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Fibbeln ging am besten in der letzten Bank

Ehemalige Schüler besuchten das Kepler-Gymnasium

Seit ihrer Mittleren Reife vor 60 Jahren treffen sich die ehemaligen Schüler der Klasse 6b mehrmals im Jahr. Zu ihrem Jubiläum sind die mittlerweile Mitte 70-Jährigen in das Kepler-Gymnasium zurückgekehrt und erinnern sich an ihre Schulzeit in den 1940er und 1950er Jahren.

07.01.2012
  • Madeleine Wegner

Ehemalige Schüler besuchten das Kepler-Gymnasium
Die Klasse 1949

Tübingen. Das dürfte es nur selten geben: Über 60 Jahre hinweg hat sich der größte Teil der ehemaligen Klasse 6b nie aus den Augen verloren. 1951 hat die Klasse der Jungen-Oberschule in der Uhlandstraße (das heutige Kepler-Gymnasium) die Mittlere Reife abgelegt. Bereits Anfang des Jahres 1952 gründeten sie den „Klassenverband 6b /1951“ – samt Vorstand, Satzung, monatlichem Stammtisch, größeren jährlichen Treffen und einem regelmäßigen Mitteilungsblatt.

Die Fäden hat der „Präsident“ des Klassenverbandes Gerold Peter Hein in Händen. Der jahrelange Geschäftsführer von „Pustefix“ hat auch den Besuch im Kepler-Gymnasium organisiert. Eugen Finkbeiner, der 40 Jahre lang Mathematik und Sport am Kepi unterrichtete und kürzlich in den Ruhestand ging, führte die acht ehemaligen Schüler am Donnerstag durch das Gebäude.

In einem der Klassenzimmer im Erdgeschoss nehmen die ehemaligen Schulkameraden noch einmal auf den Schulbänken Platz (siehe Bild rechts). „Das war schwierig im Winter, wenn die Heizung nicht funktionierte und wir mit Handschuhen hier saßen. Auf der Nordseite kam ja auch keine Sonne rein“, erinnert sich Gerhard Rauscher.

Auch an der nächsten Station werden Erinnerungen wach. Die heute als Lager genutzten Räume waren früher die Hausmeisterwohnung. „Genau, der Baddo!“, rufen sofort mehrere gleichzeitig. Eigentlich hieß der Hausmeister Bader, war aber nicht besonders beliebt. „Das war ein bisschen ein Energischer“, erklärt Hein diplomatisch, denn „er konnte ganz schön rumschreien.“

Im Dachgeschoss rätselt die Gruppe, welches das ehemalige Abitur-Klassenzimmer war. Nur 17 der ursprünglich rund 40 Schüler hatten nach der Mittleren Reife noch 1954 das Abitur gemacht. Darunter war auch Lieselotte May – das einzige Mädchen in der Klasse der Jungenoberschule.

Ehemalige Schüler besuchten das Kepler-Gymnasium
Einige Mitschüler fünf Jahre nach dem Abi (1959): Jürgen Bachmann, Karl-August Mayer, Gerold P. Hein, Hans Lämmle, Hans Lindenschmid, Ingo Toebe. Verdeckt ist Wilfried Schmiederer.

1950 war sie zusammen mit ihrer Familie von Oberndorf am Neckar nach Tübingen gezogen. Der Vater meldete sie zusammen mit ihrer Schwester in der Jungenoberschule an. „Der Schulrektor hatte nichts dagegen. Und als mein Vater dann heim kam, meinte er: Ihr seid dann dort übrigens die einzigen Mädchen“, erzählt die heute 76-Jährige und schmunzelt. „Am Anfang war es schon komisch, aber das hat sich bald gelegt. Es gab ja schnell so eine Kameradschaft in der Klasse“, erinnert sie sich.

„Ich habe meinen Platz entdeckt“, ist sich Armin Schleeh mittlerweile sicher und tippt auf die mittlere Schulbank in der letzten Reihe. Hier saß er in der neunten, also der letzten Klasse zum Abitur. Der Besuch der Oberschule begann wieder mit der ersten Klasse, die damit der heutigen fünften entsprach.

