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Totschlag

Ehemann beteuert seine Unschuld

Im Prozess um die getötete Nadine E. aus Ludwigsburg beruht die Anklage auf einer Indizienkette. Die Verteidigung bezweifelt deren Beweiskraft.

10.01.2017
  • DOMINIQUE LEIBBRAND

Ludwigsburg/Stuttgart. Zum Schutz vor den Kameras hält sich der Angeklagte eine rote Mappe vors Gesicht, als er in den Sitzungssaal geführt wird. „Schweinehund!“, ruft ein Mann aus den Zuschauerrängen. Es gibt Menschen, für die ist schon zu Beginn des Totschlags-Prozesses am Landgericht Stuttgart am Montag klar, dass die Ludwigsburgerin Nadine E. im Oktober 2015 von ihrem Ehemann umgebracht wurde.

Auch die Stuttgarter Staatsanwaltschaft hält den 43-jährigen Ramazan E. für schuldig. Er lebte mit Nadine E. und den beiden Kindern (2010 und 2012 geboren) zum Zeitpunkt des Todes der 36-Jährigen zwar noch unter einem Dach, im Sommer zuvor hatte sich das Paar jedoch getrennt. Auslöser soll gewesen sein, dass Nadine E. einen neuen Freund hatte, nachdem es schon länger gekriselt hatte. Am Abend des 12. Oktober sollen sich die Eheleute der Anklage zufolge im Hobbyraum des gemeinsamen Hauses in Ludwigsburg-Eglosheim in die Haare bekommen haben. E. soll dabei ausgerastet und seine Frau erwürgt haben.

Danach habe E. die Leiche in den VW Caddy seiner Frau gepackt und den Wagen einige Straßen weiter abgestellt. Später in der Nacht soll er die Tote in einem Gebüsch nahe der S-Bahn-Station Favoritepark, die an die Pädagogische Hochschule Ludwigsburg angrenzt, abgelegt haben. Zuvor, so glaubt der Ankläger, schnitt der 43-Jährige seiner Frau die Kleidung vom Leib und fügte ihr eine klaffende Wunde am Hals zu. Neben der Kleidung fehlen bis heute ein Großteil des Schmucks von Nadine E., ihr Geldbeutel sowie ihr Handy. Sollte hier ein Raubmord vorgetäuscht werden?

Gegen 5.30 Uhr am Morgen teilt Ramazan E. zunächst seiner Schwiegermutter mit, dass seine Frau nicht nach Hause gekommen sei, dann ruft er die Polizei. Erst eine Woche nach der Tat wird Nadine E. in jenem Gebüsch gefunden. Umfangreiche Ermittlungen in alle Richtungen folgen. Eine 55-köpfige Sonderkommission wird eingerichtet, die in Summe 300 Spuren auswertet. Mehrfach wird das Haus der Eheleute durchsucht. Schon früh geht die Polizei davon aus, dass der Täter aus dem Umfeld kommen muss. Doch erst zehn Monate nach dem Leichenfund scheinen genug Beweise vorhanden, um Ramazan E. zu verhaften. Den Aussagen einer Kripo-Beamtin nach zu urteilen beruht die Festnahme auf einer Indizienkette. „Es gab ein auffälliges Fasernbild“, berichtete die Polizistin am Montag.

Eine wichtige Rolle dabei spielt unter anderem eine graue Mikrofaser, die sowohl an der Leiche, als auch im Kofferraum des Caddy und auf einem Stück Küchenpapier, das die Polizei hinter dem Wagen sichergestellt hatte, gefunden wurde. Auch an den Kleidungsstücken des Angeklagten und in seinem Auto sowie an seinem Fahrrad und an einer Steppweste sicherten die Ermittler Spuren dieser Faser. Diese könnte zu Radhandschuhen gehört haben, deren Verbleib allerdings unklar ist.

Fasern, Handydaten, Haare

Weitere Hinweise ergeben sich daraus, dass auf der Leiche ein Haar gefunden wurde, das laut den Untersuchungen Übereinstimmungen mit der DNA des Angeklagten aufweist. Auch stellten die Ermittler in seinen Chatverläufen an jenem Abend verdächtige Lücken fest, in der Nacht der Tat sei das Handy sogar ausgeschaltet gewesen, was sonst nie der Falle gewesen sei, sagte die Kripobeamtin. Währenddessen wurde das Handy von Nadine E. um 21.32 Uhr am 12. Oktober das letzte Mal geortet, und zwar im Umfeld des Gebüschs, in dem ihre Leiche später gefunden wurde. Um 20.56 Uhr hatte es sich, den Daten zufolge, noch im Bereich ihres Hauses befunden.

Die Mutter der Toten, die ein Foto von Nadine E. mit deren Kindern in den Gerichtssaal mitgebracht hatte, sagte aus, sie habe zuletzt Angst gehabt, dass Ramazan E. ihrer Tochter etwas antue. „Er hat sie psychisch unter Druck gesetzt.“ Er habe mehrfach Wutausbrüche gehabt. Monate vor der Tat war der Angeklagte zudem abgehauen und hatte mit Selbstmord gedroht, nachdem er herausgefunden hatte, dass Nadine E. einen neuen Partner hatte.

Er selbst bestreitet die Tat bis heute. Persönlich machte er zur Sache am Montag keine Aussagen, sondern ließ seine Anwälte sprechen. „Ich habe meiner Frau nichts getan“, verlas Verteidigerin Amely Schweizer eine Erklärung. Er habe sich mit ihr nach der Trennung besser verstanden als zuvor. Anders als von Verwandten der Verstorbenen dargestellt, sei – von den Finanzen bis zum Sorgerecht – alles geregelt gewesen. Der 12. Oktober sei ein normaler Tag gewesen, Nadine sei abends vom Sport gekommen, sie hätten eine Zigarette geraucht, kurz geredet. Dann habe seine Frau nochmal los in den Supermarkt gewollt, um Brot zu kaufen. Von dort sei sie nicht zurückgekehrt. Der 43-Jährige fühlt sich als Justizopfer: Die Polizei habe unter Ermittlungsdruck „auf Biegen und Brechen“ einen Schuldigen gesucht – und ihn gefunden. Fragen wolle er nicht beantworten, weil er psychisch am Ende sei.

„Täterschaft nicht belegt“

E.s Verteidigerin machte auch klar, dass man große Zweifel an der Beweiskraft der Indizien hege. Diverse Fragen seien nicht geklärt. So sei nicht nachgewiesen, dass Nadine E. tatsächlich im Hobbyraum starb, der Zeitpunkt ihres Todes stehe nicht zweifelsfrei fest, das Tatmittel fehle genauso wie das Motiv. Schweizer: „Die Täterschaft ist nicht belegt.“ Viele Ergebnisse der Ermittlungen beruhten auf Mutmaßungen.

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10.01.2017, 06:00 Uhr

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