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Lifestyle

Eigenheim auf vier Rädern

Beim ersten Bus-Bastler-Basecamp in Horb zeigten Minimalisten auf der Schütte, wie man sein Gefährt zur fahrenden Wohnung umgestalten kann.

22.10.2018

Von Andreas Wagner

Beim ersten Bus-Bastler-Basecamp fanden sich circa 130 Fahrzeuge ein. Bilder: Wagner

Unabhängig und frei sein. Dieses Gefühl beschleicht wohl jeden jungen Erwachsenen, der seinen Führerschein frisch bestanden hat und die erste Ausfahrt mit seinen Kumpels kaum erwarten kann. Für die Besucher des „1. Bus-Bastler-Basecamps“ auf dem Campingplatz Schütte in Horb am vergangenen Wochenende steckt mehr hinter den Begriffen Freiheit und Unabhängigkeit. Für einige Personen aus der Szene sind diese Worte zu einem essenziellen Lebensinhalt geworden.

Dazu gehört ein Fahrzeug mit mindestens vier Rädern, in welchem man seinen Alltag dauerhaft verbringen kann. Dies muss nicht unbedingt ein geräumiger Transporter sein. Manchen reicht sogar ein Kombi mit Dachzelt als Schlafgelegenheit für das tägliche Leben aus. So auch im Falle von Lukas (30), der seit zwei Monaten in, oder wohl besser, auf seinem Fahrzeug lebt. Lukas installierte unter anderem an seinem Renault Laguna ein Hartschalendachzelt, das sich zur nächtlichen Stunde aufkurbeln lässt. Seine letzte Wohnung hat der mobile Personal-Trainer komplett entrümpelt und gekündigt. „Ich war als Trainer komplett ausgebucht. Ich fuhr morgens um 6 Uhr zur ersten Klientin und bin nachts völlig tot um 22 Uhr ins Bett gefallen und konnte nicht mehr“, erzählte Lukas und erklärte weiter: „Ich konnte gut leben von dem Beruf, aber ich hatte kein Leben mehr und von meiner Wohnung hatte ich auch nichts. Ich war ja nie da.“

Wohnung nur ein Kostenfaktor

Statt einem Berufswechsel strebte der Fitnesstrainer an, seine Fixkosten zu senken. Hierbei sei die Wohnung das größte Manko gewesen. „Ich zappel mich hier für etwas ab, wovon ich eh nichts habe“, konstatierte Lukas. Zuerst habe dieser an ein Wohnmobil als Alternative nachgedacht, bevor er über einen YouTube-Kanal auf Dachzelte aufmerksam wurde. Auf dem „Dachzelt Festival“ kam der 30-Jährige mit Anhängern der Szene schnell in Kontakt und wurde vom Lebensgefühl dieser und der Atmosphäre angesteckt. „Die leben in ihren Autos und sind zudem sehr geschäftstüchtig und dabei auch noch unglaublich menschlich“, stellte Lukas fest.

Dies erklärte auch die unterschiedlichen Workshops, die auf „Bus-Bastler-Basecamp“ angeboten wurden. Kfz-Folierung, Möbelbau sowie Drohnen- und Fotografie-Workshops wurden von den zum Teil in den Sparten berufstätigen Personen angeboten. So auch beim 37-jährigen Christian, der einen Kfz-Instandhaltungs-Workshop ausrichtete. Auch er will sich dem Leben auf vier Rädern zusammen mit seiner Freundin Maren (35) und dem Hunderüden Dexter (8) anschließen. Seinen VW Crafter (Baujahr 2011) gestaltete der Kfz-Mechaniker im Innenbereich mit Eichenparkettholz aus, das von einem ehemaligen Abrisshaus stammte. Kork im Decken- und Fußbodenbereich verabreichen dem mobilen Zuhause nicht nur einem warmen Look, sondern es isoliert auch noch zusätzlich. „Ich versuche gerade, meinen Job auf die Straße zu bringen. Das fängt bei der Beratung zum Ausbau oder Fahrzeugkauf an bis hin zur Frage, wie man ein Loch in ein Fahrzeugdach schneidet“, erklärte Christian.