Auf Tischen hat Schleeh damals gern „Fibbeln“ (schwäbisch: „Febble“), eine Art Tischfußball mit Bleistift und Münzen, gespielt. Daran erinnert sich auch Hermann Ott: „Die Holzstühle und Tische waren ja alle unterschiedlich groß. Und ich hatte das Glück, dass ich einen sehr niedrigen hatte und vor mir Schulkameraden auf hohen Stühlen saßen: Da konnte ich mich in der letzten Reihe gut verstecken.“

Auch er hat hier gern auf den schrägen Tischflächen mit Bleistift und Papierkügelchen Tischfußball gespielt – die Vertiefung für das Tintenfass diente als Tor. „Da hatte man ja noch kein Nintendo“, sagt Ott.

Ehemalige Schüler besuchten das Kepler-Gymnasium
Zum Spaß in der Schulbank (vorn von links): Gerhard Rauscher, Thomas Ludwig, Gerold Hein, Lieselotte May und Albrecht Hildebrandt, (hinten) Hermann Ott, Armin Schleeh und Hans Schreiber.

Als die Zehnjährigen auf die Oberschule kamen, war der Krieg gerade erst vorbei. „Es gab keine Lehrbücher, wir mussten alles genau von der Tafel abschreiben – das kann man sich heute kaum noch vorstellen“, sagt Ott. Die ersten Lehrbücher gab es für Französisch, der ersten Fremdsprache im Lehrplan.

In einem der mittlerweile leuchtend gelb gestrichenen Klassenzimmer erinnert sich Gerhard Rauscher an einen damals unbeliebten Englisch-Referendar. „Wir wollten ganz böse, frech und gemein sein, damit er durch seine Prüfung fällt“, erzählt er mit einem verschmitzten Lächeln. „Aber der war so gut, er hat es trotzdem geschafft.“

Ein besonders beliebter Lehrer war der Oberstudiendirektor und 1954 zum Schulleiter ernannte Wilhelm Schweizer. „Mit ihm verbindet mich eine besondere Geschichte“, erzählt Albrecht Hildebrandt. Er machte nach der mittleren Reife zunächst eine Lehre als Maschinenschlosser, wollte danach aber das Abitur nachholen.

Dafür verlangte das Oberschulamt plötzlich eine Prüfung. „Also wurde ich in ein Nebenzimmer des Rektorats gesetzt und habe die Prüfung geschrieben. Dann kam der Schweizer rein, hat die Arbeit genommen, sie ohne sie durchzusehen in eine Schublade gelegt und gesagt: Bestanden – die Nachricht werde ich ans Oberschulamt weiterleiten.“

Beim Jubiläumstreffen im Kepler-Gymnasium ist auch Hans Schreiber dabei, der lange SPD-Gemeinderatsmitglied war und mit rund 600 Besuchen die akribisch geführte Anwesenheitsliste des Klassenverband-Stammtisches anführt. Einen weiten Anfahrtsweg hätte hingegen Klaus Rommel gehabt, der nach Frankreich ausgewandert ist.

Adolf Mader hätte noch mehr Zeit für die Reise einplanen müssen. Er lebt mittlerweile auf Hawaii. Dennoch sind sie hin und wieder bei den Treffen oder Stammtischen dabei. Besuche in der Heimat und die Klassentreffen werden dann zeitlich möglichst aufeinander abgestimmt.

Info: Wer je in einer Schulbank gesessen hat, der oder die weiß viel zu erzählen. Erinnern Sie sich an Ihre Schulzeit in den 1940er, 1950er oder 1960er Jahren? An Ihre Lausbuben-geschichten oder an Ihre Schulausflüge? An Klassenarbeiten? Ihre Lehrer? Den Unterricht? An die damals vermittelten Tugenden? Dann melden Sie sich doch in unserer Redaktion unter Telefon 0 70 71 / 93 43 03 – auch, wenn Sie noch Bilder aus jener Zeit haben. Wir sind auf Ihre Geschichten gespannt.

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07.01.2012, 12:00 Uhr

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