du noch: Die ehemaligen Egerianerinnen Lina Theurer, Ruth Braun und Doris Weiß (von links) bei der Ausstellung des Geschichtsvereins vergangenes Jahr im Alten Schulhaus in Lustnau.

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges kommt es zu Produktionseinschränkungen. Nach den deutschen Überfällen auf Polen 1939 und Frankreich 1940 arbeiten im zweiten Kriegsjahr nur noch 238 Beschäftigte bei Egeria. Immer stärker wird in den Fabrikgebäuden am Neckar auf Rüstungsproduktion umgestellt, woran sich Lina Theurer noch gut erinnern kann.

Webstühle und andere Maschinen werden ausgelagert oder beiseite geräumt, 1942 wird die Spinnerei stillgelegt. „Der Daimler und das Himmelwerk“, so Theurer, ziehen nun in die Egeria-Hallen und produzieren dort „Motoren für die Rüstung“. Andere Fabrikteile bezieht der Wehrkreis-Sanitätspark. Wie viele andere Egeria-Arbeiter/innen wird auch Lina Theurer „dienstverpflichtet“.

Egeria (3): Lustnauer Frottee auf dem Luxusliner
Egeria-Lehrlinge im Jahr 1943, von links: Werner Dieterich, Erna Klein, Heinrich Roth, Erwin Gamerdinger, Herbert Fleck; hinten: Egeria-Gründer und Geschäftsführer Hermann Schweitzer (links) und Ernst Spieht.

Einige Kollegen müssen direkt nach der Gesellenprüfung zur Wehrmacht – wie auch Werner Dieterich (siehe Bild links), der bei Egeria lernt und 1943 beim Himmelwerk seine Kaufmännische Prüfung ablegt. Kurz darauf, gerade 18-jährig, wird er in die graue Felduniform gesteckt. 1948 kehrt Dieterich aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft zurück und arbeitet bis 1963 bei Egeria. Er wohnt bis heute in Tübingen.

Bei Egeria war man stets gut organisiert

Egeria (3): Lustnauer Frottee auf dem Luxusliner
Die Württembergische Frottierweberei war einst Tübingens größte industrielle Arbeitgeberin – hier Arbeiterinnen im Nähsaal 1937. Bilder: Lustnauer Geschichtsverein

Keine einzige Fliegerbombe trifft den Lustnauer Betrieb, dennoch liegt die Produktion 1945 danieder. „Nach dem Krieg hat man wieder ganz klein anfangen müssen“, sagt Theurer. Nach und nach werden die ausgelagerten Maschinen zurückgeholt und entrostet. Im Winter müssen Arbeiter oft in den Wald: „Feuerholz zum Heizen holen.“

1946 tritt Lina Theurer in die Textilarbeiter-Gewerkschaft ein – noch heute ist die 90-Jährige Mitglied in der IG Metall, in der ihre alte Gewerkschaft aufging. 29 Jahre lang, von 1951 bis zu ihrem Ausscheiden 1980, ist Theurer zudem Mitglied des Betriebsrats: „Wir waren bei Egeria stets gut organisiert.“

Egeria (3): Lustnauer Frottee auf dem Luxusliner
Egeria-Ansicht von 1931: Der erst einige Jahre später begradigte Neckar verlief da noch direkt an der Neckartal-Straße (heute: Nürtinger Straße) entlang, hinter der Fabrik waren Streuobstwiesen und Felder. Ganz rechts, mit Turm: die 1926 in Betrieb genommene Spinnerei.

Geschichte und Geschichten, Bilder und Dokumente aus Blütezeit und Niedergang der einst stolzen Württembergischen Frottierweberei Lustnau: Richard Kehrer beschäftigt sich seit vielen Jahren damit. Der Vorsitzende des Lustnauer Geschichtsvereins hat längst genug Material für ein ganzes Buch beieinander – und das will Kehrer nun im März präsentieren.

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05.02.2011, 12:00 Uhr

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