Ortsunabhängiges Arbeiten

Seine Freundin Maren ist bereits einen Schritt weiter. Sie hat sich in ihrem Beruf als Grafikdesignerin selbständig gemacht und kann ihre Geschäfte ortsunabhängig betreiben. „Ich brauche nur einen Rechner und Internet und das funktioniert auch ganz gut“, gab sich Maren zufrieden. Die Beiden wurden durch ihre vergangenen Beziehungen dazu gebracht, ihr eigenes Leben zu hinterfragen, wobei Christian und Maren zu derselben Erkenntnis kamen: „Macht das Sinn, zu arbeiten, abends auf die Couch zu liegen, Chips zu essen, morgens wieder aufzustehen und wieder arbeiten zu gehen und das 60 Jahre lang? Nö, das wollen wir nicht“, stellten beide fest. „Wir haben eben auch nach einer Möglichkeit gesucht, aus dem Alltag auszubrechen und da ist das Auto eine gute Möglichkeit“, erklärte Maren, die zusammen mit Christian das Leben auf vier Rädern über den YouTube-Kanal Road & Board dokumentiert.

Auch Janosch (34) und Kathrin (34) fahren mit ihrem VW Bus T5, einem ehemaligen Krankenwagen, dem Alltag des Öfteren davon. „Wir arbeiten beide in Führungspositionen und es ist so ein geiles Gefühl, wenn man einfach von einer stressigen Woche weg fahren kann“, erzählte Janosch. Einiges sei am Fahrzeug noch in Planung. Die Kochmulde werde noch fest verbaut und eine Standheizung soll das Campen im Winter erträglich machen. Ein Kompressorkühlschrank sowie ein kleiner Flatscreen-Fernseher verleihen dem Modell beinahe einen luxuriösen Touch, wenn man dieses mit den eher minimalistisch veranlagten Nachbarn vergleicht. „Das Fahrzeug ist immer gepackt, damit wir jederzeit weg fahren können“, erzählte der 34-jährige Disponent, der sich durchaus auch ein Leben in seinem VW-Bus auf der Straße vorstellen könnte.

In dem Setra-Bus von 1983, mit dem Thomas (49) aus Böblingen anreiste, würde wohl jeder gerne einmal eine Nacht verbringen, denn dieses mobile Zuhause ließ keine Wünsche mehr offen.

Sieben Bette und ein Kaminofen

„Manche wissen nicht, wo sie ihr Surfbrett unterkriegen sollen und der hat ein Longboard im Wohnzimmer“, stellte einer der dutzenden Besucher fest, die sich um das Fahrzeug scharten. Der ehemalige Bücherei-Bus wurde unter anderem mit insgesamt 800 Watt Solarenergie, einer halben Tonne Wasservorrat, einem Gastank, einer Smart-Home-Steuerung, Gefrierschrank, sieben Betten und einem Kaminofen ausgestattet. Dies macht sich natürlich auch in dem stolzen Gesamtgewicht von 14 Tonnen bemerkbar. Der außergewöhnliche Umbau dient als Mietobjekt für Industriebetriebe, die diesen unter anderem als Meetingraum nutzen können.

Initiator und Veranstalter Manuel Lemke gab sich äußerst zufrieden über die Resonanz am Wochenende, denn circa 130 Fahrzeuge fanden auf dem Horber Schüttehof einen Platz. Daher wird es auch eine Fortsetzung des „Bus-Bastler-Basecamps“ im kommenden Jahr geben, wie Lemke vor Ort bereits mitteilte. Aufgrund der hohen Nachfrage könne aber durchaus sein, dass der Veranstalter nach einer größeren Fläche Ausschau halten müsse.

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Erstellt:
22. Oktober 2018, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
22. Oktober 2018, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. Oktober 2018, 01:00 Uhr

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