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Eigenverantwortlich und selbstbestimmt: Studenten stärker im Stress als Berufstätige
Leistungsdruck stresst Studenten. ⇥Foto: Fotolia
Vielen fehlen klare Strukturen

Eigenverantwortlich und selbstbestimmt: Studenten stärker im Stress als Berufstätige

Mehr als die Hälfte aller Studierenden in Deutschland fühlt sich belasteter als Beschäftigte im Job. Doch woran liegt das und wie schafft man Abhillfe?

12.10.2016
  • KRISTINA BETZ

Die Studentenzeit wird oft romantisiert: Von vielen als die beste Zeit des Lebens bezeichnet, gebe es viel Freiheit und Zeit, sich in Praktika oder Auslandsaufenthalten auszuprobieren. Dabei zeichnet eine am Dienstag veröffentlichte Studie der Krankenkasse AOK ein anderes Bild: 53 Prozent aller 18 000 befragten Hochschüler beklagten, unter massivem Stress zu stehen. Zum Vergleich: Bei einer Umfrage unter Arbeitnehmern im vergangenen Jahr waren es 50 Prozent. Wieso strapaziert ein Studium stärker, wenn auch nur geringfügig, als das Arbeitsleben?

Rainer Sturm von der Psychosozialen Beratungsstelle des Studierendenwerks Tübingen-Hohenheim hat eine Vermutung: „Im Studium muss man sehr viel eigenverantwortlich und selbstbestimmt arbeiten. Vielen fehlen die klaren Strukturen.“ Eine feste Aufgabe, eine klare Rolle und vorgegebene Arbeitszeiten erleben viele Studenten als einfacher, so Sturm. Dies ist der Grund, weshalb viele Studierende nach einem Praxissemester oder einem Praktikum erholter in die Sprechstunde kämen.

Ein Ergebnis der AOK-Studie könnte diese Vermutung stützen: Studierende, die einer bezahlten Tätigkeit von bis zu 15 Stunden pro Woche nachgehen, sind weniger gestresst als Studenten ohne Nebenjob. Für Sturm liegt der Vorteil einer Nebenbeschäftigung auf der Hand: „Vor allem ein studiennaher Nebenjob motiviert. Die Studenten wissen dann, wofür sie studieren und haben eine sinnvolle und abwechslungsreiche Nebentätigkeit.“ Trotz weniger Freizeit, helfe ein Nebenjob gegen Stress. Und das obwohl die Studie zeigt: Das Studium an sich ist schon ein Fulltime-Job. Rund 35 Stunden investieren Studenten in Deutschland wöchentlich in Vorlesungen, Seminare, Hausarbeiten und Recherchen an der Uni. Etwa sieben Stunden kommen für Nebenjobs hinzu.

Als Hauptgrund für das hohe Belastungsgefühl werden die gestiegenen Anforderungen an Unis durch die europäische Studienreform „Bolognia“ von 1999 genannt. Vor allem Bachelorstudenten mit einer Regelstudienzeit von sechs Semestern fühlen sich unter Druck gesetzt. „Früher gab es noch ein bis zwei Semester Eingewöhnungszeit, die fehlen jetzt. Viele Studierende haben das Gefühl möglichst schnell fertig werden zu müssen. Da kommt häufig Hektik auf, die dann zu Stress führt“, weiß Sturm. Laut der Leiterin der AOK-Studie, Uta Herbst, seien auch Angst vor Überforderung und hoher Leistungsdruck Grund für das Ergebnis.

Als stressigste Studienfächer erwiesen sich das Studium der Veterinärmedizin, während Studierende der Sportwissenschaften mit Abstand am wenigsten von Stress betroffen sind. Die Untersuchung zeigt auch, dass weibliche Studierende mehr unter den Anforderungen leiden als ihre männlichen Kommilitonen und dass an staatlichen Universitäten die Studenten mehr im Stress sind als an privaten Hochschulen. Stressfaktoren gebe es aber in jeder Hochschulform, meint Sturm: „Viele begleitet ständig ein schlechtes Gewissen und das Gefühl, nie fertig zu sein. Das geht an die Substanz.“

Tipps gegen Druck im Studium

1. Klare Zeitstrukturen Rainer Sturm von der Psychotherapeutischen Beratungsstelle empfielt Freizeit und Studium klar zu trennen, um Gliederung in den oft unstrukturierten Studienalltag zu bringen und klar abgegrenzte Ruhepausen zu schaffen.

2. Differenzieren Besonders ehrgeizige Studenten sollten lernen, ihren Leistungsanspruch in einzelnen Fächern zu drosseln. „Wo es ein Herzensanliegen ist, eine perfekte Leistung zu erbringen, kann man den Anspruch durchsetzen“, so Sturm.

3. Ausgleich „Das Studium ist zu lang, um auf das Leben zu verzichten“, sagt Sturm und rät Studenten, sich Zeit für Hobbys zu nehmen. Sport oder künstlerische Beschäftigungen seien der ideale Ausgleich zum trockenen Studium.

4. Soziale Kontakte Mit anderen zu reden, auch über andere Themen als das Studium, kann helfen abzuschalten. „Manchmal muss man auf andere Gedanken kommen und sich ablenken, das geht am besten über den Austausch mit Freunden.“⇥krib

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12.10.2016, 06:00 Uhr

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