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Biografien der von den Nazis weggejagten Stadträte werden erforscht

Ehre nur, wem Ehre gebührt

Auf die Gedenktafel zur Ehrung jener Stadträte, die 1933 von den Nazis aus dem Amt gedrückt wurden, muss Tübingen noch einige Zeit warten. Auf Wunsch des Kulturausschusses soll sich jetzt erstmal die Geschichtswerkstatt des heiklen Themas annehmen.

03.07.2011
  • Sepp Wais

Tübingen. Im Grunde sind sich im Rathaus alle einig: Die Stadt soll und will den Opfern der Nazis ein ehrendes Andenken bewahren, also auch jenen Stadträten, die von den Nazis aus ihren Wahlämtern vertrieben oder verdrängt wurden. Offen ist allerdings die Frage, wie das Andenken am besten bewahrt werden kann und wem es gelten soll. Darüber wird seit vier Jahren im Rathaus gehirnt und gestritten, bisher ohne Ergebnis.

Angestoßen wurde die Debatte von den Linken, die 2007 den Antrag stellten, allen von den Nazis verfolgten Stadträten und auch sonst allen Tübinger Nazi-Opfern posthum die Ehrenbürgerschaft zu verleihen. Dafür gab es in der städtischen „Kommission des Erinnerns“, die in kleiner Runde das heikle Thema aufarbeiten sollte, keine Mehrheit. Stattdessen einigte man sich – ein Jahr später – auf den Kompromissantrag der SPD, wenigstens die um ihr Wahlamt gebrachten Stadträte auf einer Tafel im Rathaus zu ehren.

Doch auch das lehnte die Stadtverwaltung damals ab. Die offizielle Begründung für das zögerliche Nein lieferte Kulturamtsleiter Wilfried Setzler: „Die Vorgänge von 1933 sind so komplex, dass sich ihre Darstellung nicht für eine – auf wenige Sätze angewiesene – Gedenktafel eignet.“ Ihn drückte vor allem die Sorge, dass die Stadt mit der Nennung aller 24 Ratsherren, die unter den Nazis ihr Mandat einbüßten, womöglich die Falschen ehrt. Nicht ohne Grund. So wusste man damals schon, dass mehrere Stadträte (etwa von der Kampffront Schwarz-Weiß-Rot) nach der Auflösung ihrer Fraktion als Gäste der NSDAP im Rat blieben.

Mit solchen Bedenken stieß Setzler bei den Fraktionen durchaus auf Verständnis. Für andere aber erntete er nichts als Empörung. Etwa für den Hinweis, dass die drei SPD-Räte nicht gegen die Verhaftung ihres KPD-Kollegen Hugo Benzinger protestiert und sich bald darauf – nach dem Ausschluss von allen Beratungen – selber resigniert zurückgezogen hätten. Auch andere hätten den Rat „aus freien Stücken“ verlassen. So zum Beispiel der jüdische Rechtsanwalt Simon Hayum. Der DDP-Sprecher reichte bereits am 31. März 1933 seinen Rücktritt ein, wohl um einem Rauswurf zuvorzukommen.

Wollen ausgestoßene Kollegen zurückholen

Um derart unsicheres Terrain politisch korrekt in großem Bogen zu umgehen, schlug die Stadtverwaltung – wiederum zwei Jahre später – dem weiterhin auf eine Gedenktafel bestehenden Gemeinderat einen Kompromiss vor: Um die vertriebenen Stadträte angemessen zu ehren und „künftige Generationen vor dem Verlust der Demokratie zu warnen“, solle am Ort des Geschehens eine Tafel angebracht werden. Aber ohne Namen, damit „unliebsame Entdeckungen“ ausgeschlossen bleiben. Stellvertretend für alle solle lediglich der Name und das Schicksal von Simon Hayum angeführt werden.

Doch darauf wollte sich keine der Ratsfraktionen einlassen – weder im Oktober 2010, als die Verwaltung die Kompromissvariante einbrachte, noch am vergangenen Donnerstag, als OB Boris Palmer im Kulturausschuss ein zweites Mal sein Glück damit versuchte. „Wir wollen nicht allgemein Nazi-Unrecht anprangern“, hielt SPD-Sprecher Klaus te Wildt dagegen: „Wir wollen unsere ausgestoßenen Kollegen zurückholen, unter uns wissen, ihre Gesichter lebendig machen und ihre Namen kennen!“

In diesem Sinne verlangten auch die übrigen Fraktionen, dass der Nazi-Opfer nicht anonym, sondern namentlich gedacht wird. Mit einer Vorgabe: Ehre nur denen, denen wirklich Ehre gebührt! Um das sicherzustellen, soll nun die Tübinger Geschichtswerkstatt (sonst hat sich niemand in der Unistadt dazu bereit erklärt) die Biografien aller 24 Ratsherren erforschen, die unter den Nazis ihre Ämter verloren.

Die aufwändigen, auf 10.000 bis 12.000 Euro veranschlagten Recherchen sollen spätestens bis zum Frühjahr 2013 abgeschlossen sein – damit bis zum 80. Jahrestag der nationalsozialistischen Machtergreifung vielleicht doch noch was wird mit der Gedenktafel.

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03.07.2011, 12:00 Uhr

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