Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Der „Prototyp eines Betrügers“

Ein 46-Jähriger stahl aus einem Büro zwei EC-Karten

Der Prototyp eines klassischen Betrügers stand gestern vor dem Amtsgericht. Zwölf Jahre seines Lebens saß er schon im Knast – ohne sich zu bessern. Im Januar hat er einem Horber Unternehmer den Geldbeutel samt EC-Karten gestohlen und 2800 Euro abgehoben.

02.09.2010
  • Martina Lachenmaier

Horb. Der aktuelle Wohnsitz des 46-jährigen Angeklagten ist im Rottenburger Gefängnis, wo er seit Februar eine Strafe von 15 Monaten verbüßt. Jetzt wird sein Aufenthalt in der JVA Rottenburg länger dauern, denn Amtsrichter Wolfgang Heuer verurteilte ihn wegen Diebstahl und Computerbetrugs zu weiteren 15 Gefängnismonaten.

Opfer dieses Betrugs wurde ein Horber Unternehmer. Zu ihm suchte der Angeklagte gezielt Kontakt. Mit dem Vorwand, er wolle sich nach einem Bildungsträger als Kooperationspartner umschauen, ist es ihm gelungen ins Büro des Opfers vorzudringen. Nach Gesprächsende verließ er das Zimmer und entdeckte dabei in der Jackentasche des Geschädigten dessen Geldbeutel. Der Angeklagte schlich sich unbemerkt in das Büro zurück und entwendete den Geldbeutel. 15 Euro fand er darin. Zudem zwei EC-Karten und die zugehörige Pin-Nummer. So war es für den Angeklagten ein Leichtes, sich auf den Konten des Opfers zu bedienen. 400 Euro hat er vom Privatkonto, weitere 2400 Euro vom Geschäftskonto des Opfers abgehoben.

Es sei grobe Fahrlässigkeit, die Pin-Nummern im Geldbeutel bei der EC-Karte aufzubewahren, so Richter Wolfgang Heuer. Das Opfer bleibt auf seinem Schaden sitzen, denn die Bank leistet keinen Schadenersatz und vom Angeklagten wird auf lange Sicht wohl auch nichts zu holen sein. In Horb hat der Angeklagte 1000 Euro abgehoben, in Böblingen fünf mal hintereinander 200 Euro und einen Tag später in Calw weitere 400 Euro. Weil der Geschäftsmann erst am anderen Tag den Diebstahl seines Geldbeutels bemerkte, hatte der Betrüger genügend Zeit, sich von den Konten zu bedienen. Wie das Opfer berichtet, hat sich der Angeklagte damit wohl noch einen schönen Tag an diversen Spielautomaten gemacht.

Der Angeklagte stellte sich selbst der Polizei und legte dort ein umfassendes Geständnis ab. Der als Zeuge geladene Geschädigte gab zu Protokoll, dass der Angeklagte keineswegs geschäftliche Beziehung anbahnen wollte. Vielmehr habe sich dieser gezielt und unter dem Vorwand, für ein Bekannte einen Ausbildungsmöglichkeit zu suchen, Zugang zu seinem Büro verschafft.

Als 15-Jähriger begann der Angeklagte 1978 seine Betrügerkarriere zunächst als Dieb. Später stahl er aus Büros, Krankenhäusern und Wartezimmern Handtaschen, Schecks, Geldbeutel und EC-Karten, um an Geld zu kommen. 1987 musste der Angeklagte, der in einem Heim aufwuchs, erstmals ins Gefängnis. Mit Unterbrechungen hat er seither zwölf Jahre seines Lebens hinter Gittern verbracht. Erst im Juni 2007 war er wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Als Ungelernter mit Fachabitur gründete er eine Weiterbildungsfirma, heuerte arbeitslose Dozenten bei der Arbeitsagentur an und kam auch mit selbiger ins Geschäft. Er organisierte Weiterbildungen zum Schuldenberater und im technischen Bereich und lebte nicht schlecht davon. Als die Arbeitsagentur endlich bemerkte, mit welchem Ganoven sie Geschäfte gemacht hat und ihm keine Kursteilnehmer mehr vermittelte, ging es mit seinem Geschäft bergab. Im Dezember vergangenen Jahres war er pleite. Weil er als Geschäftsführer dieser Weiterbildungsfirma übrigens an seinen Vermieter nie Miete zahlte, verbüßt er gerade eine Strafe von einem Jahr und drei Monaten im Rottenburger Gefängnis.

Als er im Januar den Horber Unternehmer bestohlen hat, wusste der Angeklagte, dass er im Februar diese Strafe antreten muss. „War ihm alles egal? Oder hat sich das Betrügerverhalten bereits so sehr eingeschliffen, dass er nicht anders konnte?“ Amtsrichter Wolfgang Heuer verdeutlichte dem Angeklagten, den er für „den Prototyp eines Betrügers“ hielt, dass bereits jetzt die Voraussetzungen für eine Sicherheitsverwahrung erfüllt seien. „Sie stehen am Scheideweg. Entweder Sie kriegen die Kurve, oder Sie verbringen den Rest Ihres Lebens im Knast.“ Lediglich das Geständnis des Täters und der Umstand, dass er die Tat in einer psychischen Ausnahmesituation des bevorstehenden Haftantritts beging, habe ihn vor einer psychiatrischen Begutachtung (sie ist eine Voraussetzung für die Sicherheitsverwahrung) bewahrt.

Bei der Urteilsfindung erkannte der Richter im Gegensatz zur Staatsanwaltschaft keinen geschäftsmäßigen Betrug. Er legte das Strafmaß zwischen dem vom Verteidiger geforderten „unter einem Jahr“ und den von der Staatsanwaltschaft geforderten 18 Monaten fest.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

02.09.2010, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball